Feste Größe beim "Fest": Das 2001 gegründete Klassikorchester unter der Leitung von Johann J. Beichel. | Foto: Hora

Klassikorchester beim „Fest“

„Da ist sogar mal ein Cello geplatzt“

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Steigt ein Musiker in ein Taxi. Im Radio läuft „Die vier Jahreszeiten“. Sagt der Musiker: „Ah, Vivaldi.“ Darauf der Taxifahrer: „Sie haben ja keine Ahnung. Das ist Nigel Kennedy.“

Eine solche Anekdote dürfte im üblichen Klassik-Konzertbetrieb eher nicht von der Bühne zu hören sein. Wenn das speziell fürs „Fest“ zusammengestellte Klassikorchester die äußerst beliebte Sonntags-Matinee am Hügel gestaltet, gehört eine humorvolle Moderation zum Programm. „In einem solchen Rahmen wollen die Leute keine musikwissenschaftlichen Erklärungen, sie wollen unterhalten werden“, sagt Johann J. Beichel.

Schwung von Vivaldi

Der Pädagoge, der am KIT im Fachgebiet der Allgemeinen Pädagogik und Bildungsphilosophie lehrt, hat 2001 das „Fest“-Klassikorchester gegründet – und zwar genau aus diesem Impuls heraus: „Der damalige Programmleiter Rolf Fluhrer kam auch mich zu auf der Suche nach einem Orchester, das ein populäres Klassikprogramm bieten kann“, erinnert sich Beichel. Kein Problem: „Durch die Bruchsaler Barocktage hatte ich schon ein Barockensemble an der Hand, das Händel und Vivaldi drauf hatte.“

Mit dem Schwung, den Vivaldis Musik ausstrahlt, ging Beichel ans Werk: Das Barockensemble wurde durch weitere Musiker ergänzt, unter anderem stießen Mitglieder der Badischen Staatskapelle Karlsruhe hinzu. Und dann ging es mit einem Vivaldi-Programm auf die Bühne, die daraufhin für vier Jahre in Folge diesem festivaleigenen Orchester gehörte. „Nach 2004 sind wir dann immer im zweijährigen Rhythmus aufgetreten“, sagt Beichel. „Es gibt schließlich viele gute Ensembles, die sich hier auch präsentieren wollten.“

Da wird Temperament frei

Zehnmal hat Beichel das „Fest“-Klassikorchester bereits dirigiert, nach seinem nun elften Programm wird er seinen Abschied nehmen. „Im nächsten Jahr werde ich 70, da gilt es, Platz für Jüngere zu machen“, erklärt er. Zum Abschied schließt sich der Kreis: Präsentiert werden erneut Werke von Vivaldi. Und Beichel ist sich sicher, sein Ensemble wieder besonders energiegeladen zu erleben: „Zu den Besonderheiten auf dieser Bühne gehört, dass wir durch das Monitoring einen sehr fülligen Bühnenklang haben. Das setzt bei den Spielern hörbar das Temperament frei“, erklärt er.

Vertrauen auf Soundmix

Die Dynamik von Vivaldis Musik tue dann ein übriges – auch wenn das Stichwort „Dynamik“ einen etwas heiklen Punkt berührt. „Ein ganz großer Unterschied zwischen Saalkonzerten und von Open-Air-Auftritten ist, dass man als Dirigent bei einem Open-Air-Festival keinen Einfluss auf den Gesamtklang hat, weil die Zuhörer nicht den Originalklang des Orchesters hören, sondern das, was über die Verstärkeranlage kommt.“ Sorgen macht er sich deshalb nicht: „Mit Gerd Gruss am Mischpult arbeite ich auch seit 20 Jahren bei den Bruchsaler Barocktagen – da kann ich mich darauf verlassen, dass das Team genau weiß, was es tut und dass man zum Beispiel eine Bratsche nicht lauter macht als die zweite Geige.“

Ohne Stradivari

Ein weiterer Unterschied zum klassischen Konzertbetrieb in wohltemperierten Sälen: „Man muss sich klarmachen, dass die Bühne unter voller Sonneneinstrahlung steht. Das ergibt Temperaturen, die den Instrumenten nicht zuträglich sind. Da ist sogar schon mal ein Cello geplatzt: In der Hitze ist der Lack abgesprungen“, erinnert sich der Orchesterleiter. Kein Wunder, dass die beteiligten Musiker da nicht mit ihren wertvollsten Schätzen aufkreuzen: „Eine Stradivari spielt man da lieber nicht“, schmunzelt Beichel.

Picknick und Musik

Ebenso ist ihm klar, dass sein Publikum sich mindestens genauso für die auf Picknickdecken ausgebreiteten Frühstückshäppchen interessiert wie für die gebotene Musik. Dieses Wissen prägt auch die Programmplanung: „Da muss man nicht mit Janacek oder Ligeti kommen, zeitgenössischer Elan wäre hier fehl am Platz“, erklärt er. Vivaldi hingegen wird immer gern genommen, und auch die traditionelle, immer wieder geforderte Zugabe „Palladio“ von Karl Jenkins hat das Orchester natürlich im Gepäck.

Erstklassige Solisten

Gleichwohl sei die Klassik-Matinee kein Selbstläufer mit Nebenher-Wohlklang, sondern habe einen klaren Qualitätsanspruch. Einlösen will Beichel diesen über die Akteure: „Es gibt so viele herausragende Musiker in der Region“, erklärt er. „Daher haben wir immer erstklassige Solisten.“ Zu denen gehört in diesem Jahr der Karlsruher Flötist Johannes Hustedt. Er wird Vivaldis Werk „Il Cardellino“ (Der Distelfink) mit dem Orchester interpretieren. Das Konzert für Solo-Violine und Trompete in B-Dur op. 12 wird mit Isabel Steinbach (Violine), Konzertmeisterin des „Fest“-Klassikorchesters, und Bastian Lohnert (Trompete) gestaltet. Und als besonders originell kündigt Beichel die Interpretation eines Konzertes an, das Vivaldi für Piccoloflöte geschrieben hat und das nun beim „Fest“ von zwei jungen Vibraphon-Virtuosen interpretiert wird, die bei „Jugend musiziert“ ausgezeichnet wurden.

Auch zwei „Jahreszeiten“ sind dabei

Herausragende Solistin dieses Jahrgangs dürfte die Geigerin Aleksandra Manic sein: Die mehrfache Preisträgerin, 1992 in Serbien geboren, kam 2008 nach Deutschland, wo sie ihre Ausbildung als Jungstudentin an der Karlsruher Musikhochschule bei Ulf Hoelscher fortführte und seit 2012 bei Elina Vähälä studiert. Sie wird mit dem Orchester zwei Sätze aus den „Vier Jahreszeiten“ darbieten, passenderweise den Frühling und den Sommer. Und vielleicht wird in Karlsruhe hier schon ein Vorgeschmack auf eine spätere Karriere serviert. Wer weiß denn, ob nicht irgendwann ein Taxifahrer ein kennerhaftes „Ah, Vivaldi“ kontert mit „Ach was, das ist Aleksandra Manic.“

Hier geht’s zur Programmvorschau auf der „Fest“-Homepage.