Selbstherrlich und uneinsichtig bis zum bitteren Ende: Kaiser Wilhelm II. Am 9. November 1918 kam es zum Kaisersturz. Das Herrscherporträt (Ausschnitt) ist die Kopie eines Gemäldes des Historienmalers Ferdinand Keller, angefertigt von Theodor Dengler 1895. Es wird bis 20. Januar 2019 in der Ausstellung „Blickkontakt“ in der Städtischen Galerie Karlsruhe gezeigt. | Foto: abw

Vom Scheitern im Herbst 1918

Lothar Machtans „Kaisersturz“ und das seltsame Bündnis zweier Badener

Anzeige

Deutschland vor 100 Jahren. Die militärische Niederlage im Ersten Weltkrieg ist unabwendbar geworden. Aber muss es nun zum „Kaisersturz“ kommen? Der wortgewaltige Historiker Lothar Machtan hat schon mehrere Bücher über den deutschen Umbruch 1918 geschrieben. Diesmal erzählt er das Politdrama anhand einer eigentümlichen Schicksalsgemeinschaft. Kaiser Wilhelm II., dessen letzter Kanzler, Prinz Max von Baden, sowie der in Heidelberg geborene Sozialdemokrat Friedrich Ebert sind die Hauptprotagonisten der im Spätsommer 1918 einsetzenden Geschichte. Ihr Untertitel:  „Vom Scheitern im Herzen der Macht“.

Eine blättrige Fassade

Drei Männer, drei Gescheiterte? Bei Wilhelm II. fällt es leicht, das Urteil des Historikers nachzuvollziehen. Der Kaiser, der „bis zum Schluss unerschütterlich und autoritär an seiner Weltwichtigkeit festhielt, obwohl die längst zur blättrigen Fassade geworden ist“ – er verlor seinen Thron.

Im Haifischbecken der Politik

Ebenfalls sein Ziel verfehlt hat des Kaisers Vetter Prinz Max von Baden. Als als unerfahrener „Novize“ begab er sich ins „Haifischbecken der Politik“, um die Monarchie zu retten. Fünf Wochen vor dem Kaisersturz hatte der widerstrebende Wilhelm II. den designierten badischen Thronfolger zum Reichskanzler ernannt. Über diese tragische Gestalt hat Machtan bereits 2013 eine Aufsehen erregende Biografie veröffentlicht. „Wir erleben einen Endzeitkanzler, der zum Totengräber des Kaiserreichs wird, obwohl sein politisches Engagement gerade das Gegenteil bezweckte“, schreibt der Historiker in „Kaisersturz“.

Des Kaisers letzter Kanzler: Prinz Max von Baden wollte im Herbst 1918 die Monarchie retten. | Foto: BNN_Archiv

… und Friedrich Ebert?

Aber warum zählt Machtan auch den Sozialdemokraten Friedrich Ebert zum Kreise der Gescheiterten? Immerhin ist der als erstes demokratisches Staatsoberhaupt in die deutsche Geschichte eingegangen. – Eine beachtliche Karriere für einen gelernten Sattler.

Er wollte keine Republik

Der Knackpunkt: Auch Ebert, die große Führungspersönlichkeit der Mehrheitssozialdemokraten (die USPD sowie der linksradikale Spartakusbund hatten sich 1917 abgespalten) wollte vor 100 Jahren keine Republik. Dafür sei das deutsche Volk nicht reif, meinte er. Eine Republik würde die politischen Lager nur noch stärker radikalisieren. Geradezu eine Horrorvorstellung soll dem „staatsklugen Sozialistenführer“ eine Revolution wie in Russland gewesen sein. Eberts politisches Ideal war, so Machtan, der legale Übergang zu einer „demokratisch legitimierte Volksregierung mit einem monarchischen Oberhaupt“.

Sozialdemokrat und Vernunftsmonarchist: An Friedrich Ebert übergab Prinz Max am 9. November 1918 das Amt des Reichskanzlers. 1919 wurde er erster Präsident der ersten Republik auf deutschem Boden. | Foto: dpa

Geheimtreffen im Schwarzwald

Dass die „Ebert-SPD“ im Sommer 1918 als eine „entscheidende Stütze des wankenden Vaterlandes“ galt, machte bislang undenkbare Bündnisse möglich. Mit Freuden ließ sich der Arbeiterführer am 14. September 1918 auf ein Geheimtreffen mit dem Prinzen Max von Baden im Schwarzwald ein. Durch den „royalen Schöngeist“, so Machtan, habe sich für Ebert die Chance eröffnet, mit „einem verständigen, sympathischen Vertreter des Herrschaftssystems – einem badischen Landsmann zumal – gemeinsame Sache zu machen, ohne sich politisch allzu untreu zu werden“. Für den Prinzen wiederum sei das Treffen der Beginn einer guten Beziehung zur Mehrheitssozialdemokratie geworden. Sie trug maßgeblich dazu bei, Max am 3. Oktober 1918 ins Kanzleramt zu hieven.

