Von Haus aus Juristin ist Martina Sauer. In einer Kanzlei wurde sie jedoch nie heimisch. Bei der Firma CardProcess kümmert sie sich unter anderem um das Thema Kartenzahlung. | Foto: jodo

Digitaler Kopf Martina Sauer

Lieber Praxis als Theorie

Martina Sauer zahlt ihren Kaffee in bar. In Deutschland nicht weiter ungewöhnlich. Für sie dennoch eine Ausnahme. „Ich zahle sehr oft mit Karte und habe meistens auch nur wenig Bargeld dabei“, sagt die 46-Jährige. Einmal auf das Thema Zahlungsmittel angesprochen, sprudelt es aus Sauer nahezu heraus. „Alternative Zahlungsmethoden machen mir Spaß. Da wird es noch sehr viel Veränderung geben“, sagt sie und erzählt begeistert vom Besuch eines Cafés in Hamburg, wo man auch mit einer Kryptowährung die Rechnung begleichen konnte.

Spezialisiert auf Finanzdienstleistungen

„Sobald größere Kreditinstitute das Thema für sich entdecken und es in die Breite tragen, wird es auch ein Thema für die Masse“, ist Sauer überzeugt. Sie sollte wissen, wovon sie spricht. Als Juristin hat sich die aus Braunschweig stammende Sauer bereits vor zig Jahren auf den Bereich Finanzdienstleistungen spezialisiert. Inzwischen arbeitet sie am Ettlinger Standort von CardProcess, ein Tochterunternehmen der Fiducia & GAD IT AG, die sich unter anderem von Karlsruhe aus um die Systeme der genossenschaftlichen Finanzgruppe der Volks- und Raiffeisenbanken kümmert. Sauer ist bei CardProcess für die Themen Risikomanagement und Forderungsmanagement zuständig. Vereinfacht gesprochen kümmert sie sich darum, wie man mit Betrugs- und Streitfällen bei Kartenzahlungen umgeht. Aber auch darum, dass die komplexen Regularien von Visa oder Mastercard umgesetzt und eingehalten werden.

Es ist ein Feld, das Sauer im Prinzip bereits beackert, seit sie ihr zweites Staatsexamen in Hannover gemacht hat. Über ihren Ex-Lebenspartner kam sie beruflich mit Karlsruhe in Kontakt. Es folgten Stationen bei der Landesbank Baden-Württemberg oder auch Arvato. „Dabei ging es immer um das Thema Finanzdienstleistungen“, erzählt Sauer. Die gesammelte Erfahrung steckte sie schließlich in ein Start-up, das vor rund zehn Jahren in der Region für Aufsehen sorgte: die Paymorrow GmbH. In Zeiten des immer beliebter werdenden Online-Einkaufs setzte Paymorrow mit dem Rechnungskauf mit Zahlungsgarantie ein Zeichen. „Ich war von Anfang an bei Paymorrow mit dabei und habe die Entwicklung des Unternehmens über lange Zeit begleitet“, sagt Sauer. Alles begann mit drei Gründern in einem kleinen Büro in Karlsruhe – und mit Eigenkapital.

Umfeld für Paymorrow änderte sich schnell

Sauer sammelte so als Gründerin – und als eine der wenigen Geschäftsführerinnen in der Tech-Branche – viel Erfahrung, auch negativer Art. Paymorrow akquirierte als Dienstleister zwar schnell 2 000 bis 3 000 Kunden aus dem Handel. Allerdings änderte sich auch das Umfeld rasant. „Paymorrow war sehr schnell mit neuen Marktteilnehmern konfrontiert, so zum Beispiel mit BillPay, das aus der Samwer-Ecke stammte“, erzählt Sauer. Weil sie und ihr Team so lange wie möglich mit Eigenkapital zurechtkommen wollten, wuchs der Druck. 2013 holte man schließlich doch einen Investor an Bord. Sauer blieb anschließend zwar noch eine Weile dabei, „weil Paymorrow schon irgendwie mein Baby war“. Doch auch sie folgte nach einigen Monaten dem Beispiel ihrer Partner und verkaufte ihre Gesellschafteranteile schließlich.

Dem Thema Finanzdienstleistungen blieb Sauer, die sich selbst als „Generalistin, die sich schnell in alles einarbeitet“ bezeichnet, aber treu. Nicht nur über ihren jetzigen Arbeitgeber. Sie ist auch Mitglied im Vorstand des Unternehmer-Netzwerks Cyberforum und berät als Patin junge Gründer – auch und gerade solche, die es in die Finanzbranche zieht. „Ich bin keine klassische Juristin, wollte deswegen auch nie in einer Kanzlei arbeiten“, sagt Sauer. Sie wollte ihr Wissen immer auch praktisch anwenden und eigene Ideen verwirklichen. Dafür nahm sie auch längere Arbeitstage oder ausgefallene Wochenenden in kauf. „Gerade beim Thema Technik gibt es eigentlich keine Off-Zeiten. Und wenn man sich für etwas begeistert, beschäftigt man sich natürlich auch in der Freizeit damit“, beschreibt Sauer ihre Einstellung. Allerdings legt sie inzwischen erheblich mehr Wert auf Freiraum als in ihren „Gründer-Zeiten“. Die Work-Life-Balance müsse stimmen. „Ich lege schon wert auf meine Freiräume und arbeite deswegen auch nicht mehr am Wochenende.“

Finanzsektor im rapiden Wandel

Das Thema Finanzen lässt die Wahl-Elsässerin – Sauer lebt schon seit über zehn Jahren jenseits der deutschen Grenze – aber nicht los. Sie ist überzeugt, dass der Finanzsektor sich im rapiden Wandel befindet. „Es ist auch spannend, wie die Banken künftig damit umgehen werden. Kryptowährungen sind beispielsweise ein sehr spezielles Thema. Und da stellt sich auch die Frage, wie sich dies weiterentwickeln wird“, sinniert Sauer. Solange die meisten Menschen ihren Kaffee jedoch weiter bar bezahlen, spielt das wohl noch keine große Rolle. Ob das auf Dauer so bleibt, bezweifelt Sauer.