Nora Szech vom Institut für Politische Ökonomie am KIT (ECON). | Foto: G. Zachmann © KIT

Markt und Moral

KIT-Professorin Nora Szech über den Wert eines Mäuselebens

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Welche Faktoren siegen, wenn wir uns beim Einkaufen für ein Produkt entscheiden – der Preis oder vielleicht doch die Produktionsbedingungen? Diese Frage versucht Nora Szech mit dem Mittel der Experimentalforschung zu beantworten. Die Professorin ist Inhaberin des Lehrstuhls für Politische Ökonomie am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Im Gespräch gibt sie einen Einblick in diese Untersuchungen, erklärt den Zusammenhang zwischen Markt und Moral und wie viel den Menschen das Leben einer Maus wert ist.

Unser Mitarbeiter Philipp Kungl im Gespräch mit Nora Szech

Frau Szech, wenn ein Mensch in den Supermarkt geht und die freie Auswahl hat, worauf achtet er dann primär? Auf den Preis, die Qualität oder die Produktionsbedingungen?

Nora Szech: Für einen Großteil der Menschen in unserer Gesellschaft spielt tatsächlich der Preis eine sehr wichtige Rolle. Auch die Qualität des Produkts ist sicherlich relevant. Was allerdings oft in den Hintergrund rückt, sind die Produktionsbedingungen.

Die Maus retten oder Profit machen?

Welche Einflüsse auf uns beim Kauf einwirken und warum wir diese moralischen Faktoren oft vergessen, das ist die Leitfrage Ihrer Forschung.

Nora Szech: Ganz genau. Um das herauszufinden, haben wir Teilnehmer eingeladen, die per Zufall entweder die Rolle eines Käufers oder eines Verkäufers einnehmen sollten. Verhandelt wurde immer über das Leben einer Maus – das waren Labormäuse, die ansonsten sicher getötet worden wären. Jeder Teilnehmer konnte nun frei entscheiden: Entweder die Maus retten und dafür auf eigenen Profit verzichten oder stattdessen Geld bekommen. Und wenn die Leute individuell entschieden haben, hat auch die Mehrheit auf diesen Profit verzichtet.

… und sich stattdessen für das Leben der Maus entschieden.

Nora Szech: Richtig. Es ging dabei um zehn Euro und diese Teilnehmer haben dann lieber die Maus gerettet. Im Nachhinein waren sie auch nahezu alle mit ihrer Entscheidung zufrieden und haben sie nicht bereut. Anders war das Entscheidungsverhalten bei Teilnehmern, die in Märkten entschieden haben.

Wenn Sie von Märkten reden, meinen Sie dann einen kleinen Markt, wie wir ihn beispielsweise im Einzelhandel sehen, oder einen großen, börsenähnlichen Markt?

Nora Szech: Sowohl als auch. Wir hatten zum einen Situationen, bei denen die Maus direkt vom Verkäufer zum Käufer übergeben und quasi auf dem Weg getötet wurde. Aus diesem Handel entstand dann ein Profit. Und wir hatten einen großen, börsenähnlichen Markt, bei dem man am Computer konkrete Angebote machen und auch mit anderen Käufern konkurrieren konnte. Das Ergebnis war, dass schon bei den kleinen Märkten etwa drei Viertel der Teilnehmer bereit waren, die Maus zu opfern – bei den größeren Märkten war die Tötungsbereitschaft sogar noch etwas höher. Hier entschieden sich viele bereits für fünf Euro gegen das Leben der Maus.

Andere haben es ja auch gemacht….

Das klingt ziemlich erschreckend. Wie kommt es, dass wir in Kaufsituationen die Moral vergessen? Sinkt die Hemmschwelle, wenn sich viele andere genauso entscheiden?

Nora Szech: Das kann man schon so sagen. Wir haben die Teilnehmer danach auch zu ihrer Entscheidung befragt und oft Sätze gehört wie: „Na ja, andere haben es ja auch gemacht, dann kann es nicht so schlimm sein.“ Auch der Wettbewerbsgedanke hat großen Einfluss auf unser Verhalten.

Welche Rolle spielt die Verdrängung? Die Arbeiter in der Textilfabrik in Indonesien beispielsweise sind für uns ja erst einmal emotional und physisch weit weg.

Nora Szech: Wir konnten mittlerweile in Folgestudien sehen, dass tatsächlich alleine die physische Distanz eine große Rolle spielt. Das ist sicherlich auch in vielen anderen Situationen der Fall, wenn es zum Beispiel darum geht, wie verantwortlich wir uns für Menschen in Not fühlen.

Welche Personen haben sich bei Ihrem Experiment moralischer Verhalten? Männer oder Frauen? Wohlhabende oder ärmere Leute?

Nora Szech: Prinzipiell geht die Tendenz typischerweise in die Richtung, dass Frauen moralischer handeln. Wichtig scheint die Erziehung der Menschen zu sein. Hier gibt es allerdings noch reichlich Forschungsbedarf.

Ihr Kollege, der Wirtschaftswissenschaftler Armin Falk, sagte 2013, dass der Markt die Moral zerstört. Wie sehen Sie diese Entwicklung heute?

Nora Szech: Es gibt schon Branchen, wo wir Verbesserungsversuche beobachten können. Auch vonseiten der Politik gibt es Ideen, stärker zu regulieren, welche Produkte überhaupt in unseren Markt eingeführt werden dürfen. Insgesamt glaube ich aber, dass es hier noch sehr viel Potenzial gibt.

Stellen Sie denn gravierende Unterschiede in einzelnen Branchen fest?

Nora Szech: Also wir sehen in der Lebensmittelbranche schon einen Trend zur Nachhaltigkeit, aber man spricht hier immer noch von einer Lücke zehn zu eins. Das heißt, sehr viele Menschen sagen: „Massentierhaltung, das wollen wir keinesfalls.“ Schaut man sich aber den Inhalt der Einkaufswägen an, so sieht man von diesen Bekundungen nur etwa zehn Prozent umgesetzt.

Es dem Konsumenten einfach machen

Was muss aus Ihrer Sicht also geschehen, damit die Moral wieder mehr Gewicht bei unseren Kaufentscheidungen erlangt?

Nora Szech: Ich finde es immer gut, wenn es den Konsumenten einfach gemacht wird, die Fairtrade-Schokolade also im Regal direkt neben dem konventionellen Produkt steht. Natürlich ist auch wichtig, den Menschen zu zeigen, unter welchen Bedingungen ihre Produkte hergestellt werden. Letztlich dürfen wir aber auch nicht glauben, dass der Markt das alles von alleine löst. Man muss überlegen, welche Regeln wir für die Einfuhr von Waren haben wollen, damit wir die Arbeitsbedingungen auch in anderen Ländern zumindest auf ein Mindestlevel bringen können.

Mehr zur Person von Nora Szech lesen Sie hier.