U-Strab mit Kunst
Kunst am Bahnsteig: Die Animation zeigt die mögliche Karlsruher Unterwelt , wenn die U-Strab Ende 2020 fertig wird. Ein Werk von Markus Lüpertz hängt an der Wand. | Foto: Art Connection

U-Strab-Kunst in der Kritik

KIT und Zoo machen nicht mit

Das von Anton Goll angetriebene Großprojekt „Lüpertz-U-Strab-Majolika“ hat mit neuer Kritik zu kämpfen. Ausgerechnet der Versuch einer PR-Offensive des Karlsruher Promoters löst heftige Gegenreaktionen aus. Der Gemeinderat stimmte vorige Woche für die Kachelkunst – als Geschenk oder als Leihgabe von einem noch nicht gebildeten Verein und ohne Empfehlung der städtischen Kunstkommission. Inzwischen gehen die drei von Goll beispielhaft als Unterstützer genannten Institutionen auf Distanz. KIT, Zoo und Tollhaus erklären gegenüber den BNN, dass sie Goll keinerlei Zusagen gemacht haben. Das Tollhaus verwahrt sich auch inhaltlich gegen eine Vereinnahmung.

Das war ein Fehler

Goll räumt gegenüber den BNN ein: „Das war ein Fehler.“ Er hätte die Namen nicht als Unterstützer nennen dürfen. Er habe bei ihnen lediglich Begeisterung beziehungsweise keine Einwände gegen die von ihm und Lüpertz inszenierte Karlsruher „Schöpfungsgeschichte“ unter der Erde geerntet. Der Lüpertz-Promoter Goll gibt weiter an, dass ihm von Sponsorenseite bislang 600 000 Euro zugesichert seien. „Verbucht ist aber noch nichts“, erklärt Goll. Die notwendige Million will er bis Jahresende gesammelt haben, damit Lüpertz mit seinem 14-teiligen Werk zur „Genesis“ loslegen kann.

 

Markus Lüpertz
Der Künstler Markus Lüpertz will die Karlsruher U-Strab-Stationen mit seiner Kunst im Majolikarelief bereichern. | Foto: Artis

„Es trifft nicht zu, dass das KIT Sponsor bei diesem Projekt ist. Von etwaigen entsprechenden Aussagen von anderer Seite möchten wir uns ausdrücklich distanzieren“, heißt es in der Stellungnahme. „Das KIT finanziert sich aus Steuergeldern – damit kann und darf es von vornherein private Initiativen dieser Art nicht als Sponsor mitfinanzieren“, erläutert Pressesprecherin Margarete Lehné. Inhaltlich wolle sich das KIT überhaupt nicht zu Golls Marketing und der Lüpertzschen Schöpfungsgeschichte positionieren, ergänzt sie.

 

Tiere am Bahnsteig

„Ich habe mich begeistert gezeigt, dass Tiere in der Station der Schöpfungsgeschichte in Zoonähe von Lüpertz dargestellt werden“, bestätigt Zoodirektor Matthias Reinschmidt. „Ich habe aber gleich gesagt, dass wir uns finanziell in keiner Weise beteiligen.“ Überhaupt habe er „keine Unterstützung“ zugesichert. Das Tollhaus hatte bereits vor zwei Tagen energisch Goll widersprochen: Es wolle in keiner Form mitmachen und lehne das U-Strab-Kunstprojekt aus mehreren Gründen generell ab.

 

Anton Goll
Anton Goll ist der Motor des Lüpertz-Kunstprojekts für die U-Strab-Bahnsteige. Nach der Entscheidung des Gemeinderats gibt es neuen Wirbel auch nach Äußerungen von ihm. | Foto: jodo

Alle vier künstlerischen Beiräte haben in der außerdem mit sechs Politikern besetzten Kunstkommission der Stadt das Lüpertz-Projekt als inakzeptabel scharf kritisiert. Dies belegt ihre den BNN vorliegenden Stellungnahme. Auch mehrere Kulturinstitutionen lehnen die Lüpertz-Installation ohne Wettbewerb ab. Bislang hat nur ZKM-Chef Peter Weibel das Projekt und die Stadtpolitik in dieser Sache öffentlich angegriffen. Entschieden bleibt dagegen Goll bei seiner Einschätzung: „Wen ich auch ansprach, alle waren dafür.“ Hätte er eine Ablehnungsfront in den Kulturkreisen gespürt, dann hätte er doch das Projekt gar nicht mit großem Elan weiterverfolgt, meint Goll.

 

BNN-Bericht vom 29. Juli

 

Wenn zu Weihnachten 2020 im Osten – im Untergrund des Durlacher Tors – die Sonne aufgeht, dann hat es Anton Goll geschafft: Die von Markus Lüpertz auf Majolika-Kacheln frisch erschaffene Schöpfungsgeschichte lässt die Kunstwelt auf Karlsruhe schauen. Die als „Milliardengrab“ verschriene U-Strab, für deren Bau dann elf Jahre ins Land gegangen sind, genießt dank dem in nur eineinhalb Jahren ausgeführten „Millionending“ des Duos Goll-Lüpertz globale Wertschätzung.

