ÜPPIGE BLÜTENPRACHT - so hat der Maler Anselm Feuerbach sein undatiertes Blumenstillleben angelegt, das zur Sammlung der Kunsthalle Karlsruhe gehört. | Foto: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Danach mögliche Schließung

Kunsthalle Karlsruhe verschiebt Ausstellung „Inventing Nature“ wegen Corona-Krise auf 2021

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Das Timing war ideal. Die jüngste Ausstellung der Kunsthalle Karlsruhe wäre das perfekte Frühlingsereignis geworden. Der 8. Mai hätte dem Publikum ein besonderes Bouquet bescheren sollen. Ab diesem Tag wollte das Haus mit „Inventing Nature – Pflanzen in der Kunst“ einen Gang durch 500 Jahre floraler Kunstgeschichte bieten.

Jetzt hat die Corona-Krise auch hier einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Vorhaben wird auf 2021 verschoben und könnte dann den vorläufigen Schlusspunkt unter die Ausstellungstätigkeit des Museums setzen: In rund 15 Monaten soll die Kunsthalle Karlsruhe für Sanierungs- und Umbaumaßnahmen für mindestens fünf Jahre geschlossen werden.

Totale Vollbremsung wegen des Coronavirus

Die Vorbereitungen steuerten bereits auf die Endphase zu, als klar wurde: „Inventing Nature“ muss erst einmal abgeblasen werden. „Das bedeutet, einen voll besetzten Zug, der mit Volldampf unterwegs ist, mit einer Vollbremsung zum Stehen zu bringen“, sagt Kirsten Claudia Voigt.

Die Kunsthistorikerin hat zusammen mit ihrer Kollegin Leonie Beiersdorf das umfangreiche Vorhaben erarbeitet – mit gut 200 Werken, von weit über 70 Künstlern. 30 von ihnen waren eingeladen, mit ihren Beiträgen die Gemälde, Zeichnungen oder Drucke aus den Karlsruher Beständen zu ergänzen.

Warten auf Grien: Vor der Kunsthalle bildeten sich am Vorletzten Wochenende der Ausstellung Schlangen.
Warten auf Grien: Vor Corona bildeten sich vor der Kunsthalle Karlsruhe noch lange Schlangen. | Foto: Jörg Donecker

Erleichterung bei den Partnern

„Die Laster mit den Leihgaben standen kurz vor dem Start,“ berichtet Voigt. Der Katalog sei so gut wie fertig. Immerhin gibt es einen neuen Termin – gegenwärtig ein wichtiges Signal, wie die Kuratorin betont. Denn die drastischen Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens und die Einschnitte im Wirtschaftsgeschehen haben bereits auf die Kunst durchgeschlagen.

Zurückhaltung in jeder Hinsicht macht sich breit, allenthalben werden offenbar Ankäufe auf Eis gelegt. Umso wichtiger sei es, dass sich öffentliche Institutionen als verlässliche Partner erweisen, unterstreicht Voigt: „Die Ankündigung, dass wir aus der weltweit Leid und Existenznot erzeugenden Krise so doch eine Chance für unsere Partner, Freunde und die Kunst entwickeln werden, löste bei allen Beteiligten Freude und Erleichterung aus.“

Ausstellung soll quer durch die Epochen führen

Das Thema wird ohnehin auch 2021 noch aktuell sein. Denn die Ausstellung soll Gelegenheit geben, anhand von Beispielen aus fünf Jahrhunderten zu erkunden, wie sich in diesem Zeitraum unser Verhältnis zur Natur geändert hat. „Die Karlsruher Sammlung zeigt sich da von ihrer besten Seite, denn wir haben hochkarätige Beispiele aus allen Epochen“, gibt die Wissenschaftlerin zu verstehen.

Kunsthistorikerin Kirsten Claudia Voigt Kunsthalle Karlsruhe
Kunsthistorikerin Kirsten Claudia Voigt hat die Ausstellung zusammen mit ihrer Kollegin Leonie Beiersdorf für die Kunsthalle Karlsruhe erarbeitet. | Foto: Kunsthalle

Um die historische Spannweite zu markieren nennt sie als zwei Pole auf der Zeitachse Martin Schongauer und Peter Dreher. Dort der Meister der Colmarer „Madonna im Rosenhag“, von dem die Kunsthalle mehrere Blätter besitzt, darunter einen Kupferstich aus der Mitte des 15. Jahrhunderts mit einem üppig rankendem Pflanzenornament, aus dem Vögel und eine Eule hervorlugen. Hier die Bilderreihe „Kleeblume“ des jüngst verstorbenen Malers Dreher, der das langsame Vergehen einer einfachen Kleeblume in einem ebenfalls einfachen Wasserglas mit den Mitteln seiner Kunst festgehalten hat.

