Kunst im Hof der Majolika
Eine runde Sache kann der Großauftrag zur Fertigung der Lüpertz-Reliefs für die Majolika werden. Die gefährdete Traditionsinstitution, erhofft sich dadurch einen starken Imagegewinn im sonstigen Wettkampf für Kacheln bei „Kunst am Bau“. | Foto: jodo

Rettung durch die Stadt?

Majolika ist vital an Lüpertz-Auftrag interessiert

Für die Majolika ist das Lüpertz-U-Strab-Kunstprojekt wichtig. Klaus Lindemann, Vorstand der Majolika-Stiftung, spricht von einer „wunderbaren Sache“ und einem „vitalen Interesse“, einen solchen Auftrag für Kunst am Bau zu bekommen. „Markus Lüpertz ist ein international renommierter Künstler, und die Majolika kann sich mit seiner Keramik im öffentlichen Raum zeigen“, betont er. Schließlich geht es um insgesamt 120 Quadratmeter Keramikfläche an den U-Strab-Bahnsteigen.„Wir hoffen, dass es möglichst rasch klappt.“

Allerdings müsse die Majolika abwarten, bis die Finanzierung durch den Lüpertz-Promoter Anton Goll, der einst abrupt als Majolika-Geschäftsführer ausschied, steht. „Das ist ein privates Projekt“, mit der Einwerbung des Geldes habe die Majolika nichts zu tun.

Als Auftragnehmer nicht im Boot

Folglich habe die Majolika bislang nur gerne ihre grundsätzliche Bereitschaft auf Anfrage Golls versichert. „Wir sind als Auftragnehmer nicht im Boot der Projektbetreiber“, erläutert Lindemann. Von einem durch Goll noch nicht gegründeten Lüpertz-Kunst-Verein werde der Zuschlag erwartet. Immerhin hat Lüpertz jüngst mit Lindemann schon mal den Raum mit der großen Staffelei im Hardtwald inspiziert. Laut Lindemann sei der Kunstschöpfer damit zufrieden. Lüpertz hat schon einige kleinere Projekte mit der Majolika verwirklicht. In der Manufaktur gibt es deshalb ein nach ihm benanntes „Lüpertz Atelier“.

 

Staffelei für Lüpertz
Für den Meister Lüpertz hält Majolika-Stiftungschef Klaus Lindemann bereits die große Staffelei zum Arbeiten frei. | Foto: jodo

Von der von Goll in der Öffentlichkeit genannten eine Million Euro erwartet die Majolika laut Lindemann einen sechsstelligen Betrag,  deutlich über 100 000 Euro. Die Stadtverwaltung hatte jüngst von einer nur fünfstelligen Summe gesprochen. „Wir müssen dazu beide großen Öfen in Betrieb nehmen. Das sind enorme Brennzeiten bei 1 240 Grad. Dazu die Materialien, die Farben der Ton, die Glasuren – und unser Personal“, zählt Lindemann auf. Der große Rest der Million geht an den Schöpfer Lüpertz beziehungsweise eine laut Goll „kleine Provision“ an ihn selbst,  den Projektmotor und Geldbeschaffer.

Das bringt Renommee

„Das ist ein großes Projekt, das bringt wichtiges Renommee.“  Die angeschlagene Majolika benötige große, interessante Aufträge für Kunst am Bau. „Mit Espressotassen und Weinkühlern können wir den Betrieb nicht retten“, erklärt Lindemann das Programm der Stiftung. Binnen zwei Jahren habe man  mit 16 großen Aufträgen für Bauwerke Erfolge erzielt, meint Lindemann.

Stadt als Retter gefragt

„Auch die Lüpertz-Genesis allein kann die Majolika nicht retten, aber es kann als Signal in die richtige Richtung sehr hilfreich sein“, sagt Lindemann. Entscheidend für die Zukunft der 116 Jahre alten Kunstinstitution sei das Handeln der Stadtpolitik. Die Majolika werde gerettet, wenn die Stadt sich dazu bekenne, „wir wollen die Majolika als kulturelle Institution bewahren und nicht als Herstellungsbetrieb von Tonwaren einstufen“.

 

 

 

Bericht zu Protesten in der Kulturwelt

gegen das Lüpertz-Kunstprojekt in der U-Strab ohne Wettbewerb

 

 

Gehört die Ausnahme zur Regel?

Mit dem Gemeinderatsbeschluss ist der Streit über das Lüpertz-Goll-Majolika-Kunstprojekt für 14 U-Strab-Bahnsteige nicht beendet. Nicht belegbare Thesen von Promoter Anton Goll zu einer weltweiten Strahlkraft der Fächerstadt durch die unterirdischen Schöpfungsgeschichte und zu einer vermeintlichen Welle der Unterstützung sorgen für Gesprächsstoff bei den Bürgern.

Vor allem aber rumort es in der Kunstszene: Der Protest gegen die Abweichung der Stadtpolitik von deren eigener Vergabeleitlinie wächst. Bislang haben ZKM-Direktor Peter Weibel sowie der Maler Joachim Czichon als einzige dieses Vorgehen öffentlich scharf kritisiert.

Gegen Extrakurs für Lüpertz

Den BNN ist aber inzwischen durch sichere Quellen bekannt, dass nahezu die komplette Karlsruher Kulturwelt, darunter die wichtigsten Institutionen der Kunstausstellung, den Lüpertz-Extrakurs der Stadtpolitik kategorisch ablehnen. Aus Scheu vor Konsequenzen hält man sich zurück. Dabei gibt es Bestrebungen, dass der Kulturkreis in der Fächerstadt doch noch mit einer Resolution die Öffentlichkeit sucht.

