Diskussion über Frauenrechte: Helena Leucht (links) und Rita Fromm treffen im BNN-Gespräch zum ersten Mal aufeinander. Zum Abschied sagt die Ältere zur Jüngeren: „So lange es solche Frauen gibt wie Sie, ist eigentlich alles gut.“
Diskussion über Frauenrechte: Helena Leucht (links) und Rita Fromm treffen im BNN-Gespräch zum ersten Mal aufeinander. Zum Abschied sagt die Ältere zur Jüngeren: „So lange es solche Frauen gibt wie Sie, ist eigentlich alles gut.“ | Foto: Sandbiller

Interview zum Weltfrauentag

„Mama, kann ein Mann auch Bundeskanzlerin werden?“

Sie trennen fast 50 Jahre: Alt-Stadträtin Rita Fromm und Studentin Helena Leucht. Zum Weltfrauentag am 8. März sprachen sie mit BNN-Redakteurin Tina Mayer über Dinge, die sie trotzdem gleichermaßen bewegen: Wie ist es als Frau in einer männerdominierten Gesellschaft? Und, am wichtigsten: Wie kann sich etwas ändern?

Den Weltfrauentag gibt es seit über 100 Jahren. Brauchen wir den überhaupt noch?

Fromm: Ja. Ich finde diesen Tag deshalb wichtig, weil er eine lange Tradition hat. Dieser Weltfrauentag erinnert daran, dass bis heute vieles nicht erreicht ist, was man sich vor über 100 Jahren zum Thema gemacht hat. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit zum Beispiel.

Leucht: Ich finde zum einen wichtig, dass man der Frauen, die schon viel erkämpft haben, gedenkt. Auf der anderen Seite muss man auch sehen, was uns noch fehlt. Ich glaube, es ist gut, so einen Tag zu haben, an dem man reflektiert: Was hat man erreicht? Und was muss noch erreicht werden?

Sie studieren noch. Sind Frauenrechte in Ihrem Umfeld überhaupt ein Thema?

Leucht: Ja, in meinem Freundeskreis auf jeden Fall. Generell habe ich aber das Gefühl, dass der Weltfrauentag im Ausland nochmal anders gehandhabt wird als hier. Ich kenne es zum Beispiel aus Ungarn, da werden an alle Frauen auf der Straße Rosen verteilt. In Deutschland ist das mehr ein politisches Thema, aber nicht so sehr ein Thema des Alltags.

Wo liegen denn Ihrer Meinung nach die Schwachpunkte in der Gesellschaft?

Fromm: Ich bin FDP-Mitglied und habe immer dagegen gewettert, dass es in den Führungsetagen der Wirtschaft so gut wie keine Gleichstellung gibt. In den Vorstandsetagen der DAX-Unternehmen ist der Frauenanteil so minimal, dass es mindestens noch 100 Jahre dauert, bis wir da eine Gleichstellung haben. Jetzt kann man sagen: Es gibt keine Frauen. Aber wieviele mittelmäßige Männer haben denn die Bankenkrise verursacht? Da war keine Frau beteiligt.

Sie sind also Befürworterin einer Frauenquote?

Fromm: Ja. Die Freiwilligkeit führt zu nichts. Da werden Frauen immer noch weiter schön besänftigt.

Leucht: Ich bin auch pro Frauenquote. Ich habe einmal in einer Vorlesung eine nette Anekdote von meiner Professorin gehört. Ihr siebenjähriger Sohn fragte sie: Mama, können Männer eigentlich auch Bundeskanzlerin werden? Er kannte einfach nur Angela Merkel. Repräsentation ist so wichtig. Und wenn ich in Führungsebenen schaue und da Frauen entdecke, zeigt es, dass es möglich ist. Die Frauenquote hat aber natürlich auch den Nachteil, dass einem unterstellt wird, dass man nur durch die Frauenquote irgendwo reingekommen ist.

Haben Sie in Ihrem Alltag schon hin und wieder gedacht: Ich habe da jetzt Nachteile durch mein Geschlecht?

