Kloster Maulbronn | Foto: ©jarek106 – stock.adobe.com

Plötzlich evangelisch

Klöster im Zeichen Luthers

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Im Spätmittelalter prägten Klöster und Stifte das heutige Baden-Württemberg. Auch wenn es um das Ansehen zahlreicher Konvente damals nicht zum Besten stand: Schon die enorme Zahl der Gemeinschaften – allein in Pforzheim gab es fünf – beeindruckt. Doch am 31. Oktober vor 500 Jahren hat der Mönch Martin Luther seine 95 Thesen veröffentlicht und damit die Reformation eingeläutet.

Klöster geraten in Bedrängnis

Bald verabschiedete sich Martin Luther von den Augustiner-Eremiten und heiratete eine entlaufene Nonne. Luthers Ablehnung des Klosterlebens und des Zölibats wurden geradezu zu einem Kern des Protestantismus. So geriet, wo die Reformation eingeführt wurde, eine Lebensform, die über Jahrhunderte hinweg einen bedeutenden Platz in der Gesellschaft eingenommen hatte, in arge Bedrängnis. Dieser Beitrag zum Reformationsjubiläum zeichnet das Schicksal von sechs Klöstern nach.

Kloster Maulbronn

Von wegen Niedergang des klösterlichen Lebens! Das Mitte des 12. Jahrhunderts gegründete Zisterzienser-Kloster Maulbronn erlebte am Vorabend der Reformation eine Blüte. Womöglich hat das Begehrlichkeiten bei Herzog Ulrich von Württemberg geweckt. Mit militärischer Gewalt brachte er 1522 die Schirmherrschaft über das Kloster an sich. Der Herzog, der 1534 die Reformation in seinem Territorium einführte, hoffte auf reiche Steuerzahlungen.

Einen Strich durch die Rechnung machte ihm der Abt des Klosters: Der setzte sich mit der Barschaft, den Kleinodien und den Verwaltungsakten nach Speyer ab und prozessierte vor dem Reichskammergericht gegen den Landesherrn. Langfristig war der Widerstand zwecklos. Nach Ulrichs Tod 1550 richtete sein Sohn in Maulbronn eine Klosterschule ein, die junge Männer auf das Studium der Theologie vorbereiten sollte. Dieses evangelische Seminar hat sich bis heute erhalten.

Eine weitere Folge der damaligen Ereignisse beschreibt Petra Pechacek von den Staatlichen Schlössern und Gärten (SSG) im Aufsatzband zur Ausstellung „Freiheit – Wahrheit – Evangelium. Reformation in Württemberg“: „Obwohl die Reformation das klösterliche Leben in Maulbronn beendete, führte sie dazu, dass sich die Klosteranlage nahezu vollständig erhalten hat und nicht im Zuge einer Gegenreformation barock überformt wurde“. Dies, so Pechacek, habe letztlich dazu geführt, dass Kloster Maulbronn 1993 auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes kam.

Kloster Herrenalb

Gründer des Zisterzienserklosters Herrenalb waren im 12. Jahrhundert die Grafen von Eberstein. Später haben sich Baden und Württemberg lange um die Schirmherrschaft gestritten. Mit dem Grabdenkmal von Markgraf Bernhard I. (1364-1431) in der Klosterkirche setzten die Badener ein Zeichen, doch Württemberg gewann Oberhand. So mussten, als Herzog Ulrich die Reformation einführte, die „weißen Mönche“ ihr Kloster verlassen. Auch in Herrenalb wurde eine Schule eingerichtet, aber schon 1595 wieder geschlossen. Wie bedeutend die Anlage einst war, können Besucher heute kaum mehr erahnen.

Kloster Alpirsbach

Mit dem Benediktinerkloster Alpirsbach im Schwarzwald ging es im frühen 15. Jahrhundert abwärts. Ein engagierter Abt sorgte jedoch für einen spirituellen Neuanfang und ließ das Klausurgebäude neu gestalten– heute gilt Alpirsbach als bedeutendes Monument der klösterlichen Reformarchitektur.

Aus dem Konvent floh 1522 ein Mann, der zu einem bedeutenden südwestdeutschen Reformator werden sollte: Prior Ambrosius Blarer. Der Mönch kehrte unter dem Eindruck der lutherischen Ideen in seine Heimatstadt Konstanz zurück und verbreitete im Bodenseeraum die neuen Ideen. Herzog Ulrich berief ihn zum Reformator in Württemberg. Doch bereits 1538 kam es zum Bruch, denn Blarer vertrat unter dem Eindruck des Schweizer Reformators Zwingli im Abendmahlstreit nicht die offizielle Württemberger Lehre.

