Koalitionsvertrag im Datencheck: Die Karlsruher Software-Schmiede "ThingsThinking" analysierte den Vertrag zwischen Union und SPD mit Hilfe künstlicher Intelligenz. | Foto: Montage BNN

Karlsruher Analyse

Künstliche Intelligenz erklärt die SPD zum Sieger

Hat die SPD Angela Merkel bei den Koalitionsverhandlungen über den Tisch gezogen? In der CDU wächst der Unmut über das Verhandlungsergebnis. Und jetzt taucht auch noch eine Computeranalyse des Koalitionsvertrages auf, die den grummelnden Christdemokraten Recht zu geben scheint.

Künstliche Intelligenz analysiert Koalitionsvertrag

70 Prozent des Vertragsinhalts sei der SPD zuzuschreiben und nur 30 Prozent stammten aus der Feder der CDU, sagt Sven Körner, „Chief Executive Officer“ des Karlsruher Unternehmens „ThingsThinking“.

„70 Prozent aus sozialdemokratischer Feder“

Die Software-Schmiede arbeitet im Keller der Karlsruher Technologiefabrik an künstlicher Intelligenz, die es Computern ermöglicht, Texte nicht nur zu erfassen, sondern sie auch zu verstehen und mit den Inhalten gezielt umzugehen. „Die Software ist kontextfähig.

Sie lernt Inhalte einzuschätzen und in ihrer Bedeutung zu verstehen“, erklärt Körner. Eigentlich analysieren die Programme des Unternehmens technische oder juristische Texte. Doch als die Berliner Koalitionsvereinbarungen öffentlich wurden, haben die Karlsruher ihre Rechner damit gefüttert und die Ergebnisse der GroKo-Unterhändler mit den Partei- und Wahlprogrammen von Union und SPD vergleichen lassen.

Analyse in der Mittagspause

Ganze 40 Sekunden rechneten die Computer an der Haid-und-Neu-Straße, da lagen die Zahlen vor. Und das Ergebnis dieser „Mittagspausen-Untersuchung“ schlägt inzwischen Wellen, die wiederum bis in die Bundeshauptstadt schwappen. Die umfassende Textanalyse durch ThingsThinking hat ergeben, dass der überwiegende Teil der Inhalte des Koalitionsvertrages aus SPD-Quellen stammen.

Software kann Zusammenhänge verstehen

Und damit ist eben nicht das Auffinden der exakten Formulierung gemeint, sondern die inhaltliche Übereinstimmung.
„Aber das sagt trotzdem noch gar nichts über die Qualität der Verhandlungsführung aus“, beeilt sich Körner zu erklären. Wenn die 30 Prozent, die die CDU beigetragen hat, genau die Kernpunkte der Partei abdeckten und die SPD nur Zweitrangiges zusteuerte, könne die Frage der Durchsetzungsfähigkeit auch völlig anders beantwortet werden.

Karlsruher Entwickler ist gefragter Gesprächspartner

„Wenn das Wichtigste durchgesetzt wurde, ist doch egal, wie viel Text sich dann mit den Zielen der anderen beschäftigt“, sagt er.

Doch diese distanzierende Aussage kommt nicht von ungefähr. Der Software-Entwickler spürt deutlich, wie gerne man ihn und seine Erkenntnisse politisch instrumentalisieren würde. Nicht nur Zeitungen und Fernsehanstalten steht er inzwischen Rede und Antwort.

„Lassen uns nicht instrumentalisieren“

Auch Politiker und Politmanager drängen auf Termine mit dem Karlsruher. „Wir wollen aber nicht, dass sich jetzt irgendjemand Teile aus unserer Arbeit rauszieht, die ihm ins Konzept passen“, verwahrt er sich gegen Missbrauch seiner Arbeit.

Daten an Anwalt übergeben

Deshalb hat er die Daten längst einer Anwaltskanzlei übergeben, die den Schatz verwahrt. Frühestens wenn sich der Staub der Regierungsbildung ein wenig gelegt hat, will er die Datensätze veröffentlichen. „Das ist derzeit ein heißes Thema.“

Künstliche Intelligenz könnte auch Polizei helfen

Im Alltag erleichtert Körners Software Unternehmen das Aktenstudium. „Auch Strafermittlungsbehörden können profitieren, wenn Beamte nach einer Hausdurchsuchung nicht Tausende Aktenseiten durchschauen müssen, sondern einen Computer vorschalten, der die relevanten oder unklaren Absätze kenntlich macht.“

Das letzte Wort aber hat der Mensch. „Egal, ob sich den Text Polizisten, Anwälte, Politiker oder Computer durchlesen, das Ergebnis ist immer interpretierbar. Der Computer kann es nicht besser, aber er kann es eben sehr viel schneller.“

Programm ist nicht unfehlbar

Immer gehe es darum, Situationen und Formulierungen einzuschätzen. „Wir Menschen machen das ja auch ständig und wir machen dabei jeden Tag auch Fehler.“ Das könne seinen Computern auch passieren. Doch bei der Analyse des Koalitionsvertrags scheint sich die Karlsruher Software nicht getäuscht zu haben.

Wenn die Stimmung innerhalb der Union nicht völlig falsch nach außen dringt, hat der Computer so falsch nicht gerechnet. Schon vor der Analyse von „ThingsThinking“ hat sich der Eindruck durchgesetzt, dass sich die Sozialdemokraten sehr teuer verkauft haben.