Surfer auf dem Schlachthof: Wellenreit-Experte Stefan Strauss kommt eigentlich aus Hamburg. Sein Buch „Faszination Surfen“ gilt seit Jahren als Standardwerk der deutschsprachigen Surfliteratur.
Surfer auf dem Schlachthof: Wellenreit-Experte Stefan Strauss kommt eigentlich aus Hamburg. Sein Buch „Faszination Surfen“ gilt seit Jahren als Standardwerk der deutschsprachigen Surfliteratur. | Foto: Jörg Donecker

Wellenreiter in Karlsruhe

Koryphäe der Surfliteratur auf dem Schlachthof

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Ein Laptop, ein Monitor, eine Tastatur. Kaum mehr steht auf dem Schreibtisch, den Stefan Strauss in der Bürogemeinschaft Fettschmelze hat. Sieht aus wie bei einem Software-Startup. Der Kapuzenpulli könnte ein weiteres Indiz sein.

Doch die muskulösen Arme, die gebräunte Haut und die sonnenblonde Wuschelfrisur geben andere Hinweise: Stefan Strauss ist Surfer. Und nicht irgendeiner.

Standardwerk deutscher Surf-Literatur

Der Hamburger ist Verleger und Co-Autor eines absoluten Standardwerks der deutschsprachigen Surf-Literatur: „Faszination Surfen – das Handbuch der Wellenreiter“, das Strauss gemeinsam mit seinem Kumpel Ralf Götze geschrieben hat, ist in mittlerweile siebter Auflage (2017) erschienen und wird auf Surfblogs und in Gesprächen unter Wellen reitenden Freunden wärmstens empfohlen.

Das Regal hinter Strauss’ Schreibtisch ist voll von Surf- und Reiseliteratur. Ganz oben auch sein Buch, nebst Nachfolger „Surfcoach“ (2. Auflage 2018). Außerdem Kalender, Ordner und ein Balance Board, dem Heimtrainer für Wellenreiter. So einen braucht man auch, will man fernab der Küste fit für den Ritt auf dem wogenden Wasser bleiben. Die abgerockten Skateboards im Kofferraum seines Geländewagens helfen auch.

Flexibles Homeoffice: Seinen Firmensitz hat Stefan Strauss nach Karlsruhe verlegt. Sechs Monate im Jahr verbringt er aber in Portugal.
Flexibles Homeoffice: Seinen Firmensitz hat Stefan Strauss nach Karlsruhe verlegt. Sechs Monate im Jahr verbringt er aber in Portugal. | Foto: Jörg Donecker

„Wollen wir raus, nen Kaffee trinken?“, fragt Strauss. Das Café der Rösterei Tostino bietet sich an diesem sonnigen Morgen geradezu an. Den Hoodie braucht Strauss jetzt nicht mehr.

Doch noch ist die Klimaerwärmung nicht so weit fortgeschritten, dass Karlsruhe in absehbarer Zeit am Meer liegt. Was also macht ein Experte fürs Wellenreiten in Karlsruhe?

„Es ist einfach eine schöne Stadt, überschaubar, mit hohem Freizeitwert…“, meint der 48-Jährige. Und grinst. „…das könnte ich jetzt sagen. Aber so war es nicht. Es war natürlich eine Frau. Eine ganz tolle Frau!“ sagt er, und wirft einen kurzen, verträumten Blick in den strahlend blauen Himmel.

Die Frau, Lehrerin, und die beiden gemeinsamen Kinder ließen den digitalen Surf-Nomaden nach Jahren der Pendelei zwischen Hamburg, Portugal und Karlsruhe schließlich wieder sesshaft werden. Rund sechs Monate im Jahr, unter anderem in den Schulferien, verbringt Strauss aber in Portugal – denn neben der Website Waveculture.de und dem Buchverlag ist Strauss Vermittler für Surfreisen und betreibt zwei eigene Camps an der Algarve und bei Porto.

Vom Windsurfer zum Wellenreiter

Mit 18 fing er an, die Wellen in der Nordsee anzupaddeln. „Ich bin quasi in St. Peter aufgewachsen“, erzählt Strauss. Eigentlich ein Windsurfer-Paradies. „Aber wenn es keinen Wind gab, haben wir die Windsurfer zu Wellenreitern umfunktioniert.“ Er meint die Bretter: Segel, Mast und Gabelbaum kamen weg – ein Spanngurt diente stattdessen als Leash, eine am Fuß befestigte Sicherheitsleine.

