Rechenspiele mit Lehrern: Das Kultusministerium will dem Lehrermangel an Grundschulen entgegen wirken.
Rechenspiele mit Lehrern: Das Kultusministerium versucht, dem Lehrermangel an Grundschulen entgegenzuwirken. | Foto: ©Zlatan Durakovic -stock.adobe.com

Baden-Württemberg

Lehrermangel, Lehrerschwemme – je nach Schulart und Fächern

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Grundschullehrer werden händeringend gesucht. Lehrermangel gibt es auch im beruflichen Schulwesen. Dort versucht das Land, „Direkteinsteiger“ aus der Wirtschaft mit finanziellen Anreizen zu ködern. „Das Thema Unterrichtsversorgung steht auf der Prioritätenliste der Landesregierung ganz oben“, sagt Kultusministerin Susanne Eisenmann: „Wir setzen alle Hebel in Bewegung, um die Situation an den Schulen zu verbessern und die bestehenden Engpässe bei der Lehrergewinnung auszugleichen“. Können also Leute, die sich jetzt für ein Lehramtsstudium entscheiden, sicher mit einem Job rechnen? So einfach ist die Sache nicht: Je nach Fächern und Schulart gibt es extreme Unterschiede.

Hier herrscht Lehrermangel – dort stehen Lehrer auf der Straße

Schon heute stehen viele Nachwuchspädagogen auf der Straße. Leute, die Fächer wie Deutsch, Englisch oder Geschichte fürs Lehramt an Gymnasium studiert haben. 2.000 junge Gymnasiallehrer erhielten 2017 in Baden-Württemberg kein dauerhaftes Einstellungsangebot. Bei der Einstellungsrunde 2018 dürfte ihre Zahl noch steigen. Das trifft auch Bewerber, die in Studium und Referendariat mit prima Leistungen glänzten.

Löcher stopfen an den Grundschulen

Eine hoffnungslose Situation für Gymnasiallehrer ohne Stellung? Nicht, wenn sie die Löcher an den Grundschulen stopfen. Denjenigen, die sich auf eine Zusatzqualifizierung einlassen und zeitweise ABC-Schützen unterrichten, garantiert das Kultusministerium, dass sie später eine Stelle als Gymnasiallehrer erhalten. Aktuell, so das Ministerium, hätten sich 80 Lehrkräfte für dieses Programm entschieden. Noch weitaus mehr hätten Interesse bekundet. Die Befürchtung, dass vor allem diejenigen diesen Umweg gehen, die aufgrund eher mäßiger Leistungen sonst gar keine Chance hätten, an einem Gymnasium zu landen, teilt man im Kultusministerium nicht. Gerade in Fächern mit großem Bewerberüberhang – Deutsch etwa – gebe es viele in Frage kommende Lehrkräfte mit zum Teil sehr guten Noten.

Wie es zum Lehrermangel an den Grundschulen kam

Warum es so wenig Lehrernachwuchs für die Grundschulen gibt? 2011/12 wurde die Studienzeit fürs Grundschullehramt verlängert. Das habe dazu geführt, dass im vergangenen Jahr 400 Neubewerber weniger auf den Arbeitsmarkt kamen als üblich, heißt es im CDU-geführten Kultusministerium. Die „damals Verantwortlichen“ hätten diesen einmaligen Effekt in ihren Planungen nicht entsprechend berücksichtigt. Und ebenso wenig den  absehbaren Ersatzbedarf durch eine Pensionierungswelle einkalkuliert. Letzterer werde zwar mittel- bis langfristig zurückgehen. Doch die Vorausrechnungen des Statistischen Landesamtes deuten – entgegen früherer Prognosen – auf einen weiteren Anstieg der Schülerzahlen hin.

Wieder mehr Studienplätze für Grundschullehrer

Die Landesregierung habe daher die Zahl der Studienplätze für Grundschulen nach oben korrigiert. Um akuten Engpässen entgegen zu steuern, setzt man zudem auf Maßnahmen wie freiwillige Teilzeiterhöhungen oder den Einsatz pensionierter Lehrkräfte.

Ein Lehramtsstudium – empfehlenswert?

