Laubhütte
Eine Laubhütte und ein Strauß für Segenssprüche, wie ihn Rabbiner Mendelson hält, gehören zum Laubhüttenfest. | Foto: jodo

Jüdische Feiertage

Die Laubhütte steht in Karlsruhe im Herzen der City

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Von Sonntagabend an begehen Juden in aller Welt das einwöchige Laubhüttenfest. Karlsruhe zählt zu den deutschen Großstädten, in denen es die Feiertage über in der Innenstadt eine öffentlich zugängliche Laubhütte gibt, Sukka genannt.

Laubhütte bei St. Stephan

Errichtet wird sie neben der Kirche St. Stephan seit acht Jahren von Rabbiner Mordechai Mendelson. Der Anschlag von Halle ist für ihn kein Grund, mit dieser Tradition zu brechen.

„Ich habe nicht einen Moment daran gedacht, auf die Laubhütte zu verzichten“, sagt Mendelson. „Der Täter wollte, dass wir aufgeben. Diesen Gefallen werde ich ihm nicht tun.“

Wir verstecken uns nicht

„Jüdisches Leben gehört zu Karlsruhe. Und wir verstecken uns nicht. Wir laden alle Menschen ein, mit uns unsere Feste zu begehen“, sagt der 41-Jährige. Vor 16 Jahren etablierte er in der Stadt ein Zentrum der weltweit aktiven Chabad-Bewegung.

Der Rabbiner macht Angebote für den jüdischen Teil der Bevölkerung: Gläubige nehmen in der Zeit des Laubhüttenfests ihre Mahlzeiten in der Sukka ein.

Ein Strauß für Segenssprüche

Mendelson weiß, dass nicht jeder selbst einen solchen temporären Bau daheim errichtet. Dass mancher dankbar ist, wenn er ein entsprechendes Angebot in der City findet, den aus Zweigen und einer Zitrusfrucht bestehenden Strauß für den Segensspruch inklusive.

Doch Mendelson geht es auch darum, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Immer wieder bleiben Passanten stehen. Auch am Freitag, als die Sukka noch nicht fertig ist, als noch Tisch und Stühle fehlen.

Passanten bleiben stehen

Die Karlsruher fragen, was es denn mit der Hütte auf sich hat. Das Fest Sukkot erinnert an den Auszug aus Ägypten, als die Israeliten in der Wüste in provisorischen Behausungen wohnten, erläutert der Rabbiner. Er sagt auch: „Es ist ebenso ein Symbol: Im Leben kann sich jeden Moment etwas ändern.“

Hat sich für ihn am Mittwoch dieser Woche etwas geändert, als der Attentäter von Halle zwei Menschen auslöschte? „Ich habe immer gesagt, dass für Juden Deutschland das sicherste Land in Europa ist“, sagt Mendelson. „Dann überlegte ich: Ist es doch nicht so?“

Polizei erhöht Sicherheit

Dennoch fühle er sich nach wie vor sicher im Land, in der Stadt, die er als tolerant erlebt. „In den acht Jahren, in denen wir die Sukka zu den Feiertagen haben, ist noch nie etwas passiert.“

Dass jetzt die Sicherheitsvorkehrungen der Polizei erhöht werden, hält Mendelson für richtig. Er will nicht, dass jemand aus Angst der Synagoge oder der Laubhütte fern bleibt.

Kirchen brauchen keinen solchen Schutz

Dennoch sagt der Rabbiner: „Kirchen brauchen in Deutschland keinen solchen Schutz. Ich wünsche mir, dass wir auch irgendwann unsere Türen ohne Bedenken offen lassen können.“

Mendelson hat überlegt, ob er die Videos der Tat in Halle ansehen soll. Er entschied sich dafür. So sah er, wie der 27-Jährige eine Frau erschießt, später einen Mann. „Wie in einem Computerspiel.“ Der Rabbiner sagt: „Der Täter ist ein Mensch, der Vater und Mutter hat.“

Blick auf Erziehung

Mendelson zitiert ein afrikanisches Sprichwort: „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Zu einem solchen Dorf könne auch das Internet werden, in dem Menschen sich zu hasserfüllten Fanatikern entwickeln.

Deshalb sei es wichtig, schon bei der Erziehung anzusetzen. „Wir sind alle Gottes Kinder. Niemand hat das Recht, sich über andere zu stellen oder anderen das Leben zu nehmen.“

Das muss alle Menschen wachrütteln

Der Rabbiner hat in den vergangenen Tagen viel Solidarität erlebt. Im direkten Gespräch, per Mail oder Facebook erklärten Menschen ihr Entsetzen über das Geschehen in Halle. Mendelson sagt: „Das muss alle Menschen, nicht nur uns Juden wachrütteln.“

Es freut den Rabbiner, wenn ganze Familien in seiner Laubhütte vorbeischauen. Am Sonntag vielleicht, wenn das Stadtfest in die City lockt.

Lichterfest am Marktplatz

Die Chabad-Synagoge befindet sich in der Herrenstraße. Die Sukka steht entsprechend nah dabei. Zum jüdischen Lichterfest Channuka wird Mendelson auch wieder auf die Straße gehen.

Am Marktplatz stellt er seinen Leuchter auf und lädt am 23. Dezember zum öffentlichen Kerzenzünden. Er will fröhlich feiern, mit allen Menschen.