Mentrup und Weibel
Stolz und Vorfreude: Oberbürgermeister Frank Mentrup (links) und ZKM-Direktor Peter Weibel, der Kurator des Kunstspektakels, stellen die Schlossfestspiele 2019 vor. | Foto: jodo

Kunst, Moral und Wissen

Schlosslichtspiele 2019: neue Details zum Programm

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Die Karlsruher Schlosslichtspiele vom 8. August bis zum 15. September versprechen ein Spektakel von Kunst und Wissenschaft zu werden. Es geht um die Entstehung der Welt und des Lebens. Unter der Leitung von ZKM-Chef Peter Weibel bringen sich auch Karlsruher Wissenschaftler ein.

Karlsruhe will es in diesem Sommer der Welt zeigen: Die Schlosslichtspiele vereinen das Schöne, das menschlich Richtige und die Wissenschaft per avantgardistischer Medienkunst zu einem Dreigestirn neuer Harmonie. Mit diesem großen Anspruch wollen Kurator Peter Weibel und die Event-Organisatoren auch bei der fünften Auflage der Schlosslichtspiele die Massen zu Erlebnisabenden auf den Schlossplatz locken.

Eine Art Anti-Trump-Zitat

Das laut Weibel neuartige Zusammenspiel von Ästhetik, Ethik und Erkenntnis soll dem staunenden Publikum auch die Botschaft der Liebe als Schlüssel zur Rettung der Welt bringen. Diese Karlsruher Schlossspiele tragen das Motto „Ein Sommer der Liebe und des Lebens“. Sie sollen als eine Art Anti-Trump-Zitat „Love comes first“ aus der digitalen Kunstwelt in die Wirklichkeit hinaustragen. Weibel und Co geht es um die „die Ursprünge des Universums, der Erde, des Lebens und der Liebe“.

Kaleidoskopartige Räume, andersweltliche Arrangements und scheinbar unmögliche Szenerien enden in einer atmosphärischen Darstellung der Unendlichkeit auf der Fassade des Schlosses.
Kaleidoskopartige Räume, andersweltliche Arrangements und scheinbar unmögliche Szenerien enden in einer atmosphärischen Darstellung der Unendlichkeit auf der Fassade des Schlosses. | Foto: Xenorama, Walls of Perception, 2019

Welthistorie als Schöpfungsgeschichte

In Kooperation mit Klimaforschern des KIT und Fossilienexperten des Naturkundemuseums wird die Welthistorie als Schöpfungsgeschichte, also künstlerisch auf wissenschaftlicher Basis, an der Schlosswand dargestellt.

Die Erde als ein Garten Eden wird dabei zur Paraphrase.
Die Erde als ein Garten Eden spielt in der Show „Evolutions of Love“ eine große Rolle. | Foto: Antonin Krizanic und Peter Weibel, The Evolution of Love, 2019

Im Zeichen des Karlsruher Kunstkonflikts

Damit stehen diese Schlosslichtspiele auch im Zeichen des Karlsruher Kunstkonflikts um das auch mit der biblischen Genesis-Geschichte spielende Lüpertz-Projekts für die U-Strab-Bahnsteige. Der Bildhauer Markus Lüpertz schafft 14 Majolika-Reliefs zur Genesis. Peter Weibel führt die vielen Kritiker des Lüpertz-Projekts aus der Karlsruher Kultur- und Wissenschaftswelt an. Oberbürgermeister Frank Mentrup, der bei dem Lüpertz-Projekt als „Ermöglicher“ fungiert, spart nun bei der Präsentation der Schlosslichtspiele 2019 nicht an Superlativen.

Auch manch apokalyptische Ansicht bietet die Lichtershow.
Auch manch apokalyptische Ansicht bietet die Lichtershow. | Foto: MaxiIn10sity, Our only blue one, 2019

Woodstock-Revival am Karlsruher Schloss

Auch dass das legendäre, einst Skandal umwitterte Fest der Liebe in Woodstock vor 50 Jahren nun auf der Schlosswand und mit Fotos in 70 Karlsruher Geschäften ein Revival erfährt, findet er wunderbar. „Die Schlosslichtspiele sind eine Erfolgsgeschichte, die ihres gleichen sucht“, meint Mentrup. So sei der Schlossplatz im Sommer „der Treffpunkt der Region“ und „ein Magnet, der Gäste aus ganz Europa anzieht“.

Mit einer Verbindung aus Erzählung und Projektion wollen Global Illumination, das Gebäude des Schlosses in eine wimmelnde Arche Noah verwandeln.
Mit einer Verbindung aus Erzählung und Projektion wollen Global Illumination, das Gebäude des Schlosses in eine wimmelnde Arche Noah verwandeln. | Foto: Global Illumination, The Evolution of Life, 2019

„Ergreifende Atmosphäre“ bei den Schlosslichtspielen

Übrigens läuft das am 8. August beginnende Spektakel diesmal auch noch eine Woche nach Ferienende, also bis 15. September. 1,4 Millionen Menschen insgesamt haben bislang das Karlsruher Sommerereignis gesehen. „Die Stadt der Medienkunst, der absolute Digitalisierungsort“ finde damit eine herausragende Bühne, freut sich Mentrup. Zudem herrsche während der Karlsruher Spiele „eine ergreifende Atmosphäre“, wo die Menschen in „der Gemeinschaft aufgehoben“ seien.