Kloster Alpirsbach war von 1556 bis 1595 Internatsschule für den evangelischen Pfarrernachwuchs. Dass die Zöglinge nicht immer nur in höheren Sphären schwebten, zeigt der „Alpirsbacher Klosterfund“: Kritzeleien und Karikaturen von Schülern wurden 1958 nebst anderen kulturhistorischen Zeugnissen bei Restaurierungsarbeiten entdeckt. Sie sind heute im Klostermuseum ausgestellt.

Kloster Gottesaue

Der Aufstand des „gemeinen Mannes“ am Oberrhein 1525 war der Anfang vom Ende: Die einstmals bedeutende Benediktinerabtei Gottesaue, im ausgehenden 11. Jahrhundert gegründet, wurde geplündert und verbrannt. Zwar kehrten der Abt und einige Brüder zurück, doch war die Auflösung des Klosters nur eine Frage der Zeit. Der letzte Mönch starb 1556, dem Jahr, als Baden-Durlach evangelisch wurde.

Der Klosterbesitz fiel Markgraf Karl II. geradezu in den Schoß. Einer seiner Nachfolger ließ auf dem Gottesauer Areal ein Jagd- und Lustschloss erbauen. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gebäude wurde ab 1977 wiederaufgebaut. Es beherbergt heute die Staatliche Hochschule für Musik Karlsruhe.

Dominikanerinnenkloster Pforzheim

Während die „Abwicklung“ der Männerklöster im evangelischen Baden-Durlach meist recht unspektakulär verlief, bereiteten die Pforzheimer Dominikanerinnen dem Markgrafen Karl II. Verdruss. Die Nonnen in dem 1257 erstmals urkundlich erwähnten Kloster weigerten sich, zum neuen Glauben überzutreten.

Alle Versuche, den an strenge Klausur gewohnten Frauen ein Leben mit einem Ehemann schmackhaft zu machen, scheiterten. An den Nonnen bissen sich im Laufe von acht Jahren 18 lutherische Prediger die Zähne aus. „Man hat uns je länger, je mehr gepeinigt“, schrieb die Chronistin des Klosters. Unter dem Druck des Kaisers ließ der Markgraf die 39 Schwestern 1564 ins vorderösterreichische Kloster Kirchberg bei Sulz am Neckar ziehen und zahlte ihnen eine Entschädigung. Die Pforzheimer Klostergebäude nutzte man fortan als Spital. Sie existieren nicht mehr.

Kloster Frauenalb | Foto: abw

Kloster Frauenalb

Nicht gerade als „tadellos“ galt das adelige Damen-Stift Frauenalb, das unter der Schutzherrschaft von Baden-Baden stand, auch in katholischen Kreisen. Doch an die Existenz ging es dem im 12. Jahrhundert von Uta von Eberstein gegründeten Kloster erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Damals kulminierten die Streitigkeiten zwischen den Markgrafen von Baden-Baden und den Baden-Durlachern.

1594 besetzten die evangelischen Durlacher das Gebiet ihrer katholischen Verwandtschaft militärisch. An Kloster Frauenalb statuierte Markgraf Ernst Friedrich ein Exempel. Wegen des angeblichen „Verfalls der Sitten“ und finanzieller Unregelmäßigkeiten ließ der Protestant die Äbtissin und ihre Schwester gefangen setzen. In Frauenalb seien „Unzucht, Hurerei, Sodomie und Blutschande“ an der Tagesordnung gewesen, hieß es. Das Kloster wurde 1598 aufgehoben.

Nachdem im Verlauf des 30-jährigen Krieges die katholischen Baden-Badener wieder Oberwasser bekamen, zogen wieder Benediktinerinnen nach Frauenalb. Das endgültige Aus kam 1803 mit der Säkularisation. Heute sind vom Kloster nur noch Ruinen vorhanden.

Die Klöster Maulbronn und Alpirsbach sind  Ausstellungsorte der Ausstellung „Freiheit – Wahrheit – Evangelium. Reformation in Württemberg“, die bis 19. Januar 2018 zu sehen ist. Weitere Ausstellungsorte sind das Kunstgebäude Stuttgart sowie Kloster Bebenhausen.

Buchtipp:

Zur Ausstellung „Freiheit – Wahrheit – Evangelium. Reformation in Württemberg“ sind ein Katalogband sowie ein Beitragsband erschienen. Der Beitragsband umfasst auf 336 Seiten 35 Aufsätze namhafter Autorinnen und Autoren. Sie verfolgen neue kulturhistorische Ansätze und nehmen vor allem die Gesellschaft und ihre Medialität in den Blick. Als herausragende Einzelbeispiele für „Orte der Reformation“ werden die Klöster Maulbronn, Alpirsbach und Bebenhausen ausführlich betrachtet. Der Katalog kostet im Buchhandel 28 Euro, der Beitragsband 32 Euro. Im Set sind die beiden im Thorbecke Verlag erschienenen Bände für 55 Euro zu haben. An den Ausstellungsorten erhält man die Publikationen zu vergünstigten Preisen.