Er muss sich nächstes Jahr zur Wahl stellen - und sieht diesem Tag nach eigener Aussage entspannt entgegen, trotz der Turbulenzen in jüngerer Zeit: Holger Hanselka, Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT).
Er muss sich nächstes Jahr zur Wahl stellen - und sieht diesem Tag nach eigener Aussage entspannt entgegen, trotz der Turbulenzen in jüngerer Zeit: Holger Hanselka, Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT). | Foto: Fabry

Interview mit Holger Hanselka

„Künstliche Schneise im KIT muss weg“

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 Mit „Hochdruck“ arbeiten die Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) derzeit an den Bewerbungen für den Exzellenz-Wettbewerb der deutschen Universitäten. Am 21. Februar ist Abgabeschluss. Dass die Karlsruher gleich vier Anträge auf sogenannte Forschungscluster im Rennen haben, wertet KIT-Präsident Holger Hanselka als „beachtlichen Erfolg“. Intern gab es am KIT in jüngerer Zeit auch heftige Kontroversen. Wie er diese Probleme einschätzt, wie er die größte deutsche Forschungsuniversität weiterentwickeln will und welche Chancen er für das KIT im Exzellenz-Wettstreit sieht – darüber sprach BNN-Redakteurin Elvira Weisenburger mit Holger Hanselka.

Gibt es neue Bewerber für den Posten des KIT-Finanzchefs, der seit Jahresanfang verwaist ist?

Hanselka: Die Findungskommission sucht einen Nachfolger und führt Gespräche. Da halten wir uns an die üblichen Regeln und geben während des laufenden Verfahrens nichts nach außen. Wir werden eine geeignete Persönlichkeit finden.

Den Fall Breuer haben
wir aufgearbeitet

Ihr ehemaliger Vizepräsident Ulrich Breuer wäre noch Finanzmanager des KIT, wenn es nach Ihnen und dem Aufsichtsrat gegangen wäre. Doch der Senat hat die Vertragsverlängerung gekippt. Wie stark wirkt der Fall am KIT nach?

Hanselka: Der Fall Breuer ist für uns Geschichte –wir haben das aufgearbeitet. Der Senat hat diese Entscheidung nicht leichtfertig getroffen, denn es ist allen bewusst gewesen, welche Leistung von Herrn Breuer für das KIT erbracht worden ist. Das Verfahren zeigte aber auch, wie Universitäten und eine Institution wie das KIT aufgestellt sind, was die Menschen bewegt und welche Stimme die Gremien haben. Wir haben kein Geheimnis daraus gemacht, dass wir im Präsidium gerne mit Herrn Breuer weitergearbeitet hätten. Jetzt ist es anders. Die Kultur des Miteinanders von Präsidium und Senat – dessen Vorsitzender ich ja bin – hat allerdings nach all diesen Ereignissen eine andere und viel bessere Qualität bekommen. Und das ist die positive Seite, die ich sehr wertschätze. Wir waren gemeinsam in Klausur. Wir haben auch erörtert, wie wir künftig gemeinsam früher festzustellen, wie sich die Entscheidungs- und Abstimmungsprozesse entwickeln? Auch für Herrn Breuer wäre es sicher besser gewesen, wenn er mehr Zeit gehabt hätte, um sich umzuorientieren.

Durch die Reform des Landeshochschulrechts wird es künftig noch einfacher, Präsidiumsmitglieder abzuwählen – allein durch die Mehrheit der Professoren.
Gilt diese Neuerung auch für das KIT?

Hanselka: Die Frage, ob und wenn ja, wie die Gesetzesreform auf das KIT-Gesetz übertragen werden muss, ist spannend. Die Juristen klären das noch.

Werden Sie und Ihre Kollegen an anderen Unis durch die gestärkte Mitsprache der Professoren womöglich unfreier in Ihren Entscheidungen?

Hanselka: Man muss klar sehen: Als Forschungsuniversität sind wir kein Unternehmen, das man durchregieren kann. Wir sind eine Institution mit ganz vielen hoch qualifizierten Menschen, die dieses KIT mitgestalten wollen. Das geht nur mit Partizipation, und das ist auch gut so.

Ich muss auch unangenehme
Entscheidungen treffen

Als Präsident sehe ich diese Reform entspannt. Klar ist: Ich kann mein Amt nur erfolgreich ausüben, wenn das KIT den Weg aus Überzeugung mitgeht. Andererseits muss ich in meiner Rolle auch bisweilen unbequeme Entscheidungen treffen, gegen die Meinung von Mehrheiten. Aber ich treffe sie mit Blick auf die Zukunftsfähigkeit des KIT und vor dem Hintergrund der nationalen und internationalen Konkurrenz. Wenn ich alle Entscheidungen unter das Diktat stelle, ob sie mehrheitsfähig sind, kann ich sofort aufhören zu arbeiten. Wenn sich die Kräfte verschieben, steigt natürlich auch die Verantwortung der Senate an den Universitäten.