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Kunsthalle will noch nie gezeigte Fotoarbeit ausstellen

Das Alte mit dem Neuen, das Historische mit dem Aktuellen zu konfrontieren – das ist der Ansatz, mit dem die beiden Kuratorinnen an „Inventing Nature“ herangegangen sind.

So werden niederländische Blumenstillleben etwa auf Lois Weinbergers noch nie gezeigte Fotoarbeit „Baumfest“ (1977) oder auf die Videoinstallatiion „In The Trees II“ von Joan Jonas treffen: Die Arbeit entstand im Anschluss an die 56. Biennale di Venezia, wo die heute 83-Jährige den Pavillon der USA bespielte.

Inspiriert von dem Roman „Am Gletscher“ (Kristnihald undir Jökli) des isländischen Literatur-Nobelpreisträgers Halldór Laxness hat die Künstlerin vielschichtige Formen der Reflexion über Natur entwickelt. Geleitet von Sorge um den Planeten samt seiner Flora und Fauna.

Die kürzlich zu Ende gegangene Landesausstellung „Hans Baldung Grien“ in der Kunsthalle Karlsruhe war für das Museum ein Erfolg. | Foto: Kelzer

Die Ausstellung soll trotz Pflanzen nicht mit Umweltschutz befassen

Obwohl sie mit „Inventing Nature“ ökologische Aspekte berührt, geht es Kirsten Claudia Voigt in ihrer Konzeption nicht um eine Ausstellung zum Thema Umweltschutz. Vielmehr ist es ihr Anliegen und ihre Hoffnung, dass die Menschen durch das Sich-Vertiefen in die Kunstwerke zu einer insgesamt achtsamen Haltung finden.

„Das wertschätzende Sehen darf gerne weitere Kreise ziehen“, wünscht sich Voigt. Sie erinnert an das besondere Anschauungsmaterial, das gerade in der Karlsruher Kunsthalle zur Verfügung steht.

Zu diesen Werken, die sich zur Zeit wenigstens auf der Website des Karlsruher Museums betrachten lassen, gehört etwa ein „Stillleben mit Blumen und Goldpokalen“ (1612). Dort sind die Blüten mit der gleichen Sorgfalt gemalt sind wie die Ornamente auf den kostbaren Gefäßen.

Aber auch Gemälde des Rembrandt-Zeitgenossen Jan Davidszoon de Heem oder des Spätromantikers Anselm Feuerbach und Zeichnungen von Vincent van Gogh, Odilon Redon oder Hans Thoma zeugen von einem sorgsam-respektvollen Eingehen auf die Feinheiten der Natur, das sich im Idealfall auf die Betrachter überträgt.

Die Neuausrichtung zur Natur ist auch 2021 noch aktuell

Dieser Tage schrieb Johannes Vogel, Generaldirektor des Berliner Museums für Naturkunde, im „Tagesspiegel“ unter anderem: „Ganz gleich, ob das neue Coronavirus nun über Schuppentiere, Fledermäuse oder andere Kreaturen zum Menschen kam, wir müssen neu definieren, wie wir uns zur Natur stellen.“

Der Wissenschaftler bezog sich dabei auf den Handel mit Wildtieren. Und er ergänzt: „Eine vielfältige und funktionierende Umwelt – die unser Wohlergehen bedingt, uns gesund hält, ernährt, kleidet und beherbergt – muss als globales Gemeingut von einer gut informierten globalen demokratischen Wissensgesellschaft regiert werden.“

Es sind Sätze, die auch Kirsten Claudia Voigt unterschreiben würde. Das Thema „Anthropozän“ als das Erdalter, in dem der Zustand des Planeten wesentlich durch den Menschen geprägt wird, beschäftigt sie schon lange.

Die Notwendigkeit, sich den damit verbundenen Fragen zu stellen, wird auch nach dem Ende der Covid 19-Krise bestehen bleiben. Und so wird wohl die Ausstellung „Inventing Nature“ auch im kommenden Jahr aktuell bleiben.

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