Lernfreunde
Vor dem Haus der Lernfreunde gedeihen Blumen in Kästen und Gummistiefeln. | Foto: pr

Schule für Flüchtlingskinder

Die Lernfreunde in Karlsruhe haben sich als Schule etabliert

Die Blümchen sprießen aus den bunten Gummistiefeln. Pflanzen wachsen ebenso munter in den Kästen vor dem Haus der Lernfreunde – das auch selbst prächtig gedeiht: Die Schule für Flüchtlingskinder auf dem Gelände der früheren Mackensen-Kaserne hat sich in rund anderthalb Jahren längst zu einer festen Einrichtung entwickelt.

Lernfreunde betreuen derzeit bis zu 25 Kinder

Tag für Tag werden per Bus 15 bis 25 Kinder und Jugendliche von der Landeserstaufnahme in der Durlacher Allee in das Lernfreundehaus gefahren. Los geht es dort mit einem gemeinsamen Frühstück.

Ein Mittagessen ist ebenfalls Teil des Programms. Zudem wird gespielt und gebastelt.

Keine Zeugnisse oder Klassenarbeiten

Sport, Musik, Technik, Deutsch und Mathe stehen an – wenngleich alles weniger im klassischen Schulstundenrhythmus. Es gibt weder Klassenarbeiten noch Zeugnisse.

„Die meisten unserer Kinder kommen aus den Balkanstaaten. Sie haben praktisch keine Chance auf Asyl in Deutschland“, erklärt Jasmin Sahin. Sie startete das Lernfreunde-Projekt im November 2016.

Verweildauer liegt bei vier bis sechs Wochen

„Jedes Kind soll gefördert werden und hat das Recht auf einen Schulbesuch, auch wenn es nur einige Zeit in einer Unterkunft für Asylbewerber in der Stadt lebt“: Das war der Grundgedanke.

Tatsächlich waren die Jungen und Mädchen anfangs oft monatelang in der Stadt. Heute bleiben die Schüler im Schnitt vier bis sechs Wochen, bis es für sie und ihre Familien zurück in ihre Herkunftsländer geht. Der kürzeste Schulbesuch umfasste drei Tage.

Die meisten Familien sind Sinti oder Roma

Die Eltern wissen, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf Dauer in Deutschland bleiben können.

„Weit über 90 Prozent sind Sinti oder Roma und leben in ihrer Heimat am Rande der Gesellschaft, unter sehr schlechten Bedingungen. Deshalb kommen sie zum Teil sogar mehrmals hierher“, berichtet Jasmin Sahin.

Einige besuchten nie zuvor eine Schule

Einige Schüler beherrschen das Alphabet. Doch es waren auch schon Elfjährige im Lernfreundehaus, die nie zuvor eine Schule besuchten.
„Aktuell müssen auf dem Balkan viele Kinder bei der Mirabellenernte mithelfen“, weiß Jasmin Sahin. Sie kennt Familien, bei denen alle zusammen Tag für Tag Müll sammeln, um zu überleben.

Ein Zelt als Wohnung

Ein Elternpaar fragte bei ihr für sich und die vier Kinder nach einem Zelt für die Rückkehr nach Mazedonien: In dieser Behausung lebt die Familie dort seit Februar.

Das Zelt wurde von einer Karlsruher Familie kostenlos zur Verfügung gestellt. Überhaupt trägt sich das Lernfreundehaus über Spenden, angefangen bei den Nebenkosten für Strom und Wasser bis hin zu Lebensmitteln oder Papiertüchern für die Toilette.

Da kommt einiges zusammen

„Da kommt einiges zusammen“, sagt Jasmin Sahin. Besonders die Buskosten für den täglichen Transfer bereiten ihr Kummer.

Im April habe der Karlsruher Verkehrsverbund (KVV) für 13 Schultage 1.755 Euro in Rechnung gestellt. In Monaten, an denen keine Ferien sind, seien schon mal 2.400, 2.600 Euro fällig.

Monatskarte für Europäische Freiwilligendienstler?

„Es wäre toll, wenn der KVV die Fahrten gegen eine Spendenbescheinigung machen könnte“, so Jasmin Sahin.

Auch eine Monatskarte für die drei Aktiven des Europäischen Freiwilligendienstes wäre ein Traum für sie. Aus Spanien und Italien kommen die jungen Helfer, die seit dem 1. Mai zum Lernfreundeteam gehören. Am 1. August beginnt zudem ein junger Mann aus Deutschland in der Schule sein Freiwilliges Soziales Jahr.