Sehen Sie genauso „entspannt“ Ihrer Wiederwahl im nächsten Jahr entgegen?

Hanselka: Ja.

Werden Sie auf jeden Fall wieder kandidieren?

Hanselka: Als ich damals nach Karlsruhe kam, habe ich gesagt: Für diese Aufgabe werde ich zehn Jahre meines Lebens brauchen. Eine Amtszeit dauert nur sechs Jahre. Zehn Jahre, so viel Zeit habe ich eingeplant – mindestens. Ob das KIT das genauso sieht, entscheidet sich dann am Wahltag. Deshalb sehe ich das entspannt. Was ich machen will, weiß ich.

Sie sprechen immer von zehn Jahren. Zwei volle Amtszeiten wären aber zwölf Jahre. Was machen Sie in den restlichen zwei Jahren?

Hanselka: Lassen Sie mich am Ende doch noch zwei Jahre genießen. Denn die zehn Jahre sind anstrengend. Ich mache sie gerne, aber es ist kein Sparziergang.

Gut vorstellbar – denn die schwierige Fusion von Uni und Forschungszentrum zum KIT ist noch längst nicht vollendet. Die Geldströme von Bund und Land müssen bisher strikt getrennt verwaltet werden, Sie wollen sie zusammenfließen lassen. Ist das Ihr großes Reformprojekt der nächsten Jahre?

Hanselka: Das Zusammenführen der Finanzströme ist nicht das große Reformprojekt, sondern es ist eine zwingende Notwendigkeit, um das eigentliche große Reformprojekt zu beschleunigen, nämlich das KIT wirklich zusammenzuführen. Wir müssen das eine KIT schaffen, zu dem sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekennen – statt immer von der einen und der anderen Welt zu reden. Nun kann man die Frage stellen: Wie viel Gemeinsames haben wir schon geschaffen, wie viel haben wir noch vor uns?

Wie weit sind Sie denn aus Ihrer Sicht?

Im Büro treffen unsere Forscher
auf zwei getrennte Welten

Hanselka: Unsere Strategie und unser Slogan: „Wir sind die Forschungsuniversität in der Helmholtz-Gemeinschaft“ vereint nach innen und nach außen – und als solche sind wir bundesweit einzigartig. Wir sind zurzeit ja in einem Begutachtungsmarathon – für die Finanzbewilligung in der Großforschung und ab Mitte April auch für die Exzellenz-Strategie. Vier Exzellenz-Forschungscluster stehen zur Begutachtung an – und drei davon sind gemeinsame Aktivitäten von Großforschung und Universität. Hier treten die Menschen gemeinsam für das KIT an. Das schweißt zusammen, das erzeugt Motivation. Gleiches gilt für die aktuell laufenden Begutachtungen des Großforschungsbereichs. Wenn ich sehe, wie begeistert unsere Mitarbeitenden vor den Gutachtern von den Vorzügen des KIT sprechen – dann sind wir schon verdammt weit. Das ist das Positive. Aber wenn die Forscher in ihr Büro zurückgehen, treffen sie wieder auf zwei Welten.

Welche alltäglichen Probleme belasten die Mitarbeiter da?

Hanselka: Wenn sich zwei Leute ein Büro teilen und eine Person auf der Gehaltsliste der Universität steht, die andere auf der Gehaltsliste der Großforschung – dann geht es schon damit los, dass unterschiedliche Reisekostenrechte für sie gelten. Welches Formular muss ich ausfüllen, wenn ich eine Reise mache? Darf ich bei Firma X oder Firma Y kaufen? Solch unterschiedliche Regelungen zu haben, ist nicht gesund.

Bei uns gelten zwei verschiedene
Währungen: Euro und Stellen

Zudem gelten verschiedene Währungen: die eine heißt Euro, die andere Stellen. In der Großforschung bekommen wir am Anfang ein Budget in Euro und eine Aufgabe, die wir damit erfüllen müssen. In der Universitätswelt denken wir dagegen in Personalstellen, die vom Land mit Geld hinterlegt werden – je nachdem, was sie tatsächlich gekostet haben, ob die Mitarbeiter alt oder jung waren, Kinder haben oder nicht. Diese unterschiedlichen Währungen führen auch zu unterschiedlichen Denkmustern. Sie schlagen in unser System eine künstliche Schneise. Und diese künstliche Schneise muss weg – damit wir die Synergien am KIT voll nutzen können.