Wunderbare Aussichten bieten sich den Zuschauern.
Wunderbare Aussichten bieten sich den Zuschauern. | Foto: Antonin Krizanic und Peter Weibel, The Evolution of Love, 2019

Schlosslichtspiele in einer Reihe mit „Fridays for Future“

ZKM-Chef Weibel sieht diese Schlosslichtspiele in einer Reihe mit dem Weltrettungsversuch der Demonstrationen „Friday for Future“. Damit werde ein Zeichen gegen Hass und die Herrschaft der Angst, gegen Unmündigkeit und falsche, unwissenschaftliche auch künstlerische Deutungen der Menschwerdung gesetzt, betont er.

Global Illumination ist ein Kollektiv aus bildenden KünstlerInnen und FilmemacherInnen, das sich mit Kurzfilmen, Animationen, Video-Mappings und AV-Performances beschäftigt.
Global Illumination ist ein Kollektiv aus bildenden KünstlerInnen und FilmemacherInnen, das sich mit Kurzfilmen, Animationen, Video-Mappings und AV-Performances beschäftigt. | Foto: Global Illumination, The Evolution of Life, 2019

Es geht auch um positive Botschaften

Der Klimaforscher und Meteorologe Johannes Orphal vom KIT unterstreicht, welchen enormen Ruf dieser Karlsruher Zweig der Wissenschaft weltweit hat. „Es geht nicht nur um Betroffenheit, sondern auch um positive Botschaften“, sagt der Forscher. Norbert Lenz, Direktor des Naturkundemuseums am Friedrichsplatz, bezieht dabei deutlich Position gegen den Kreationismus, der die wissenschaftlich bewiesene Evolution bestreitet und behauptet, dass sich das Leben nicht verändere.

Kommentar: Streitkultur
Wenn die Schlosslichtspiele halten, was deren Macher versprechen, dann wird dieser badische „Summer of 2019“ 50 Jahre nach Woodstock in die globale Festivalgeschichte eingehen. Die Ansprüche und die Ankündigungen fliegen hoch. Dabei muss man es nicht immer toller treiben. Weniger kann auch mehr sein. Beim Vergleich mit Woodstock kann ein überambitioniertes Karlsruhe nur den Kürzeren ziehen. Angetrieben vom Stadtmarketing will sich Karlsruhe aber als die boomende Medienkunst- und Wissenschaftsstadt von Weltniveau international vermarkten. Schon spricht OB Mentrup von einer einzigartigen Erfolgsgeschichte. Mit Peter Weibel und dem ZKM hat Karlsruhe dafür auch tatsächlich den hochtourigen und hochkarätigen Kreativmotor. Niemand kann berechtigt den Anklang dieser Karlsruher Festspiele bestreiten und die positive Wirkung dieses Sommerspektakels als Wohlfühladresse und gesellschaftliches Ereignis kleinreden. Es hat auch seinen Preis: Eine Million Euro stecken 2019 in dem Ereignis, 400 000 Euro steuern die Bürger via Stadtkasse bei. Die gleiche Summe kommt von Sponsoren. 200 000 Euro will man beim Getränkeverkauf erwirtschaften. Zwei Dinge, die miteinander zusammenhängen, machen diese Sommermedienkunstshow besonders: In den neuen Videos an der Schlosswand geht es um die Evolution. Um das Entstehen und die Veränderung des Kosmos, des Globus und des Lebens, vor allem auch der menschlichen Existenz. Weibel lässt das geballte Wissen des KIT und des Naturkundemuseums einspielen. So kann bei den Lichtspielen eine beispiellose Symbiose von Kunst und Wissenschaft gelingen. Dabei ist dieser „Sommer der Liebe und des Lebens“ bewusst eine Art oberirdischer „Anti-Lüpertz“ im Vorgriff. Kreiert doch der selbst ernannte Künstlerfürst Markus Lüpertz vermutlich bis 2021 zweimal sieben Szenen zur Genesis, um damit die U-Strab zu schmücken. Bei seiner Schöpfungsgeschichte will er sich allerdings nicht strikt an die Bibel halten wie die Kreationisten, für die Adams Rippe noch heute der Knochen ist, aus dem die Frau und die Liebe in die Welt kamen.
Karlsruhe kann sich über einen solchen Wettstreit der Künstler freuen. Wie beim „Sängerkrieg“, als im Mittelalter die Minnesänger um die Gunst der Angebeteten stritten, wird nun unter Künstlern um die Erklärung der Welt und um die Zustimmung des Publikums gerungen. Das ist doch die ersehnte Streitkultur.