Welche Ironie des Schicksals

Dabei empfand der Prinz das im Schwarzwald geschlossene Bündnis eigentlich als paradox. Das geht aus einem Brief hervor, den er Mitte Oktober 1918 nach Karlsruhe sandte. Zu diesem Zeitpunkt waren Forderungen nach einem Thronverzicht Wilhelms II. in politischen Kreisen bereits das Gesprächsthema Nummer eins. Er hoffe immer noch, den Kaiser zu retten, schrieb der Reichskanzler an seinen großherzoglichen Cousin – „und zwar mit Hilfe der Sozialdemokratie“. Er danke dem Himmel dafür, diese loyalen Männer auf seiner Seite zu haben, bekannte Max. Und fügte an: „Welche Ironie des Schicksals.“

Totengräber wider Willen

Wilhelm II., Max von Baden und Friedrich Ebert: So unterschiedlich ihre Motive waren, das deutsche Kaiserreich bewahren zu wollen – im Herbst 1918 wurden alle drei dessen „Totengräber wider Willen“, urteilt Machtan.

Der Kaiser selbst

Der Kaiser, der aus seiner starren Weltanschauung heraus mit unübertroffener Selbstsucht die Abdankung verweigerte, bis die Novemberrevolution das anachronistisch gewordene System des preußisch-deutschen Obrigkeitsstaates hinwegfegte.

Der Endzeitkanzler

Der von Skrupeln geplagte „Endzeitkanzler“, der am 9. November 1918 auf ein Signal aus dem Großen Hauptquartier in Spa hin die Abdankung Wilhelms II. verkündete. – Und die Flucht ergriff, nachdem ihn der abgesetzte Monarch telefonisch als Verräter beschimpft hatte. Gescheitert sei der Badener, der sich mit Eberts Rückendeckung zum volkstümlichen Ersatzkaiser hätte aufschwingen können, laut Machtan, weil es ihm an „innerer Kraft und Freiheit“ gebrach, „eigenmächtig und zum Wohle der Nation zu handeln“.

Der Sozialdemokrat

Friedrich Ebert schließlich, an den Prinz Max das Amt des Reichskanzlers übergab. – Diesem Patrioten und Vernunftsmonarchisten habe im Herbst 1918 keineswegs der Instinkt gefehlt für die politische Wut, die sich im kriegsmüden Volk gegen das Herrschaftssystem aufbaute. Was Machtan dem sozialdemokratischen Politiker aber vorwirft: Er sei aus notorischer Angst vor dem Bolschewismus und Furcht vor Eskalationen davor zurückgeschreckt, seine Volkspartei zum Sprachrohr dieser Wut zu machen.

Kaisersturz und Sturzgeburt

„Kaisersturz“ – das ist das Buch eines meinungsfreudigen Historikers, der die Unzulänglichkeiten der Entscheidungsträger im „deutschen Herbst 1918“ prägnant und gnadenlos seziert. Der ihnen eine hohe Verantwortung zuschreibt an der am 9. November 1918 eingeleiteten „Sturzgeburt einer republikanischen Volksdemokratie“ . Einer „politischen Kreatur, die vielen Deutschen wie ein untergeschobenes Kind vorkam, manchen sogar wie eine Missgeburt.“

Eine Frage des Personals

So ist es nur folgerichtig, wenn Lothar Machtan im Epilog darauf hinweist, dass der Wunsch nach politischer Führungsstärke heute lebendiger sei denn je. Wenn seine Darstellung vom „Kaisersturz“ eine verallgemeinernde Einsicht vermitteln könne, dann die: sehr genau hinzuschauen, wem politische Führung anvertraut worden ist und wird.

Kaisersturz – das Buch. | Foto: wbg Theiss

Lothar Machtan: Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht, wbg Theiss, 352 Seiten, 49 Illustrationen, 24 Euro.

ZDF-Dokudrama zum Kaisersturz

 „Kaisersturz“ – so heißt auch ein Dokudrama, das das ZDF am Mittwoch, 31. Oktober, um 20.15 Uhr zeigt. Als historischer Fachberater fungierte Lothar Machtan. Mit Dirk Kämper hat er zudem das Drehbuch geschrieben. Der Film setzt im  September 1918 ein. Damals offenbarten die Generäle Kaiser Wilhelm II. die bevorstehende militärische Niederlage im Ersten Weltkrieg. Am Ende steht die Ausrufung der Republik am 9. November 1918. Das Kaiserpaar spielen Sylvester Groth und Sunnyi Melles. Christian Redl verkörpert Friedrich Ebert und Hubertus Hartmann den Prinzen Max von Baden.

Und hier geht es zu unserem Bericht über Lothar Machtans Buch: Der Endzeitkanzler. Prinz Max von Baden und der Untergang des Kaiserreichs.