Aber wie geht’s weiter? Kann man Abiturienten heute empfehlen, ein Lehramtsstudium zu beginnen? Das hängt nach Auskunft des Kultusministeriums stark von den gewählten Fächern und der Schulart ab. Und, so Kultusministerin Eisenmann: „Nicht jeder Junglehrer kann an seinem Wunschort unterkommen. Bewerber, die regional mobil sind, haben daher deutlich bessere Chancen eine Stelle zu finden“.

Wo die Einstellungschancen gut sind

Sehr gut seien die Einstellungschancen in der Sekundarstufe I (Haupt-, Werkreal-, Real- und Gemeinschaftsschulen), insbesondere aber im Grundschulbereich und in der Sonderpädagogik – vor allem, wenn die Bewerber bereit sind, auch in ländlichen Regionen zu unterrichten. An beruflichen Schulen seien die Aussichten für Bewerber ebenfalls gut.

Kritische Fächer im gymnasialen Bereich

Beim Studium fürs Lehramt an Gymnasien hingegen liegen die Anfängerzahlen in bestimmten Fächern schon seit einigen Jahren deutlich über dem Bedarf. Eng werden dürfte es für Leute, die Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch, Geschichte oder Politikwissenschaft studieren. Auch Sport (männlich), Geografie und Biologie sind laut Ministerium derzeit überbelegt.

Wo auch Gymnasiallehrer Chancen haben

Auf voraussichtlich gute Einstellungschancen können sich Studienanfänger dagegen in den Fächern Informatik, Physik, Musik, Bildende Kunst, Katholische Theologie /Religionspädagogik sowie Naturwissenschaft und Technik freuen.

Lehrermangel an beruflichen Schulen

Eine Herausforderung für das Land ist es, genügend Lehrkräfte für die beruflichen Schulen zu finden. „Mangelfächer“ sind etwa Elektrotechnik, Metalltechnik und Pflege. Ohne „Direkteinsteiger“ kommt man nicht aus.

Finanzielles Bonbon für Direkteinsteiger

Um für Fachleute aus der freien Wirtschaft attraktiv zu sein, lockt das Land in den Bereichen Metalltechnik und Elektrotechnik schon seit 2009 mit finanziellen Anreizen. Denn bei besonderem Personalbedarf können Zulagen gewährt werden. Ingenieure mit mehrjähriger Berufserfahrung, die in den Schuldienst wechseln, erhalten Zulagen, die im Einzelfall mehrere Hundert Euro brutto im Monat ausmachen können. Pädagogisch fit gemacht werden sie in berufsbegleitenden Schulungen.

Ein Auf und Ab mit Folgen

Lehrermangel, Lehrerschwemme: Diese Phänomene scheinen das Schulsystem in längeren oder kürzeren Abständen regelrecht zu überrollen. Mit der Folge, dass in Mangelsituationen Bewerber eingestellt werden, die zu anderen Zeiten womöglich nicht zum Zuge gekommen wären. Und in Phasen der Lehrerschwemme Leute auf der Strecke bleiben, die beste Voraussetzungen für diesen Beruf mit sich bringen.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU)
Susanne Eisenmann (CDU), Kultusministerin von Baden-Württemberg. | Foto: dpa7Bernd Weissbrod/Archiv

Wird ab 2019 alles besser?

Können solch heftige Schwankungen in der Einstellungspolitik Baden-Württembergs künftig vermieden werden? Dann nämlich, wenn das Land ein professionelles Bildungsmonitoring und eine datengestützte Schulentwicklung etabliert?  „Die qualitätsorientierte Entwicklung unseres Bildungssystems hat für uns höchsten Stellenwert. Dazu wird die Landesregierung zum Beginn des Jahr 2019 zwei neue und eng miteinander verzahnte Institutionen einrichten. Gegründet werden das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung und das Institut für Bildungsanalysen“, sagt Kultusministerin Eisenmann.

Zwei neue Institutionen

Das Institut für Bildungsanalysen soll künftig für eine verlässlich datengestützte Arbeit im Bereich Qualität und Unterrichtsversorgung sorgen. Eine ausgereifte Bildungsstatistik soll in diesem Kontext dann eine herausgehobene Rolle spielen. Das neue Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung wiederum hat die Aufgabe, zentral gesteuerte Ausbildungs-, Fortbildungs- und Unterstützungskonzepte für mehr Qualität in Unterricht und Schule zu entwickeln. Beide Institute sollen  eng verzahnt miteinander arbeiten. Man darf gespannt sein.