Alle Bewerber im Datencheck

Kommunalwahl: Welche Kandidaten vertreten Karlsruhe am besten?

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Die SPD ist eine Arbeiterpartei, das Parlament voller Juristen – soweit die Klischees. Aber trifft das auch auf die Kandidaten der Kommunalwahl zu? Und sind die Grünen wirklich so jung und weiblich, wie sie behaupten? Antworten auf diese Fragen gibt eine Datenauswertung der Karlsruher Listen mit insgesamt 945 Bewerbern.

Heißen Sie Michael, sind Anfang 50, von Beruf Ingenieur und interessieren sich für Kommunalpolitik? Dann haben sie mindestens vier Gemeinsamkeiten mit dem durchschnittlichen Bewerber für den Karlsruher Stadtrat. Die Kandidaten tragen nämlich am häufigsten Michael als Vornamen, sind am häufigsten 52 Jahre alt und besitzen wie 8,5 Prozent aller Bewerber einen entsprechenden Hochschulabschluss.

Kaum Juristen bei der Kommunalwahl

Damit liegt diese Berufsgruppe noch vor den Studenten und Schülern (8,3 Prozent) sowie den Lehrern mit 6,7 Prozent. Richter, Rechts- und Staatsanwälte gibt es mit 2,9 Prozent deutlich weniger, ebenso Ärzte. Das überrascht – denn studierte Juristen, Lehrer und Ärzte dominieren in der Regel den Bundestag und die Landesparlamente.

Ein Gemeinderat ist zwar kein „echtes“ Parlament, sondern ein Teil der Verwaltung. Trotzdem sitzen darin Volksvertreter, die ein möglichst breites Meinungsspektrum und im Idealfall alle  Gesellschaftsschichten und Altersgruppen vertreten sollten. Berücksichtigt man zusätzlich die 33 Listen für die Ortschaftsräte liegen die insgesamt 945 Kandidaten fast neun Jahre über dem Karlsruher Durchschnittsalter von 42,1 Jahren. Bei den 480 Stadtratskandidaten sind es lediglich sieben Jahre Unterschied. Zwischen dem jüngsten und dem ältesten Stadtratskandidaten von den Freien Wählern (FW) liegen 72 Jahre, mehr als jeder dritte Bewerber ist eine Frau.

Die im Schnitt jüngsten Kandidaten hat die PARTEI aufgestellt. Dort sind die Bewerber durchschnittlich 35 Jahre alt. Gleichzeitig hat die PARTEI mit 21 Prozent einen geringen Frauenanteil. Nur die AfD stellt mit 19 Prozent noch weniger weibliche Kandidaten auf. Deren Liste kommt mit 62 Jahren auch auf das höchste Durchschnittsalter.

CDU-Frauen auf hinteren Plätzen

Den ältesten Spitzenkandidaten schickt die Karlsruher Liste KAL ins Rennen. Mit einem Männeranteil von 44 Prozent bewerben sich bei der KAL zugleich mehr Frauen als Männer für einen Sitz im Stadtrat. Bei der CDU gibt es zwar mehr weibliche Kandidaten als bei der FDP, allerdings gehäuft auf den hinteren Listenplätzen. Die Grünen landen mit einem Frauenanteil von 52 Prozent nur auf dem zweiten Platz. Dafür haben sie als einzige Partei eine Spitzenkandidatin. Beim Durchschnittsalter bewegen sie sich hingegen nur im Mittelfeld: Sowohl die Bewerber der Linken als auch jene der christlichen Liste FÜR Karlsruhe sind im Schnitt jünger. Selbst bei den FW kandidieren mehr unter-30-Jährige als bei den Grünen.

Ein Blick auf die Berufe der Kandidaten zeigt: Die klassischen Politikerberufe – Juristen, Lehrer, Ärzte – finden sich am häufigsten auf der Liste der SPD. Auf den ersten 20 Listenplätze der Karlsruher Sozialdemokraten stehen insgesamt nur drei Nicht-Akademiker. Auch von den Ingenieuren gibt es bei der SPD am meisten. Ebenfalls auffällig: Für die AfD kandidiert kein einziger Schüler oder Student. Die meisten gehen für die Linkspartei ins Rennen.

Kann die AfD zumindest bei den Doktortiteln punkten? Schließlich galt die AfD bei ihrer Gründung als Partei der Wirtschaftsprofessoren.

Tatsächlich haben in Karlsruhe sowohl die FDP als auch die SPD mehr Bewerber mit Doktortitel. Ganz vorne liegt die AfD allerdings bei einer anderen Gruppe: Auf jedem dritten Listenplatz der Karlsruher AfD kandidiert ein Rentner.

Wie aktiv sind die Kandidaten auf Twitter – und wie reagieren sie auf die Ergebnisse?
Vorab haben die BNN unter anderem die CDU, SPD, AfD und die PARTEI mit den zentralen Ergebnissen der Auswertung auf Twitter konfrontiert. Auf dem Kurznachrichtendienst sind fast alle Kreisverbände präsent. Von den Freien Wählern und der SPD sind nur einzelne Bewerber aktiv, etwa der Spitzenkandidat Parsa Marvi.
Im Namen des Kreisverbands Stellung genommen hat die AfD. Diese erklärte sich den geringen Frauenanteil damit, dass AfD-Kandidaten mit „Beschimpfungen, Bedrohungen und der Beschädigung ihrer Autos und Wohnhäuser rechnen [müssen]. Wieviele Frauen sind bereit, sich das anzutun?“ Offenbar ein Anhänger der PARTEI wunderte sich, „warum bei der Aufstellungsversammlung die meisten anwesenden Männer kandidiert haben, aber von den anwesenden Frauen vielleicht die Hälfte.“ Ein CDU-Bewerber nahm den Durchschnittskandidaten Michael, 52, zum Anlass für eine humorvolle Wahlwerbung: „Dirk, 42, manchmal durchschnittlich, manchmal nonkonform und wählbar auf Listenplatz 44 der CDU.“

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