Krankenwagen
In vielen Fällen dürfen Kranke nicht in einem Liege-Taxi transportiert werden, sondern bedürfen eines Krankenwagens. | Foto: Arno Burgi/Archiv

Staatsanwaltschaft ermittelt

Krankenfahrdienst unter Betrugsverdacht: Lukrative Praxis mit Patienten?

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Andreas Wolf traute seinen Augen kaum, als ihn der Wagen eines Krankenfahrdienstes überholte: Am Steuer des Liege-Taxis saß ein voll vermummter Fahrer, Atemschutz, Kopfhaube und Ganzkörperanzug trug auch der Beifahrer. Da muss ein akuter Infekt an Bord sein, mutmaßte der Vorsitzende der in Karlsruhe ansässigen Interessengemeinschaft Privater Rettungsdienst Baden-Württemberg. Dass solche Transporte in einem Liege-Mietwagen nicht zulässig sind, sei jedem in der Branche klar, sagt Wolf, der selbst seit mehr als drei Jahrzehnten an der Rettungsdienst-Front tätig ist.

Das Fass vollends zum Überlaufen brachte bei dem Experten ein Foto, geschossen vor wenigen Monaten von Kollegen. Zu sehen: Der Krankenfahrdienst transportiert einen beatmeten Patienten. Ein Einsatz, für den laut den einschlägigen Vorschriften ausschließlich ein Krankenwagen nebst sachkundigem Personal infrage kommt. Er erstatte Anzeige.

Falsche Abrechnungen?

Seit kurzem ermittelt die Staatsanwaltschaft Karlsruhe wegen des Verdachts des Betruges gegen einen Krankenfahrdienst, wie Behördensprecher Tobias Wagner den BNN bestätigte. Es lägen Hinweise vor, dass mehr als eine Person zur selben Zeit in einem Liege-Taxi transportiert worden sei. Das ist nicht erlaubt. Im Raum stehen eventuell falsche Abrechnungen gegenüber den Krankenkassen. Nach BNN-Informationen drehen sich die Ermittlungen besonders um die in Karlsruhe und dem Landkreis tätige Gesellschaft KFD Rhein-Neckartal. Sie gehört zu KFD-Schwaben, die in ganz Baden-Württemberg mit bis zu 100 Sprinter-Fahrzeugen unterwegs sind. Die Geschäftsführerin blockte eine Kontaktaufnahme durch die BNN am Donnerstag ab.

Krankenfahrdienst nicht zum ersten Mal auffällig

Es ist nicht das erste Mal, dass der Krankenfahrdienst in der Region auffällig geworden ist. So hat es bereits Belehrungen gegenüber KFD-Mitarbeitern gegeben, außerdem Ordnungswidrigkeiten-Verfahren und Bußgeldzahlungen. Der Markt verspricht aber auch gute Umsätze – vor allem dann, wenn man es mit den Vorschriften nicht allzu genau nimmt. Wie sich Andreas Wolf von Insidern hat erklären lassen, ist die oft stundenlange Wartezeit, bis ein Krankenwagen (KTW) endlich frei ist, dabei ein zentrales Problem. Zwar hat ein behandelnder Arzt dieses Transportmittel verordnet, oft genug landeten die Patienten aber doch beim Krankenfahrdienst. Das könne böse enden, warnt Wolf: Gibt es unterwegs Komplikationen, seien die Fahrer – mitunter aus südosteuropäischen Ländern – rasch überfordert. Ganz abgesehen von Risiken etwa durch multiresistente Keime. Werde ein entsprechender Fahrgast transportiert und auf der nächsten Tour ein Chemo-Patient mit heruntergefahrenem Immunsystem, sei die Gefahr konkret, warnt Andreas Wolf. Wenn die entsprechende ärztliche Verordnung von Unautorisierten ein „Downgrading“ erfahre, stehe eventuell Urkundenfälschung im Raum.

Nur die Spitze des Eisbergs?

Wenn Krankenfahrdienste unter Umgehung des Rettungsdienstgesetzes tatsächlich systematisch Patienten transportieren sollten, für die ein Krankentransport per KTW erforderlich wäre, verwiese dies aus Sicht von Kritikern auf die anhaltende Mangelverwaltung an dieser Stelle des Gesundheitswesens. Angesichts der demografischen Entwicklung mit immer mehr älteren und multimorbiden Patienten sowie der zunehmenden Spezialisierung der Kliniken verzeichnet die Statistik eine Zunahme der Krankentransporte von jährlich fünf bis acht Prozent. Das Problem: Nicht im selben Maß wachsen auch die qualifizierten Transportkapazitäten. Die Folge ist eine Grauzone in der täglichen Praxis. Denkbar, dass der Karlsruher Fall nur die Spitze des Eisbergs ist.