Grundrechte von Frauen sieht Ärztin Kristina Hänel durch den Paragrafen 219a gefährdet. Er verbietet es Ärzten, für Schwangerschaftsabbrüche zu werben. Im Jubez sprach sie auf Einladung des Karlsruher Frauenbündnisses.
Grundrechte von Frauen sieht Ärztin Kristina Hänel durch den Paragrafen 219a gefährdet. Er verbietet es Ärzten, für Schwangerschaftsabbrüche zu werben. Im Jubez sprach sie auf Einladung des Karlsruher Frauenbündnisses. | Foto: Peter Sandbiller

Schwangerschaftsabbruch

Kristina Hänel spricht im Jubez über Paragraf 219a

Kristina Hänel hat wenig Zeit. Der Zug hatte Verspätung, trotzdem freut sie sich auf die Veranstaltung im Jubez, sagt sie kurz vorher im Gespräch. Die Ärztin, die Aufgrund des Paragrafen 219a im Strafgesetzbuch („Werbung für den Abbruch einer Schwangerschaft“) zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, kämpft für dessen Abschaffung (die BNN berichteten). Im Jubez spricht sie an diesem Abend auf Einladung des Karlsruher Frauenbündnisses „Für das Selbstbestimmungsrecht der Frau“.

Sie habe in ihrer 30-jährigen Tätigkeit als Ärztin, die Schwangerschaftsabbrüche vornimmt, noch keine Frau erlebt, die diese Entscheidung „leichtfertig“ getroffen habe. Auch habe sie nicht aus politischen Gründen begonnen, Abbrüche vorzunehmen. „Es hat sich so entwickelt“, erzählt sie, durch einen Job bei der Organisation Pro Familia in Gießen, wo sie erfuhr, dass es in der ganzen Stadt keinen Arzt gab, der dazu bereit war. „Das war die Entscheidung: Wenn es niemand sonst machen will, dann muss ich es machen.“

Keine Frau ist ‚für‘ Abtreibungen

Ihre Arbeit beim therapeutischen Reiten mit Kindern sei da sehr viel angenehmer. Auch ihre jetzige Rolle als öffentliches Gesicht einer Bewegung habe sie sich nicht ausgesucht, die Aufgabe sei auf sie zugekommen. Man dürfe die Informationshoheit im Internet über Möglichkeiten des Abbruchs nicht denen überlassen, die „von Babykaust reden und Frauen hassen“.

Sie sei nicht „für Abtreibungen“, sagt Hänel, keine Frau sei das. Und doch sei genau das der Vorwurf, der ihr und vielen Frauen von so genannten „Abtreibungsgegnern“ oder „Lebensschützern“ entgegenschlage. Sie verstehe Frauen, die für sich persönlich einen Schwangerschaftsabbruch kategorisch ablehnten. Eine Frau habe ihr einmal gesagt, sie würde selbst nach einer Vergewaltigung eine Schwangerschaft als Geschenk Gottes ansehen. „Wenn eine Frau sich so entscheidet, stehe ich voll hinter ihr. Aber dieselbe Entscheidung einer anderen Frau vorschreiben?“

Hänel prangert Doppelmoral beim Thema Abtreibung an

Sie wehrt sich gegen die Doppelmoral, die bei dem Thema herrsche. Sie kenne Ärzte, die jahrzehntelang mit illegalen Abtreibungen gutes Geld verdient hätten und ihre heutigen betroffenen Patientinnen moralisch unter Druck setzten, um ihr eigenes schlechtes Gewissen zu beruhigen.

In ihrem Vortrag vor rund 80 vorwiegend weiblichen, aber auch nicht wenigen männlichen Zuhörern informiert sie ausführlich über die Situation weltweit, in Deutschland und in ihrer eigenen Praxis. In Deutschland sei statistisch gesehen jede vierte Frau mindestens einmal im Leben von dem Thema betroffen. Hänel erklärt den Paragrafen 218 StGB („Schwangerschaftsabbruch“): Abtreibung ist rechtswidrig, aber – unter bestimmten Umständen – straffrei. Selbst bei einer absehbaren Behinderung des Ungeborenen sei nicht automatisch die Straffreiheit gegeben.

Illegale Abtreibungen mit tödlichen Folgen

Bei der Information über Abbrüche und ihre sichere Durchführung durch qualifizierte Ärzte gehe es um Lebensschutz, so Hänel in Abgrenzung zu Gruppierungen aus dem politisch rechten Lager, die sich selbst „Lebensschützer“ nennen, aber gegen Abtreibungen mobil machen. Knapp 50 000 Frauen weltweit stürben jährlich an den Folgen illegaler Abtreibungen.

Hänel geht auch auf verschiedene medizinische Methoden des Schwangerschaftsabbruchs ein. So würden jedes Jahr 15 000 Frauen mittels der so genannten Kürettage oder Ausschabung behandelt. Die Methode sei seit 30 Jahren überholt. Viel sicherer sei die Absaugung, die junge Mediziner aber kaum noch lernten. Noch heute gingen viele Frauen für den Eingriff nach Holland oder Österreich, weil sie in Deutschland nicht oder nicht rechtzeitig an die nötigen Informationen oder an einen Termin in einer Klinik kämen.

Schwangerschaftsabbruch ist in zwei Karlsruher Praxen möglich

Wie lückenhaft Informationen zum Thema auch in Karlsruhe fließen, zeigt sich in der anschließenden Diskussionsrunde. „Wie kann es sein“, äußert sich eine Zuhörerin, „dass das Städtische Klinikum, das nicht konfessionell geführt ist und von meinem Steuergeld bezahlt wird, keine Abtreibungen anbietet?“ Sofort widerspricht ihr eine Frau aus dem Publikum. Eine Vertreterin des Frauenbündnisses wirft ein, dass im Klinikum nur Abbrüche mit medizinischer Indikation vorgenommen würden.

Da meldet sich der ebenfalls anwesende Karlsruher Arzt Maarten van Sandten. Heute würden Schwangerschaftsabbrüche vom Klinikum an zwei gynäkologische Praxen weitervermittelt. „Die Versorgung in Karlsruhe ist sichergestellt“, so der pensionierte Arzt. Auf Nachfrage aus dem Publikum, welche Ärzte dies seien, gibt er an, dass die Nachfolgerin in seiner ehemaligen Praxis dazu zähle.

Ich will, dass sich die Situation der Frauen verbessert

Der Paragraf 219a verhindere, dass Frauen sich ausreichend informieren könnten, und beschneide somit Grundrechte wie Informationsrecht und die freie Arztwahl, so Hänel. Deshalb werde sie das Urteil nicht akzeptieren. Im BNN-Gespräch macht sie deutlich: Sie sei ganz sicher, dass die Mehrheit in der Bevölkerung hinter ihr stehe. „Ob es die Politik regelt oder die Justiz, das ist mir ganz egal. Ich will, dass sich die Situation der Frauen verbessert.“ Dafür werde sie wenn nötig zum Bundesverfassungsgericht und sogar bis zum Europäischen Gerichtshof ziehen.