Die Junge Kunsthalle in Karlsruhe thematisiert mit Entwürfen von Pforzheimer Studierenden die facettenreiche Beziehung von Kunst und Mode. | Foto: abw

Junge Kunsthalle Karlsruhe

Kunst und Mode: Deutschlands längste Fashion Weeks

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Es sind die längsten Fashion Weeks Deutschlands. Und sie finden nicht im hippen Berlin oder in Düsseldorf statt, sondern in Karlsruhe. Schauplatz ist die Junge Kunsthalle. Seit Samstag wird dort die Ausstellung „K & M. Kunst und Mode“ gezeigt. Zu sehen sind Gemälde aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert im Zusammenspiel mit aktuellen Kreationen von Pforzheimer Modestudierenden. Die Ausstellung läuft bis zum 13. Oktober 2019.

Von Gemälden inspiriert

Auf den ersten Blick scheinen die zum Teil recht extravaganten Outfits mit den längst aus der Mode gekommenen Gewändern der gemalten Damen wenig gemein zu haben. Und doch ließen sich die Pforzheimer Nachwuchs-Designer von den Kunstwerken zu Neuem und Gewagtem inspirieren. Auf die Kostüm-Geschichte zurückzugreifen – „das gehört zur Marken-DNA in den Kollektionen vieler renommierter Designer“, sagt Professorin Sibylle Klose von der Hochschule Pforzheim. Und ist demnach auch für ihre Studierenden ein Thema.

Zusammenarbeit mit der Hochschule Pforzheim

Drittsemester beschäftigten sich für die Ausstellung „Kunst und Mode“ mit den von der Kunsthalle Karlsruhe ausgewählten Gemälden. Während die ersten Besucher in die Ausstellung strömen, zeigen sich alle Beteiligten begeistert von der „wunderbaren“ Zusammenarbeit. Und von der Vielfalt der daraus entstandenen Kreationen. Auch das Karlsruher Publikum – nicht nur das junge – profitiert. Einen so intensiven Einblick in den Entstehungsprozess von Modekollektionen genossen bislang nur wenige.

Kunst und Mode – eine Quelle der Inspiration: Das Bildnis des Generals Krieg von Hochfelden und seiner Gemahlin zu Pferde wurde 1832 von Johann Rudolph Kuntz und Marie Ellenrieder geschaffen. | Foto: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Was Mode-Studentinnen reitet

Da ist etwa das Gemälde aus dem Jahr 1832, das ein Ehepaar hoch zu Ross zeigt. Die drei Modestudentinnen, die sich mit diesem Bild befassen, interessieren sich besonders für die Dame.

Die Zügel selbst in die Hand genommen

Isabelle Dingler sieht in ihr eine Frau, die die Zügel selbst in die Hand nimmt. Das riecht nach Leder. Aus diesem Material drapiert die Studentin ein Oberteil – mit voluminösen Ärmeln, wie auch das Reitkleid der Dame mit gewaltigen Keulenärmeln ausgestattet ist. Von „Sportswear“ hatte man im Biedermeier andere Vorstellungen als heute. Der Reitrock, stellt Isabelle Dingler fest, ist eine komplizierte Sache und „total schräg“. Damit er im Damensitz schön gerade fällt, braucht er viele Schichten. Sie empfindet das in einem roten Rock nach. Den jedoch fertigt sie aus Softshell, einem heute für Sportkleidung typischen Material.

Kunst und Mode – Die Zügel selbst in die Hand genommen hat Modestudentin Isabelle Dingler mit dieser Kreation. | Foto: abw

Aufbruch unter Verhüllung

Stella Muriel Müller sticht der Schleier am Hut der züchtig verhüllten Reiterin ins Auge. Schleier, Verhüllung – Burka. Aber auch Aufbruch assoziiert sie mit dem Gemälde. So wird „Aufbruch unter Verhüllung“ Thema ihres Entwurfs. Versöhnlich wirkt der Reißverschluss: Hier lässt sich etwas öffnen.

Aufbruch unter Verhüllung: Entwurf von Stella Muriel Müller

Gleichberechtigt und frei

Unter dem Aspekt „Gleichberechtigt und frei“ betrachtet Corinna Kolter das Gemälde. Die Reiterin, ist sie nicht auch „Vorreiterin“? Eine Rebellin, die sagt: „So geht das nicht?“ Die Studentin entwirft für sie ein zeitgemäßes schwarz-weißes Outfit in Materialmix. Das Spitzen-Oberteil freilich ist vielfach mit einem Spruch bestickt, den US-Präsident Donald Trump 1994 von sich gegeben haben soll: „I tell my friends to be rougher with their wives“ (Ich sage meinen Freunden, sie sollen grober mit ihren Frauen umgehen.) Nein, sagt die Rebellin. So geht das nicht.

Kunst und Mode – Gleichberechtigt und frei. Entwurf von Corinna Kolter | Foto: abw

Einblick in den Entstehungsprozess

Eine Inspirationsquelle, drei Modestudentinnen, drei völlig unterschiedliche Entwürfe. Wer genauer wissen möchte, wie die drei – und ihre Kommilitonen, die andere Gemälde zum Vorbild hatten –, ihre Ideen entwickelten, sollte sich die im ersten Obergeschoss der Jungen Kunsthalle ausgestellten „Mapping-Boards“ der Nachwuchs-Designer anschauen. Auf ihnen lässt sich anhand von Skizzen und Materialproben die Entstehungsgeschichte der Kreationen nachverfolgen.

Von der Idee zum Outfit: Auf „Mapping Boards“ sammeln die Mode-Studierenden Skizzen und Materialproben. Hier lässt sich zum Beispiel die Entstehungsgeschichte von Isabelle Dinglers Entwurf nachvollziehen. | Foto: abw

Kunst und Mode zum Mitmachen

Oben finden sich auch die Aktionsräume, die dazu einladen, selbst Outfits oder Accessoires zu entwerfen, anzufertigen und auf einem Laufsteg vorzuführen. Und dabei die Worte des verstorbenen Karl Lagerfeld mit Leben zu erfüllen: „Der Mode entkommt man nicht. Denn auch wenn Mode aus der Mode kommt, ist das schon wieder Mode.“ Im Treppenhaus der Jungen Kunsthalle prangt der Spruch an der Wand.

K & M — Kunst und Mode: ist bis zum 13. Oktober in der Jungen Kunsthalle Karlsruhe, Hans-Thoma-Straße 4, zu sehen. Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Konzipiert wurde die Schau von Sibylle Brosi, Petra Erler-Striebel, Claudia Sigmund und Luca Anne Schabinger in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Mode der Hochschule Pforzheim unter der Leitung von Sibylle Klose, Olga Pfeifle und Silke Helmerdig.

Hier gibt es Infos zu Begleitveranstaltungen.
Zur Ausstellung entsteht ein Blog.