Kreative im Ladenlokal
NEU EINGERICHTET hat sich „Cola Taxi Okay“. Auch beim Gestalten der Ex-Pizzeria am Kronenplatz legen nicht nur die Sieben auf dem Foto gemeinsam und auf Augenhöhe Hand an, darunter Michelle Mantel (Mitte), Katharina Ziehensack (rechts) und Jehad Othman (links). | Foto: jodo

„Fächer“ fördert Veränderung

Kreative wollen in der City etwas anstoßen

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Diesen Freitag ist „Cola Taxi Okay“ in der früheren Pizzeria „La Corona“ am Kronenplatz eingezogen. Nächsten Freitag öffnet die Bar „Luka“ in der Zähringerstraße gegenüber vom Rathaus. Die City wird bunter. Junge Kreative erobern mit Unterstützung der städtischen Tochtergesellschaft „Fächer“ zumindest ein wenig von der City, die viele Menschen als steril und nur als dem Kommerz geopfert empfinden.

 

Alternative Ladenkultur
DIE ANSTOSSERINNEN: Silke Roth (links) und Elisabeth Kuon haben schon vor ihrem Kulturladen in der Fritz-Erler-Straße einen Teil des Gehwegs zum Treffpunkt gemacht. | Foto: jodo

Schon seit über zwei Jahren setzt der Kulturverein junger Leute „die Anstoß“ in der Fritz-Erler-Straße um, was er schon mit seinem Namen sagt.

Breite Holzbänke an der Ponte Rosso

An der „Ponte Rosso“, der Betonbrücke über die Hauptverkehrsstraße, locken breite Bänke aus Holzpaletten neben dem Hochbeet mit Bohnen und Tomaten zum Blick ins riesige Schaufenster von „Anstoß“. Dort mixen Elisabeth Kuon und Silke Roth ein Kulturprogramm, das in die vernetzte Karlsruher Kreativwelt zieht – ob mit Ausstellungen oder Partys, gemeinsamem Kochen oder wie etwa gerade an diesem Freitagabend dem Leseerlebnis von Nietzsche-Texten. „Wir wollen etwas anstoßen“, sagen sie.

Ein wenig Berlin

Junge Leute holen die Welt in ihrer Vielfalt und Widersprüchlichkeit in den Stadtfächer und können ihn dadurch attraktiver machen. Ein wenig Berlin scheint Karlsruhe gut zu tun. Der Ruf der Stadt hat sich gedreht. Die Stadtplaner und die Lobbyisten der Kreativwirtschaft fördern diese Entwicklung auch mit geringen Mieten für Ladenlokale im städtischen Eigentum.

Langeweile war gestern

Karlsruhe galt einmal bei jungen Leuten als Synonym für Langeweile. Doch die Zeit des Abstempelns als Beamtenstadt mit nüchternen Maschinenbaustudenten scheint vorbei. Den Umbruch haben die Hochschulen als Nachwuchsschmieden für IT-Tüftler und Kunstgestalter zusammen mit der Stadtpolitik ausgelöst. „Kreativität“ heißt das Zauberwort, das nicht nur die Wirtschaft mit Start-up-Firmen wachsen lässt, sondern auch die die Innenstadt mit neuen Läden, Kneipen und Kulturräumen beleben soll.

Investition ins Sorgenkind

Für die östliche Innenstadt zwischen Kapellenstraße/Durlacher Tor und Karl-Friedrich-Straße/Marktplatz, dem langjährigen Sorgenkind der Stadtentwickler, beginnt gerade das Acht-Jahresprogramm „Stadtsanierung“ mit einem geplanten Gesamtaufwand von 92 Millionen Euro. Dazu gehört viel mehr als der Neubau der Stadtbibliothek auf dem Kronenplatz. Bund und Land helfen der Stadt dabei, sie steuern zusammen etwa die Hälfte des Investitionsvolumens bei.

Wir gestalten die Stadt mit

Unter den Förderfittichen der Fächer-Gesellschaft wechselt „Cola Taxi Okay“ ins Sanierungsgebiet. „Mit dem Raum am Kronenplatz haben wir bessere Möglichkeiten als in der Kaiserpassage. Es reizt uns, hier zu wirken“, sagt Katharina Ziehensack. „Wir gestalten die Stadt mit“, sagt Michelle Mantel.

Integrative Wirkung

„Bei uns treffen sich Leute unterschiedlicher Kulturen aus allen Ländern und sie tauschen sich aus“, erklärt sie. Und das Netzwerk der Kreativen wirke integrativ. Man wollen junge Menschen anziehen, für eine Stadt voller internationaler und respektvoller Stimmung. „Hier verstehen sich alle sofort auf Augenhöhe“, meint Jehad Othman. Der Gedanke, auch nach dem Studium in Karlsruhe zu leben, liegt so nicht mehr fern.

Da freut sich Fächer-Geschäftsführer Klaus Lehmann, dass statt weiterer Spielhallen oder Wettbüros ein nichtkommerzieller Geist in der Szene um den Kronenplatz mitspielt. „Durch viele kleine Schritte große Impulse auslösen“, so lautet auch das Entwicklermotto von Stadtplanerin Heike Dederer.

 

 Bar-Projekt Karlsruhe
ETWAS EIGENES will Michael Kröck einen Sommer lang mit der Bar „Luka“ in der Zähringerstraße ausprobieren. | Foto: jodo

Beispielhaft für diesen Ansatz steht Michael Kröck. Mit Tim Strüver betreibt er einen Sommer lang die Bar „Luka“. „Wir wollen unbedingt was Eigenes machen“, erklärt er. An den drei Wochenendtagen ist „Luka“ ab 29. Juni bis in den Morgen offen. Der Eintritt ist frei. Die Getränkekarte originell, keine xte Cocktailbar im Stadtbezirk.

Kaskade in der Bar „Luka“

Kommunikation ist angesagt. Keine Sitzecken, dafür Tische in Tresenhöhe mit Doppelsitzerbank oder zum Stehen. „Wir praktizieren das Kaskadenprinzip“, verspricht Kröck. Also werde monatlich ein Teil des Gewinns in Verbesserungen von „Luka“ gesteckt, also an die Gäste rückgekoppelt. „Wir wollen was verändern“, versichert Kröck. Dieser Anspruch eint bei diesen drei Projekten die Kneipen-, Kunst- und Soziokulturszene mit dem neuen Fächernetzwerk der Stadtentwickler.