Bürokratische Hürden

Das Ziel, feste Lehrkräfte zu bekommen, wurde jedoch nicht erreicht. Die Lernfreunde haben nämlich vom Regierungspräsidium keine offizielle schulische Betriebsgenehmigung erhalten.

Jasmin Sahin musste in der Folge manche bürokratische Hürde meistern. „Nach den Sommerferien 2017 wurde uns zeitweise der Weiterbetrieb untersagt“, erinnert sich die Frau. Manches Flüchtlingskind sei bitter enttäuscht gewesen.

Betrieb läuft ganz normal

Im Dezember schließlich ging es doch weiter. Die Lernfreunde sind wieder ganz normal in Betrieb. Ergänzend gibt es ein mehr schulisch geprägtes und vom Regierungspräsidium deutlich später gestartetes Angebot für Kinder von Asylsuchenden in der Felsstraße.

Auch in dieser Kooperation lief nicht immer alles reibungslos. Zeitweise fürchteten die Helfer einen Kampf um die Gunst der Schüler. Mancher Ehrenamtliche war frustriert.

50 Ehrenamtliche aktiv

Doch das Team steht weiter: 50 Männer und Frauen engagieren sich in ihrer Freizeit für die Lernfreunde. „Das Netzwerk funktioniert“, sagt Jasmin Sahin.

Werden Sachspenden wie Schulranzen benötigt, greifen ihre Kontakte in die Schulen in Karlsruhe und der Region. Auch eine Kleiderkammer ist ordentlich bestückt und bietet etwas für Jung und Alt.

Eine Tafel für die Lernfreunde

Studierende der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft organisierten für die Lernfreunde eine alte Schultafel, die früher im Bismarck-Gymnasium im Einsatz war.

Die Uni Heidelberg beteiligte sich ebenfalls mit Projekten. Quasi seit Anfang an dabei ist zudem die Pädagogische Hochschule.

„Flüchtlingsbildung konkret“

Im aktuellen Sommersemester bietet Promotionsstipendiatin Larissa Widmann dort das Seminar „Flüchtlingsbildung konkret – die Lernfreunde“ an.

Die angehenden Lehrer können unter fachlicher Betreuung Erfahrung sammeln in der Arbeit mit Flüchtlingskindern – die ihnen später in ihrem Alltag im Klassenzimmer begegnen werden.

Unterschiedliche Kentnisstände

Die jungen Asylsuchenden profitieren von der Arbeit der künftigen Pädagogen. Die wiederum erleben, wie unterschiedlich die Biografien und Kenntnisstände der Kinder sind. Wie einige darauf setzen, sich durchzumogeln – und andere vor Wissensdurst explodieren.

Obstsalat steht auf dem Stundenplan

Gerade erst stand das gemeinsame Zubereiten eines Obstsalates auf dem Plan. „Der Apfel.“ „Die Banane.“ „Die Kiwi.“ Zutat um Zutat wurde aufgeschrieben, inklusive der jeweiligen Farbe.

Doch auch Hygiene wurde gelehrt. „Erst mal Händewaschen!“ Dann wurde geschlemmt, mit Messer, Gabel, Löffel. Auch das war für manche eine neue Erfahrung.

Später mal mit Besteck essen

„Einige sagen, wenn sie mal groß sind, wollen sie daheim auch mit Besteck essen. Oder ihren Kindern vorlesen, wie sie es hier bei uns erlebt haben“, berichtet Jasmin Sahin.

Mit den meisten Familien steht sie auch nach deren Rückkehr in die Herkunftsländer bis heute in Kontakt, einige besuchte sie dort.

Schulranzen werden wie ein Schatz gehütet

Die Schüler haben praktisch alle ihre – gespendeten – Schulrucksäcke der Lernfreunde aufgehoben, hüten sie wie einen Schatz.

„Selbst wenn es nur einige Wochen sind, prägt die Zeit bei uns viele Kinder. Hier werden sie gefördert und gefordert. Sie dürfen Kind sein. Und sie glauben dann wieder an das Gute“, ist die Lernfreunde-Initiatorin sicher.

Spenden

Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, sind die Lernfreunde auf Spenden angewiesen. Wer helfen möchte, kann Geld überweisen an UNESON gemeinnützige UG, Sparkasse Karlsruhe, IBAN DE96 6605 0101 0108 1140 59 Stichwort „Lernfreunde“.