Nicht gerade professionell, aber es reichte für den Anfang. „Man sagt ja: ,Der beste Surfer ist der, der am meisten Spaß im Wasser hat‘“, sagt Strauss mit erhobenem Zeigefinger und einem breiten Grinsen. Dann, wieder ernster: „Die Salzluft, das Wasser, die Wellen – das ist sehr meditativ.“

Gepackt von der Begeisterung fürs Wellenreiten, gibt der junge Mann bald selbst erste Surfkurse und organisiert Camps in Südfrankreich. Mitte der 90er Jahre startet er für das deutsche Nationalteam.

In Mittelamerika entsteht die Idee zum Surf-Buch

Während des Studiums ist das Surfbrett sein ständiger Begleiter. „Meine Abschlussarbeit hab’ ich in Kalifornien geschrieben, direkt am Wasser“, sagt er. Mit ein bisschen Selbstdisziplin gehe das.

Danach geht Strauss ein halbes Jahr auf Reisen. In Mittelamerika trifft er Ralf Götze wieder, den er noch aus der Zeit in Frankreich kennt. Die beiden reisen gemeinsam, werden Freunde, irgendwann gedeiht die Idee: Lass uns ein Buch übers Surfen schreiben.

„Das Know-how und die Connections hatten wir ja“, sagt Strauss. Das verlegerisch-redaktionelle war dann eher Learning by doing, neben dem Job in der Telekommunikationsbranche in Hamburg. „Wir haben etwa fünf Jahre lang dran geschrieben, viele Bilder selbst gemacht“, erzählt Strauss. Auf vielen Surfurlauben etwa, oder dann während der Zeit im Homeoffice, das Strauss nach Portugal verlegen konnte.

Surfer können doch alle nicht lesen

Doch kein Verlag hat Interesse an dem Nachschlagewerk, das neben praktischen Lerntipps auch Kapitel über die Geschichte des Surfens, Wetter- und Wellenkunde sowie über Europas beste Wellen enthält. „Surfer können doch alle nicht lesen“, habe man ihm gesagt.

Wellenreiten in Deutschland, das sei für die Verlage unvorstellbar gewesen. „Wir haben aber nicht ökonomisch gedacht, sondern hatten einfach Bock drauf“, sagt er. So entsteht sein Unternehmen Wave Culture, mit eigenem Verlag und Vertrieb.

Ideen für mehr als ein Surfer-Leben

„Heute ist es das meistverkaufte deutschsprachige Buch zum Thema Surfen, und die Verkaufszahlen nehmen weiter zu“, sagt er. Es gebe Anfragen von Surfcamps, das Buch ins Englische übersetzen zu lassen. Auch für weitere Bücher sind Ideen da.

„Aber wir haben zur Zeit so viele andere Projekte in der Pipeline“, sagt Strauss. Die neue Surflodge in Porto, und die Büroarbeit. Seine beiden Bücher werden immer wieder nachgedruckt, dazu aktualisiert – das bedeutet: viele E-Mails, Korrekturlesen, Kümmern. „Ich habe die Firma ja nicht gegründet, um einen Konzern aufzubauen, sondern um einen Weg zu finden, Job und Surfen zu verbinden“, meint Strauss. Er lächelt zufrieden.

In Biarritz regnet’s im Winter genauso viel wie in Hamburg

„Ich könnte von überall auf der Welt arbeiten. Aber Europa ist am geilsten“, sagt er. Die Geschichte, die Landschaften, die vielen Sprachen, das sei einmalig auf der Welt.

„In Biarritz regnet’s im Winter genauso viel wie in Hamburg. In San Sebastián wird es ab September schon richtig herbstlich. Auf Fuerteventura hab’ ich irgendwann die Bäume vermisst“, erklärt er. Er fand einen „schönen Ort zwischen Lagos und Sagres“, die Städtenamen an der Algarve spricht er korrekt portugiesisch aus.

Ans Meer kommt der surfende Verleger und Reiseveranstalter auch von Karlsruhe aus oft genug. Großer Vorteil der Fächer- gegenüber der Hansestadt: „Das Wetter. Hier gibt es richtige Sommer. Auch wenn viele sich beklagen – mir wird’s hier nie zu heiß.“