Leerer Friedhof
EINMAL FRIEDHOF – immer Friedhof, auch wenn es in Heidenstücker Gräber erst 50 Jahre nach der einst geplanten Eröffnung des Bestattungsorts geben wird. | Foto: jodo

Korrektur einer Fehlplanung

Leerer Friedhof wird zum Bestattungswald

Anzeige

Karlsruhe bekommt seinen ersten Bestattungswald. Im Trauermonat November werden dafür die ersten Bäumchen gepflanzt.

Die Stadt rechnet jetzt damit, dass der Naturfriedhof in 30 Jahren zum stattlichen Totenwald herangewachsen ist.

Dann sollen Karlsruher südlich der Grünwinkler Heidenstückersiedlung, wo hinter einer Pappelallee der Blick über die Felder auf das Fleischwerk und die Messe trifft, ihre ewige Ruhe unter den Bäumen finden.

Am Bedarf vorbei

Im Prinzip gibt es den Friedhof Heidenstücker schon seit 16 Jahren. Doch bei der Fertigstellung der Parkanlage für 3 000 Gräber im Jahr 2002, entpuppte sich das Projekt der Stadtpolitik als totale Fehlplanung.

Die veränderte Bestattungskultur – vor allem die Verlagerung vom Sarg zur Urne und vom Erdgrab zum Kolumbarienfach – machte die Erweiterung der Friedhofsfläche für Grünwinkel und Daxlanden überflüssig.

Viele Vorschläge für eine Umnutzung des brachliegenden Friedhofsparks mit kahler Nebenwiese wurden ersonnen – und schnell wieder verworfen. Doch der Bürgerverein Grünwinkel und die engagierten Siedler ließen nicht locker.

Aus ihrer Initiative bei der Stadtkampagne „Meine Grüne Stadt“ für einen „Stadtwald“ hat sich der „Bestattungswald“, das Bürgerprojekt Naturfriedhof Heidenstücker, entwickelt.

Naturfriedhof als Lebensraum

Dabei unterstreicht die Stadtverwaltung nach der jüngsten Sitzung des Umweltausschusses: „Der Naturfriedhof soll auch Lebensraum sein.“ Ein Nebeneinander von Vitalität und Ruhe über der Asche der Verblichenen wird propagiert. Nach und nach wollen der Bürgerverein, die Grundschule Grünwinkel und die Stadt das Gelände zum Bestattungswald aufforsten.

Kinder pflanzen Bäume

Am Eingang des Bestattungsorts sollen 100 Exemplare der Esskastanie, Baum des Jahres 2018, stehen. Diese Baumzone werde mit der Zeit fließend in Wiesen und Streuobstflächen der Siedler übergehen. Daran schließt der Bestattungswald an, „so dass Leben und Tod verbunden bleiben“, sagt das Presseamt der Stadt.

Zum feierlichen Auftakt des Langzeitprojekts „Naturfriedhof“ pflanzen Grünwinkler Mädchen und Jungen am Samstag, 17. November, die ersten Esskastanien. Ahorn und Buche, Eiche und Kirsche sollen auf dem halben Hektar Wiese folgen. 2 000 Bäume sollen in 30 Jahren dort stehen, dann sind 50 Jahre nach der ersten „Fertigstellung“ des Friedhofs vergangen – und die ersten Toten finden dort ihre Ruhe.

Leben und Tod

„Sie könnten sie dann auch Früchte tragen sehen, später mit ihren eigenen Kindern dorthin gehen, den Lebenszyklus begleiten und weitergeben, sich vielleicht auch einmal dort zur ewigen Ruhe legen“, dies sieht das Konzept für diese Erfahrung von Leben und Tod aus. So soll „der Naturfriedhof Heidenstücker auch ein besonderer Ort der Identifikation mit dem eigenen Quartier werden“, betont die Stadt.

Was wurde um den für eine Million Euro Steuergeld am Bedarf vorbei gebaute Friedhof gestritten, bundesweit sorgte die von der Stadt eingestandene „klassische Fehlplanung“ für Aufsehen.

Vor allem drei Vorschläge beherrschten sieben Jahre nach der teuren Planungspleite die Konkurrenz um die Nutzung des überflüssigen Friedhofs Heidenstücker: Kleingärten, Messedorf oder Bürgerpark.

Messedorf und Streichelzoo ade

Im Bürgermeisteramt neutralisierten sich die unterschiedlichen Meinungen auf Dezernatsebene, bis die Bürger von Grünwinkel die Sache mit großer Ausdauer in die Hand nahmen. Zunächst fochten die „Siedler von KA“ für ein „Bürgerdorf“, ein Freizeitgelände mit besonderem Anspruch.

Weiter im Rennen war die Verwandlung des leeren Friedhofs in eine Kleingartenanlage. Ein Unternehmer wollte gar einen Freizeitpark, ein „Messedorf“. Diese Vergnügungsstätte mit 14 Meter hohen Gebäuden neben Erlebnisgastronomie und Streichelzoo fand bei den Wirtschaftsförderern Gefallen, nicht aber bei den Grünwinklern. Die Ideen sind längst tot, jetzt lebt wieder der Friedhofsplan.