Leucht: Ja. Nicht im Berufsleben, ich bin ja noch Studentin. Aber in meinem Alltag bin ich durchaus in meiner Freiheit eingeschränkt. Trage ich beispielsweise etwas Freizügiges, muss ich auch mit negativen Konsequenzen rechnen. Und ich habe auch das Gefühl, dass man als Frau nicht so ernst genommen wird.

Sie auch, Frau Fromm?

Fromm: Ich habe durchaus Nachteile erfahren. Im Bundestag von 1980 bis ’83 war ich in einigen Ausschüssen die einzige Frau. Da hieß es immer „Meine Herren“. Und dann „Ach, Frau Fromm…“ Auch auf Bundestagsreisen war ich damals oft die einzige Frau, neben den Sekretärinnen. Die Männer haben sich abends an die Bar gesetzt, wenn ich dazu kam, verstummten die Gespräche. Ich musste immer selbstbewusst sein. Wenn man in einem öffentlichen Amt herumläuft wie ein geprügeltes Kätzchen, wird man nicht ernst genommen.

Leucht: Lieb und brav zu sein, wird Mädchen auch anerzogen. Bei einem Jungen heißt es: Ach, das ist ein Rabauke. Privilegien kann man auch daran messen, wie laut man in der Öffentlichkeit sein darf. Wenn ein Mann laut wird, ist das männlich oder stark. Eine Frau ist dann herrisch oder dominant.

Wenn Sie sich benachteiligt fühlen, gehen Sie dagegen an oder schlucken Sie das herunter?

Leucht: Ich gehe dagegen an. Aber man muss seine Streits auch weise wählen. Manchmal bringen Diskussionen einfach nichts.

Was unterscheidet Sie beide voneinander?

Fromm: Ich habe häufig über Parteigrenzen für mehr Frauenrechte gekämpft. Es waren oft kleine Dinge. Beispielsweise kam eine Einladung zu einem Neujahrsempfang und da stand im Anmeldebogen: „Ich komme mit meiner Ehefrau“. Ich rief dort an und schlug vor, es umzuändern in: „Komme alleine oder in Begleitung“. Im nächsten Jahr wurde es tatsächlich geändert. Solche Probleme hat Frau Leucht nicht mehr…

Leucht: Was uns auch unterscheidet, ist die finanzielle Autonomie. Mir wurde von Anfang an klargemacht, ich kann als Frau alleine stehen. Ich kann mich scheiden lassen, wenn es notwendig ist. Viele Frauen steckten früher in Beziehungen, die nicht gesund waren und konnten da nicht raus.

Was müsste sich gesamtgesellschaftlich ändern?

Leucht: Wenn nur Frauen für Frauen eintreten, wird das nichts. Männer müssen sich anschließen. Das Denken in Kategorien muss abgeschafft werden. Was macht eine Frau aus, was einen Mann? Von diesen Stereotypen muss man loskommen – schon in der Erziehung.

Rita Fromm: Die gebürtige Berlinerin ist seit den 70er-Jahren FDP-Mitglied. 1976 zog sie mit ihrem Mann nach Karlsruhe. Anfang der 80er saß sie für die Liberalen im Bundestag, von 1989 bis 2014 im Karlsruher Gemeinderat. Jetzt 73, ist Fromm noch Dozentin in der Erwachsenenbildung. Gelernt hat sie anderes: Ihre Ausbildung zur Industriekauffrau in der Fachgruppe Bau war für Frauen damals nicht üblich, sie durfte sich dann „Baukaufmann“ nennen. Rita Fromm kann darüber herzlich lachen – damals wie heute.

Helena Leucht: Leucht, Jahrgang 1993, studiert an der Universität Passau Kulturwirtschaft. Derzeit schreibt sie ihre Bachelorarbeit in Karlsruhe. Aufgewachsen ist die 24-Jährige in Straubenhardt. Politisch engagiert sie sich bislang noch nicht, möchte es aber demnächst gerne tun. Nach dem Bachelor steht für Helena Leucht außerdem der Master auf dem Programm. In ihrer Schulzeit verbrachte die 24-Jährige ein Jahr in Ungarn – eine Zeit, die ihr politisches Bewusstsein geschärft habe. Ihr ist es wichtig, ihre Meinung zu äußern: „Sonst geht es mir nicht gut.“