 

„Millionending“ fürs „Milliardengrab“

Für diese Vision legt der wortreiche Werber nach dem für ihn und Lüpertz günstigen Gemeinderatsbeschluss jetzt erst so richtig los. Goll strotzt vor Optimismus. „Ein Hype geht durch Deutschland“, stellt der frühere Majolika-Chef fest. Die nationalen Medien überschlügen sich mit Hymnen zu seinem Plan für Karlsruhes Marketingsprung. „Schon jetzt macht dadurch der Werbewert für die Stadt fast eine Million Euro aus“, meint er. Das ist die gleiche Summe, die Goll von Sponsoren für die 14-fache Lüpertz-Kachelei einstreichen muss.

Riesenstaffelei bei der Majolika

Der Meister selbst fertigt sein U-Strab-Werk für jeweils beide Bahnsteige der sieben U-Strab-Stationen auf einer Riesenstaffelei bei der Majolika im Hardtwald an. Dass die Stadt sich an den Kosten für das von Goll locker auf viele Millionen Euro taxierte Werk nicht beteiligt, findet Goll in Ordnung. „Sehr weh“ aber tue es, wie er auf Fragen zugibt, dass „dieses einzigartige Kunstwerk“ nach nur sechs Jahren aus der U-Strab entfernt werden soll. Da schüttelt Anton Goll nur mit dem Kopf, aber vielleicht überlege es sich die Stadtpolitik ja noch anders. Dann sei auch eine Dauerleihgabe für die unterirdische Kunst möglich. Ein gemeinnütziger Verein soll bald das ganze Projekt stemmen.

Geld noch nicht zusammen

Derzeit aber steht weder der Verein, noch ist das Geld aus Privathand zusammen, räumt der Promoter ein. Goll ficht das überhaupt nicht an, so gewaltig seien die Reaktionen auf seine Idee, die „schon in aller Munde“ sei.

Am Anfang war das Licht

„Am Anfang war das Licht“, das ist die Erkenntnis des „in vielen Clubs vernetzten“ Marketingstrategen Anton Goll. Und ihm ging das Licht auf, dass das U-Strab-Lichtkonzept für „weiße Kathedralen“ unter Karlsruhe „die einmalige Chance für die Stadt“ verschenke. Dabei sei doch Karlsruhe die für ihre Größe stärkste Kunst- und Kulturstadt der Republik. Deshalb lässt er seinem Slogan „Karlsruhe ist jung und Kunst erfahren“ den Spruch „Karlsruhe soll Kunst erfahren“ folgen.

Anton Goll rührt die Werbetrommel

„Wir brauchen ein gewaltiges Zugpferd“ – für die Kultur, das Stadtmarketing, den Einzelhandel und den Nahverkehr. Und Anton Goll hat es gefunden: „Lüpertz ist ein genialer Künstler, einer der größten Deutschen – Lüpertz ist selbst ein Kunstwerk.“ Dazu sei „diese Marke“ mit Glamour, Bentley und silbernem Krückstockknauf kein Mann des künstlerischen Elfenbeinturms, sondern auch ein Wortkünstler, „mit dem auch die Bildzeitung und die Bevölkerung etwas anfangen können“. So wird für Goll die U-Strab zur „kleinen Elbphilharmonie“.

Profit für die Stadt

In Scharen pilgerten deshalb ab 2020 aus aller Welt die Menschen in die Fächerstadt. In Golls Schöpfungsgeschichte entsteht eine Lüpertz-Strab. Immerhin habe ein Lüpertz in der Werbeflächengröße von zwei auf 4,5 Meter „einen Wert von 400 000 Euro“, nennt Goll Zahlen. Und Goll rechnet die Wirkung dieser Kunst im Tunnel hoch: „Das bringt fünf Millionen Euro Werbung für die Stadt.“ Bei solchen Aussichten kann Goll keine Probleme beim Aufbringen von einer Million erkennen, immerhin seinen ihm bereits 600 000 Euro in Aussicht gestellt worden. „Alle Angesprochenen sind begeistert, sie bekommen Gänsehaut, wenn sie vom Plan mit Lüpertz hören“, schwärmt er. Das KIT wolle mitmachen, genauso wie das Tollhaus oder der Zoo, sagt Goll. Der Promoter selbst verdient nach eigenen Angaben beim Geschäft der Majolika „nur eine kleine Provision“. Überhaupt weist er jegliche Kritik an seinem Lüpertz-Plan als völlig unbegründet und abwegig zurück.

„Genesis“ auf Fahrkarten

Stattdessen malt sich der Vermarkter Anton Goll bereits von mit U-Strab-Szenen der Lüpertzschen „Genesis“ bedruckte KVV-Fahrkarten aus: In Hotels werden sie an die Gäste aus aller Welt verkauft. Die Touristen könnten damit auf die U-Strab-Kunst abfahren. Mit dem Lüpertz im Tunnel bekommt Karlsruhe laut Goll „einen Knaller“, der Kulturtouristen aus aller Welt anlockt.

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