Die Diagnose Down Syndrom ist für viele werdende Eltern erst einmal ein Schock. Hilfe gibt es bei der Beratungsstelle des Diakonischen Werks. | Foto: dpa

Woche zur Pränataldiagnostik

Leben oder nicht?

Ursula Kunz berät Menschen in Extremsituationen. Frauen, die ein Kind mit einer Behinderung erwarten. Familien, die sich dagegen entscheiden. Und wiederum Frauen, die ein Kind zur Welt bringen, dessen Lebenserwartung vielleicht bei ein paar Stunden liegt. „Der Job ist sehr emotional“, gibt die Sozialpädagogin unumwunden zu.

Eine von vier spezialisierten Beratungsstellen

Ursula Kunz arbeitet bei der Schwangerschafts- und Familienberatung des Diakonischen Werks. Dort ist sie zuständig für die „Informations- und Vernetzungsstelle Pränataldiagnostik“. Es ist eine von vier derartig spezialisierten Beratungsstellen in Baden-Württemberg. Kunz und ihr Team beraten Betroffene aus der Region Karlsruhe. Darüber hinaus ist es ihre Aufgabe, Mitarbeiter anderer Beratungsstellen zu coachen, der Bereich erstreckt sich hier vom nördlichen Landkreis Karlsruhe bis nach Waldshut im Südwesten Baden-Württembergs.

Infostand in Elisabeth-Selbert-Schule

„Es ist ein sehr wichtiges Thema“, sagt Ursula Kunz. Um dieses nach außen zu tragen, wird sie Mitte des Monats anlässlich der „Woche für das Leben“ in der Elisabeth-Selbert-Schule einen Infostand aufbauen. „Wir wollen an junge Menschen herantreten und sie für das Thema sensibilisieren“, sagt Kunz. „Die Woche für das Leben“ ist eine Aktion der Evangelischen und der Katholischen Kirche mit jährlich wechselnden Themenschwerpunkten.

Ich nehme mein Kind wie es ist

Für den Infostand in der Schule hat Ursula Kunz verschiedene Fragen und Thesen vorbereitet, mit denen sie die jungen Frauen und Männer konfrontieren will. Diese etwa: „Ich kann mir ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellen.“ Oder aber: „Ich mache nicht alle Untersuchungen mit. Ich nehme mein Kind wie es ist.“ Oder diese: „Wenn ich erfahre, dass mein Kind behindert ist, bekomme ich es trotzdem.“

Kinder mit Down Syndrom haben die beste Prognose

In den meisten Fällen entscheiden sich Familien dagegen, ein behindertes Kind zu bekommen, hat Ursula Kunz bei ihrer Arbeit beobachtet. Auch bei der Diagnose Down Syndrom wählen laut Kunz 90 Prozent einen Abbruch. Dabei hätten diese Kinder „die beste Prognose“, so die Expertin. Sehr groß sei aber die Angst vor der Veränderung, vor der Aufgabe, sich um ein behindertes Kind zu kümmern. Gleichzeitig seien die bürokratischen Hürden hoch: „An Hilfsmittel und Pflegekräfte ranzukommen, ist oft schwer“, sagt Kunz.

Bewusste Schwangerschaften

Gleichzeitig würden Kinder, die von den Ärzten vor der Geburt die Diagnose „nicht lebensfähig“ bekommen, häufig ausgetragen. „Hier tun sich die Eltern oft leichter, als bei Kindern, die ihr Leben lang ein Pflegefall wären“, erklärt Kunz. Oft helfe hier die Schwangerschaft beim Verarbeiten, sie sei Teil des Prozesses, das Kind am Ende gehen zu lassen. „Das sind oft sehr bewusste Schwangerschaften“, hat die Sozialpädagogin beobachtet. Diese Mütter und Väter begleitet sie in dieser Zeit intensiv, vermittelt gegebenenfalls auch psychologische Beratung. „An einem Punkt geraten alle werdenden Eltern ins Schleudern“, so die Fachfrau. Viele seien mit der Möglichkeit, „über Leben und Tod entscheiden zu können“, überfordert.

Zum Nachdenken anregen

Von dem Infotag in der Elisabeth-Selbert-Schule erhofft sie sich nun, „einen Impuls zum Nachdenken zu geben“. „Die jungen Menschen sollen wissen, wohin sie gehen können, wenn sie einmal eine solche Beratung brauchen.“ Werde eine Frau schwanger, stecke sie sehr schnell in einer „Diagnostikspirale“, die medizinischen Angebote in der Frühschwangerschaft seien oft überwältigend. „Auch darauf wollen wir junge Menschen vorbereiten“, sagt die Sozialpädagogin.

Die Karlsruher Informations- und Vernetzungsstelle Pränataldiagnostik ist beim Diakonischen Werk angesiedelt. Hier finden Schwangere Rat und Hilfe nach einer entsprechenden Diagnose. In Baden-Württemberg gibt es insgesamt vier solcher Stellen, die auf Pränataldiagnostik ausgerichtet sind, neben Karlsruhe sind diese in Mannheim, Ulm und Stuttgart.
Die Karlsruher Beratungsstelle um Sozialpädagogin Ursula Kunz ist unter (07 21) 1 67-1 83 zu erreichen.