Es geht um die Frage: Muss Kunst am öffentlichen Bauwerk oder auf öffentlichem Platz – auch wenn ein internationaler Großmeister wie Markus Lüpertz dazu seine Schöpfungskraft anbietet – zwingend für einen freien Wettbewerb der Künstler ausgeschrieben werden?

Dazu sagen heute alle Beteiligten im Prinzip eindeutig Ja. Der Gemeinderat steht also generell zu seiner Selbstverpflichtung. Wenn er nun aber mehrheitlich wie im Fall „Lüpertz-Goll“ eine Ausnahme von der Regel macht, ist die Aufregung aus mehreren Gründen groß. Zum einen haben die vier künstlerischen Beiräte der städtischen Kunstkommission intern unmissverständlich erklärt, dass sie gar nichts von einer Ausnahme für den Superstar, also einer „Lex-Lüpertz“, halten.

„Regeln nicht eingehalten“

Zum anderen hat Oberbürgermeister Frank Mentrup vor dem Beschluss dem Gemeinderat gesagt: „Sie haben sich selbst Regeln zum Thema Kunst im öffentlichen Raum gegeben. Die werden aus vielerlei Perspektive hier im Raum diesmal nicht eingehalten. Umso wichtiger ist es, dass Sie dann auch darüber entscheiden, ob Sie in diesem einzelnen Fall davon abweichen oder nicht.“

1983 hat der Gemeinderat die „Richtlinien der Stadt Karlsruhe für die Beteiligung Bildender Künstler an Bauvorhaben und an der Gestaltung des öffentlichen Raums“ beschlossen. Darin bekennt sich die Stadt „zur herausragenden Bedeutung des öffentlichen Raumes für das Stadtbild und für die Menschen in der Stadt“. Die künstlerischen Beiträge bei öffentlichen Baumaßnahmen und im öffentlichen Raum sollten deshalb „in ihrer Qualität dieser Bedeutung Rechnung tragen“.

Wettbewerb auch bei Geschenk

Diesem Prinzip will man in der Praxis gerecht werden, indem man Wettbewerbe vorschreibt. Wörtlich heißt es in den Richtlinien: „Dieser Anspruch erfordert bei allen von der Stadt und ihren Gesellschaften veranlassten künstlerischen Gestaltungen im Zusammenhang mit Bauvorhaben und im öffentlichen Raum die Durchführungen von Kunstwettbewerben und eine Auswahlentscheidung unter Einbeziehung anerkannter kunstsachveständiger Personen.“ Und es gibt dabei den Zusatz: „Die gleichen Qualitätsmaßstäbe sind zu erfüllen bei künstlerischen Gestaltungen im öffentlichen Raum, die als Schenkung, Leihgabe oder aufgrund bürgerschaftlichen Engagements an die Stadt herangetragen werden.“
Warum wird diese Regel nun bei „Goll-Lüpertz“ nicht angewandt? In der Kulturszene versteht man die Karlsruher Politik unter Oberbürgermeister Frank Mentrup nicht mehr. Wird hier al gusto entschieden, mal so, mal so? Wird etwa die Ausnahme zur Regel, gilt das Prinzip in der Praxis nicht mehr? Diese Fragen werden entrüstet hinter vorgehaltener Hand formuliert.

Demokratiedefekt?

Nur Weibel hat sich als Speerspitze des Protests noch vor dem Gemeinderatsbeschluss mit scharfer Kritik in die Öffentlichkeit getraut. Er macht wegen wiederholten Verzichts auf Wettbewerbe „Defekte der Demokratie“ aus. Vor dem Kunstfall Lüpertz-Goll lehnten die Großinvestoren Tschira-Stiftung (Gründer ist ein SAP-Milliardär) bei der KIT-Erweiterung und Ralf Dommermuth, 1&1 Chef und als Milliardär einer der reichsten Männer der Republik, bei Hauptbahnhof Süd erfolgreich einen Wettbewerb ab. „Werden also mit der Gestaltung der U-Bahn-Stationen demokratische Rechte zugunsten der Wohlhabenden preisgegeben?“, fragt Weibel.

Verfahren inakzeptabel

Dabei haben die vier künstlerischen Beiräte hinter den verschlossenen Türen der Kunstkommission kein Blatt vor den Mund genommen. „Wir sehen den Vorschlag sehr kritisch – das Verfahren ist grundsätzlich nicht akzeptabel“, stellen Anja Casser, Direktorin des Badischen Kunstvereins, die beiden Künstlerinnen Susanne Ackermann und Brigitte Nowatzke-Kraft sowie der Architekt Jürgen Schröder fest. Ihre Meinung hat das Stadtparlament nicht berücksichtigt. Zumal die zehnköpfige Kunstkommission entgegen aller Gepflogenheiten keine Empfehlung an den Gemeinderat gab. In dem Gremium neutralsierten sich wahrscheinlich  die Gegner, darunter die vier künstlerischen Beiräte,  und die Befürworter, vermutlich vier von fünf Stadtpolitikern. „Eine Auftragsvergabe in dieser Größenordnung ohne Ausschreibung und Fachjury, das heißt ohne Wettbewerb und Transparenz, halten wir für fragwürdig“, urteilen die Kunstbeiräte. Zudem sei die Finanzierung durch die von Goll zu findenden Sponsoren nicht geklärt.   Rupert Hustede