Kennt die Höhen und Tiefen des Karlsruher SC: Der damalige KSC-Trainer Markus Kauczinski steht am 1. Juni 2015 vor dem Relegationsspiel gegen den Hamburger SV im Wildparkstadion.
Kennt die Höhen und Tiefen des Karlsruher SC: Der damalige KSC-Trainer Markus Kauczinski steht am 1. Juni 2015 vor dem Relegationsspiel gegen den Hamburger SV im Wildparkstadion. | Foto: Murat/dpa (Archivbild)

Interview mit Ex-Trainer

Markus Kauczinski: „KSC kann selbstbewusst und mit einer gewissen Lockerheit in die Spiele reingehen“

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Markus Kauczinski, Trainer des FC St. Pauli, hatte lange selbst das Schlimmste nicht ausschließen können: Relegations-Duelle mit dem KSC, seinem Ex-Club, bei dem er sich einen Namen machte. Mit ihm wäre in der Relegation 2015 fast in die Bundesliga aufgestiegen. Doch die Entscheidungsspiele gegen den Hamburger SV endeten zu Ungunsten des KSC, mit dem Kauczinski drei Jahre zuvor schon in der Relegation zur Zweiten Liga am damaligen Drittliga-Vertreter Jahn Regensburg gescheitert war.

Herr Kauczinski, Sie kennen diese Hopp-oder-topp-Spiele nach einer langen Saison. Wie also ist das?

Kauczinski: Erst mal sind das ja ganz unterschiedliche Ausgangssituationen: Wenn du Drittliga-Dritter bist, hast du mehr richtig als falsch gemacht, bist froh, diese Spiele zu machen. Die Zweitligisten, die darum gekämpft haben, die kommen schon aus einem Kampf. Wir beim FC St. Pauli zum Beispiel sind total fertig und waren heilfroh, als es rum war. Wenn man sich die anderen anschaut: Da ist Stress, da ist Strom.

Der Nachteil des Zweitligisten?

Kauczinski: Auch für Aue wird wichtig sein, die Relegation als Chance zu sehen. Die Gefahr besteht sonst, dass dein Leiden verlängert wird. Der KSC kann selbstbewusst und mit einer gewissen Lockerheit in die Spiele reingehen.

Berührt Sie das KSC-Schicksal?

Kauczinski: Natürlich. Aber ich habe meinen ganzen Fokus auf die Aufgabe in St. Pauli gerichtet. Die letzten Wochen waren total intensiv. Jetzt, da das Ziel erreicht ist, schaue ich schon mal wieder hin zum KSC.

Waren Sie deshalb kürzlich Kiebitz beim Training im Wildpark?

Kauczinski: Ja, ich war nach Wochen wieder mal zuhause, da habe ich die Gelegenheit genutzt.

Wo und wie werden Sie die Entscheidungsspiele verfolgen?

Kauczinski: Weiß noch nicht, da wir mit der Mannschaft jetzt zu einer neuntägigen Promo-Tour in die USA abfliegen.

Wie das? Sie liefen ja selbst bis vor zwei Wochen Gefahr, in die Relegation gegen den KSC zu müssen?

Kauczinski: Dann hätten wir den Trip abgesagt. Wir kommen in Baltimore, Detroit und Portland Sponsorenverpflichtungen nach und bestreiten zwei Spiele. Der FC St. Pauli hat tatsächlich auch Fan-Clubs in den USA, die werden wir in Detroit treffen. Ich werde versuchen, die Spiele auch von dort aus per Stream zu schauen.

Wenn Sie an Ihre Relegationserfahrungen zurückdenken: 2012 das bittere Los als Zweitligist gegen Regensburg, 2015 dann das Drama gegen den HSV. Waren das Ihre schlimmsten Trainererfahrungen?

Kauczinski: Das Erlebnis gegen den HSV war nicht schlimm. Das sehe ich ganz anders. Um den Aufstieg zu spielen, ist großartig. Es war ein Spiel, das in Erinnerung bleiben wird und zu dem man noch heute gefragt wird.

Der KSC am Boden: Jonas Meffert (links) und Martin Stoll 2015 nach der verlorenen Relegation gegen den Hamburger SV.
Der KSC am Boden: Jonas Meffert (links) und Martin Stoll 2015 nach der verlorenen Relegation gegen den Hamburger SV. | Foto: Murat/dpa (Archivbild)

Spieler der damaligen Mannschaft erleben gerade Erfreuliches: Rouwen Hennings stieg mit Düsseldorf in die Bundesliga auf, Enrico Valentini mit Nürnberg und Dominic Peitz steht mit Kiel in der Relegation. Hielten einige Kontakte?

Kauczinski: Mit den genannten Jungs wie auch zu Daniel Gordon, Manuel Gulde oder Jonas Meffert besteht guter Kontakt. Das waren Typen, die Qualität hatten und viel gegeben haben. Die eingebracht haben, was nötig ist, damit so etwas entstehen kann. Das verbindet.

Die gemeinsamen Erfahrungen?

Kauczinski: Ja. Und die Zeit. Das waren ja teilweise drei Jahre, wenn ich an Peitzer denke. Das ist schon eine Zeit, während der man merkt, dass man sich auf einander verlassen und dass man durch Dick und Dünn gehen kann.

Was haben Sie seit Ihrem Weggang vom KSC im Frühjahr 2016 über die Branche Neues erfahren?

Kauczinski: Wie soll ich das auf den Punkt bringen? Damit fordern Sie mich. Was ich für mich als Fazit ziehe, ist, dass meine Zeit beim KSC mit den damaligen Spielern wirklich etwas Besonderes war. So lange an einer Stelle zu arbeiten, Vertrauen zu spüren, auch das Meistern von Krisen – das Zusammenstehen in der Not, das ist etwas Besonderes.

Wie ist der Kick auf dem Kiez?

Kauczinski: Beim FC St. Pauli ist sehr viel Bewusstsein für soziale und politische Dinge da. Man sieht den anderen Menschen. Sehr familiär und Fan-orientiert geht es zu. Und: Man spielt gewissermaßen für sein Viertel.

Ist der gebürtige Westfale inzwischen also schon mehr St. Paulianer als Badener?

Kauczinski: Von allem ein bisschen. Ich kann mich sehr gut mit St. Pauli identifizieren. Mit den Leuten, ihren Ideen und Idealen. Wir sind jetzt auf dem Weg, denn da ist Potenzial für viel mehr. Und ich freue mich darauf, mehr daraus zu machen. Trotzdem fühle ich mich auch als Badener. Wenn ich in Karlsruhe von der Autobahn abfahre, ist das schon ein bisschen auch wie Nachhausekommen.