Die Windpocken-Impfung wird kontrovers diskutiert.
Die Windpocken-Impfung wird kontrovers diskutiert. | Foto: dpa

Gesundheitsamt Karlsruhe

Kommt bei Windpocken die Impfpflicht durch die Hintertür?

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Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut empfiehlt eine Impfung gegen Windpocken. Doch bei Hausärzten ist diese Empfehlung umstritten. Kinder ohne Impfschutz droht bei einer Erkrankung im Familienkreis ein längerer Unterrichtsausschuss. Grund dafür ist eine Vorgabe des Gesundheitsamts.

Als Zweitklässler Lionel kurz vor Weihnachten leichtes Fieber und einen roten Ausschlag bekam, stand die Diagnose für seine Mutter Eva Weiler (Namen von der Redaktion geändert) schnell fest.

„Es war offensichtlich, dass es sich um Windpocken handelte“, sagt die zweifache Mutter. Beim Hausarzt bekam Eva Weiler ihren Verdacht bestätigt und Lionel eine Salbe gegen den Juckreiz verschrieben. Bereits fünf Tage später waren die letzten Pusteln getrocknet und Lionel wieder gesund.

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Gesundheitsamt schließt Geschwisterkind vom Unterricht aus

Als Eva Weiler einen Anruf vom Gesundheitsamt erhielt, fiel sie allerdings aus allen Wolken. Der Grund: Bei diesem Gespräch wurde ihr mitgeteilt, dass der ältere Bruder von Lionel in den kommenden 16 Tagen wegen der Ansteckungsgefahr für seine Mitschüler nicht zur Schule gehen dürfe.

Das ist Impfpflicht durch die Hintertür.

Eva Weiler, Mutter

Ein Schreiben mit derselben Aufforderung wird nach Windpockenfällen auch von Schulleitungen und Kindertagesstätten an Eltern verschickt.

„Einen gesunden Sechstklässler wegen einer Kinderkrankheit in der Familie zwei Wochen lang nicht in die Schule zu lassen, kann nicht angehen“, sagt die Mutter. Brechen die Windpocken danach noch aus, kann ein Kind fast einen Monat nicht am Unterricht teilnehmen. Für Eva Weiler ist der Fall klar: „Das ist Impfpflicht durch die Hintertür.“

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Gesundheitsamt folgt Empfehlung der STIKO

Für Ulrich Wagner vom Gesundheitsamt sind die strikten Vorgaben eine Reaktion auf die Empfehlung der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (STIKO).

Diese empfiehlt für Kinder ab dem elften Lebensmonat eine Impfung gegen das Varizella-Zoster-Virus. Begründet wird dies mit dem Schutz vor schwerwiegenden Windpocken-Verläufen.
Als Druckmittel möchte der Leiter der Abteilung Gesundheitsschutz die strikten Amtsvorgaben zwar nicht bezeichnen. „Aber wenn ein Kind länger nicht zur Schule gehen darf, kann das die Entscheidung der Eltern sicherlich beeinflussen“, sagt Wagner.

Vor allem berufstätige Eltern sollten sich deshalb frühzeitig über die Folgen eines Impfverzichts informieren.

Hausärzteverband bezeichnet Vorgaben als überzogen

Berthold Dietsche, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg, bezeichnet die Vorgehensweise des Gesundheitsamtes dagegen als „komplett überzogen“.

Von derartig strikten Vorgaben habe er im Bezug auf die Windpocken noch nicht gehört, sagt der Verbandsvorsitzende im Gespräch mit den BNN.

„Es gibt andere Mittel und Wege, um Eltern von den Vorteilen einer Impfung gegen Varizellen zu überzeugen“, sagt Dietsche. Der Hausärzteverband folge ebenfalls den Empfehlungen der Impfkommission.

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Windpockenimpfung wird kontrovers diskutiert

Allerdings werde das Thema Windpocken in der Ärzteschaft kontrovers und teilweise emotional diskutiert. „Das Problem ist, dass es für viele Thesen noch keine wissenschaftlich fundierten Belege gibt“, sagt Dietsche.

Dass Impfen den Kindern Schaden zufüge, verweist er jedoch ins Reich der modernen Legenden. Schließlich sei die Entwicklung vom Impfstoffen ein wichtiger Faktor für die Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung.

Ob das Immunsystem durch Kinderkrankheiten am Ende gestärkt werde und Erwachsene durch die dadurch produzierten Abwehrstoffe besser geschützt seien als durch eine Impfung, darüber herrsche im Kollegenkreis noch keine Einigkeit. Deshalb würden zahlreiche Hausärzte auch von einer Varizellen-Impfung abraten.

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