Welche der Währungen hätten Sie denn lieber für das ganze KIT?

Hanselka: Eine Währung in Euro gibt uns mehr Flexibilität. Wir wären damit besser bedient, weil wir dann selber entscheiden können, ob wir mit dem Euro zum Beispiel eine Person einer bestimmten Gehaltsstufe beschäftigen, ob wir mehr Geld für ein Forschungslabor oder für Personal in der Lehre ausgeben.

Sie brauchen die Unterstützung von Bundes- und Landespolitikern, um das System zu verändern. Konnten Sie die schon überzeugen?

Hanselka: Das nächste Jahr ist ein wahlkampffreies Jahr. Wir sind also guter Hoffnung. Denn um für das KIT Meilensteine zu setzen, brauchen wir eine gemeinsame Aktion der Politik in Bund und Land.

Es gibt zugleich immer noch Menschen am KIT, die von der Rückabwicklung der Fusion träumen.

Hanselka: Ja, aber das ist doch das Normalste der Welt. Das ist nur menschlich. Es war gestern immer alles besser …

Sind die Beharrungskräfte und die Ablehnung der Fusion in der Verwaltung deutlich größer als in der Wissenschaft?

Hanselka: So lässt sich das nicht verkürzen. In der Wissenschaft sind die Hürden der Gegenwart quasi überwunden, weil man ja über Fragen der Zukunft nachdenkt. Unsere Verwaltung trägt derzeit die Verantwortung dafür, dass wir artig in zwei Welten leben, so wie es die unterschiedlichen Regelungen vorsehen. Es wäre für alle einfacher, wenn wir nur eine Welt hätten.

Gesprengte Präsidiumssitzung
war für uns alle belebend

Es hat in jüngerer Zeit jedenfalls am KIT rumort. Es gab 2017 auch diese Präsidiumssitzung, die vom Personalrat gesprengt wurde. Das war für Sie doch sicher auch ein extremes Ereignis?

Hanselka: Sehen wir das mal so: Ich habe jeden Tag Sitzungen, hochspannende und hochdynamische, selten einfache Sitzungen. Die Sitzung mit dem Personalrat war sogar für uns alle belebend. In unserem inneren Miteinander hat uns das nicht geschadet.

Für die Außenwirkung des KIT ist das Abschneiden beim Uni-Exzellenz-Wettbewerb wichtig. Vier Forschungsprojekte haben Sie noch im Rennen, im September fällt die Entscheidung. Wie schätzen Sie die Chancen Ihrer Forscher ein?

Hanselka: Bei den Forschungsclustern ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es uns gelingt, für zwei oder mehr den Zuschlag zu bekommen. Da habe ich eine echte Erwartungshaltung und wünsche es den antragstellenden Forscherinnen und Forschern.

Wie wichtig wären die maximal zehn Millionen Euro Fördergeld pro Jahr und Cluster fürs KIT?

Hanselka: Wenn man vorsichtig von durchschnittlich sieben bis acht Millionen Euro pro Cluster ausgeht, könnten wir auf bis zu rund 30 Millionen Euro pro Jahr kommen. Das ist bei unserem Haushalt mit über 350 Millionen Euro an Drittmitteln zwar keine dominierende Größe, aber es wäre großartig. Diese Cluster würden uns helfen, in eine andere Liga zu kommen, weil wir mit diesem zusätzlichen Geld schneller und mit mehr Menschen forschen könnten. Für die wissenschaftliche Qualität im internationalen Wettbewerb brauchen wir diese Cluster.

Drei Exzellenz-Universitäten im
Südwesten wären ein Wunder

Wenn Sie mindestens zwei Forschungscluster erhalten, kann sich auch das KIT als Ganzes als „Elite“-Uni bewerben. Wie stehen aus Ihrer Sicht die Chancen, dass Karlsruhe wieder zur Exzellenz-Universität aufsteigt?

Hanselka: Die Entscheidung, ob wir den Zuschlag erhalten, ist nicht nur eine inhaltliche, sondern auch eine politische. Wir werden unser Bestes geben, um einen richtig, richtig guten Antrag zu unserer strategischen Entwicklung zu schreiben. Wir können uns einerseits stolz schätzen, zum stärksten Bundesland zu gehören, in dem sechs andere Universitäten auch die Chance auf Exzellenz haben. Andererseits ist die Wahrscheinlichkeit ausgesprochen gering, dass von zehn oder elf Exzellenz-Universitäten am Ende sechs oder sieben nach Baden-Württemberg gehen. Das wird man politisch nicht machen. Zwei Exzellenz-Unis für den Südwesten wären toll, drei wären ein Wunder.