UNTERSTÜTZUNG finden Sexarbeiterinnen bei der Beratungsstelle für Prostituierte „Luis.e“ des Diakonischen Werks. Diese zog im Februar 2018 aus der Südstadt in die Kaiserstraße 172 um. Foto: jodo
Unterstützung finden Sexarbeiterinnen bei der Beratungsstelle für Prostituierte „Luis.e“ des Diakonischen Werks. Diese zog im Februar 2018 aus der Südstadt in die Kaiserstraße 172 um. Foto: jodo

Recht auf Respekt

„Luis.e“ ist eine wichtige Anlaufstelle für Sexarbeiterinnen in Karlsruhe

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Die Frauen zu stärken, zu akzeptieren, wer sie sind und was sie tun, ihnen mit Wertschätzung und Respekt begegnen und ihnen eine bedarfsgerechte Unterstützung zu bieten – nach diesen Grundsätzen arbeitet die Beratungsstelle für Prostituierte „Luis.e“ des Diakonischen Werks in Karlsruhe.

„Alles andere wäre kontraproduktiv“, sagt Sozialarbeiterin Katja Butterbrodt. Denn ohne Vertrauen sei eine Beziehungsarbeit nicht möglich. Seit die Beratungsstelle 2014 eingerichtet wurde, wächst die Zahl der Ratsuchenden kontinuierlich. Im vergangenen Jahr betreuten Butterbrodt und ihre Kollegin 107 Frauen. Seit das Prostituiertenschutzgesetz 2017 verabschiedet wurde, beschäftigt dessen Umsetzung auch verstärkt die Mitarbeiterinnen von „Luis.e“.

Oft Migrationshintergrund

„Es kommen jetzt vor allem Fragen zu Steuer und Krankenversicherung“, berichtet Butterbrodt. Mehr als 70 Prozent der Klienten haben Migrationshintergrund, sie stammen aus Südosteuropa, aus Südamerika und Thailand. Viele hätten keine Krankenversicherung, sprechen kaum oder schlecht deutsch und kennen ihre Rechte und Pflichten nicht.

Ansprechbar sind Butterbrodt und ihre Kollegin, eine Sozialarbeiterin aus Rumänien („ihre Sprachkenntnisse erleichtern manches“) in der Beratungsstelle, beide suchen aber auch regelmäßig die Prostituierten in den Etablissements und auf der Straße auf.

Angst vor dem Zwangs-Outing

Schon bevor das Gesetz in Kraft trat, erreichten die Sozialberaterinnen vermehrt Anfragen zu beruflicher Umorientierung und Ausstieg. „Es waren primär Frauen aus Deutschland, die unter diesen Bedingungen nicht weiter arbeiten wollten“, schildert Butterbrodt. Das Gesetz schreibt allen Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern eine amtliche Anmeldung vor.

Mit Namen, Meldeadresse, Staatsangehörigkeit und Arbeitserlaubnis sowie mit Fotos müssen umfangreiche persönliche Daten abgegeben werden. „Frauen haben Angst vor einem Zwangs-Outing. Sie sind unsicher, wo ihre Daten gespeichert werden und wer darauf Zugriff hat“, so die Sozialarbeiterin. Wer aussteigt, braucht in den meisten Fällen eine Wohnung. Doch die Konkurrenz um Wohnraum ist groß. „Luis.e“ plant deshalb das Projekt „Ausstiegswohnung“. Dort könnten die Frauen zeitlich begrenzt unterkommen.

527 Anmeldungsbescheide ausgestellt

In Karlsruhe müssen sich Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter seit dem 1. November 2017 anmelden. „Wir haben bis heute 527 Anmeldebescheide ausgestellt“, sagt Björn Weiße, Leiter des Ordnungs- und Bürgeramtes. Seine Behörde ist für die Registrierung zuständig. Die Verantwortlichen von der Stadt und der AG Rotlicht beim Polizeipräsidium schätzen, dass zwischen 250 und 300 Frauen pro Tag der Prostitution in Karlsruhe nachgehen. „Exakte Zahlen zu erfassen ist schwierig, weil es ein sehr mobiles Gewerbe ist“, so Weiße.
Frauen, die im Landkreis arbeiten, müssen sich im Landratsamt in Karlsruhe anmelden. Sechs Monate lang bekam die Beratungsstelle „Luis.e“ Geld vom Land, um auch diesen Frauen eine Fachberatung zu ermöglichen. Die Förderung lief Ende des Jahres 2018 jedoch aus. „Obwohl der Bedarf da ist, dürfen wir diese Frauen nicht mehr beraten“, schildert Butterbrodt das Problem. Auch daran sehe man, dass es bei der Umsetzung des Gesetzes noch hapert. Positiv werde von den betroffenen Frauen die Kondompflicht und die Gesundheitsberatung bewertet, die das Gesetz vorschreibt.

Ausweis kann zu Problemen führen

Bei der Anmeldung erhalten die Prostituierten einen Ausweis, den sie immer bei sich führen müssen. Das ist für Frauen aus Rumänien oder Bulgarien ein Problem, denn: Dort ist Prostitution illegal, die Frauen haben deshalb Angst, etwa bei einer Kontrolle an der Grenze aufzufliegen. „Für diese Frauen ist das Leben dann vorbei“, sagt Anita Beneta, die seit Ende 2017 den Bereich Soziale Arbeit beim Diakonischen Werk leitet, zu dem auch die Beratungsstelle gehört.
Bei der Prostitution gibt es häufig ein Schwarzweißdenken, „das ist falsch, denn es gibt dort ganz viele Grautöne“, sagt Beneta. Sie hält nichts von Pauschalisierung. So wie es für sie nicht die Sexarbeit gibt, so gibt es auch nicht die Prostituierte. Unter den Migrantinnen etwa sind Frauen, die mit einem Job in der Gastronomie oder im Hotel nach Deutschland gelockt wurden, dann aber als Prostituierte arbeiten mussten.

Eine Motivation: schnelles Geld

„Es gibt aber auch die Frauen, die genau wissen, was sie hier machen, sie wollen schnell Geld verdienen, um ihre Familien zu ernähren“, sagt Beneta. Viele der Frauen hätten Kinder in ihren Herkunftsländern. Es sind Frauen aus bildungsfernen Familien, es sind aber auch Frauen mit abgeschlossenem Studium, die in ihrer Heimat keine Arbeit finden oder die Miete nicht zahlen können.
„Das große Problem ist die Armut und das große Gefälle innerhalb der EU-Länder. Dabei darf man nicht die Armut in Deutschland mit der Armut in Rumänien oder Bulgarien vergleichen“, erklärt Beneta. Wenn die Frauen eine realistische Perspektive in ihren Ländern hätten, würden viele nicht den Weg der Prostitution gehen und in ein Verhältnis rutschen, das ihnen weh tut, ist sich Beneta sicher.