© Jodo-Foto / Joerg Donecker// 21.03.2018 Lesung Andree Fischer-Marum / Enkelin v. Ludwig Marum, -Copyright - Jodo-Foto / Joerg Donecker Sonnenbergstr.4 
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"Er war ein leidenschaftlicher Mensch", sagt Andrée Fischer-Marum über ihren Großvater Ludwig Marum. | Foto: Jörg Donecker

Lesung im Agneshaus

Marum-Enkelin besorgt über Erstarken der Rechtspopulisten

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Das Religiöse ist Andrée Fischer-Marum fremd. „Aber wäre ich nicht jüdisch, dann wäre mein Leben völlig anders verlaufen.“ Aus ihrem Leben und – anhand seiner Briefe aus dem Gefängnis – dem ihres Großvaters, des Karlsruher Rechtsanwalts und SPD-Politikers Ludwig Marum, erzählt angehenden Erziehern an der Katholischen Fachschule für Pädagogik im Agneshaus.

„Mein Großvater war ein leidenschaftlicher Mensch“, erzählt Fischer-Marum. Leidenschaft habe ihn als Rechtsanwalt, als Politiker, als Ehemann und als Vater ausgemacht. Kurz umreißt die Enkelin das Leben des Rechtsanwalts und Sozialdemokraten, der sich unter anderem an der Novemberrevolution 1918 beteiligte. Von 1919 bis 1928 war er Mitglied im Badischen Landtag, danach bis 1933 Reichstagsabgeordneter.

Nazis verhaften und ermorden Ludwig Marum

Am 10. März 1933 wurde er – trotz Immunität als Mitglied des Reichstages – von den Nationalsozialisten verhaftet und ins Gefängnis in der Riefstahlstraße gebracht. „Vorher hatte er als badischer Justizminister die Aufsicht über die Gefängnisse gehabt, jetzt saß er selbst darin. Das muss schrecklich für ihn gewesen sein“, sagt die Enkelin. Dann liest sie aus den Briefen vor, die Ludwig Marum und seine Frau Johanna sich schrieben – erst in Karlsruhe, dann aus dem Konzentrationslager in Kislau, wohin er mit der so genannten Schaufahrt gebracht wurde und wo die Nazis ihn 1934 nachts in seiner Einzelzelle ermordeten.

Gebannt und ergriffen lauschen die Schüler den Erzählungen von Andrée Fischer-Marum. Es geht in den Briefen vor allem darum, wie ihre Großeltern sich gegenseitig immer wieder Mut machten. „Die Stunde der Freiheit wird schon kommen“, schreibt Ludwig Marum zu Anfang noch hoffnungsvoll. Rührende Liebesbekundungen werden ausgetauscht, und während die Familie von außen versucht, den Vater dreier Kinder freizubekommen – etwa, indem er sich verpflichten soll, Deutschland zu verlassen – , ist Ludwig Marum gegen jeglichen Kompromiss mit den Nazis: „Ich habe nichts Unrechtes getan. Ich lehne es ab, freiwillig meine Heimat zu verlassen.“

Flucht und Migration sind bei Familie Marum nichts Neues

Die Familie Marum blickt auf eine lange Geschichte von Flucht und Migration zurück: von den spanischen Vorfahren, die im 16. Jahrhundert in die Niederlande flüchteten und schließlich in Deutschland heimisch wurden, bis hin zu ihrer eigenen Geschichte als Tochter von Ludwig Marums Sohn Hans, der im Dritten Reich zunächst nach Paris emigrierte, dann mit der Familie in Mexiko lebte, bis sie 1947 wieder nach Deutschland zurückkehrten.

Die damals sechsjährige Andrée lernte in Berlin innerhalb von zwei Monaten bis zum Schulanfang die neue Sprache, „damit niemand mitbekam, dass ich vorher noch nie Deutsch gesprochen hatte“, wie sie den Schülern im Agneshaus erzählt. Was sie den Jugendlichen vor allem vermitteln will: Migranten dürften in Deutschland nicht unter sich bleiben. „Man muss unter die Leute gehen, so lernt man die Sprache am Schnellsten.“ Deshalb sei die Vorgehensweise der Bundesregierung, die Flüchtlinge heute in Unterkünften abseits der Städte unterzubringen, so falsch. „So kann Integration nicht gelingen“, sagt Fischer-Marum.

Was ist das für eine Gesellschaft, die dagegen nicht vorgeht?

Die Schüler fragen sie nach ihrer Zeit in Mexiko. „Das war eines der wenigen Länder, das damals für Flüchtlinge aus Europa gute Möglichkeiten bot, zu leben und zu arbeiten“, sagt sie. „In Mexiko wusste man, was Fremdenfeindlichkeit ist. Und man sah auch das Potenzial, das die Leute, die da kamen, mitbrachten.“
Mit großer Sorge sieht sie auf das Erstarken rechtspopulistischer Strömungen in Deutschland und der Welt. „Das gab es alles schon einmal, und wir müssen etwas dagegen tun, dass es wieder so kommt“, schärft sie den jungen Menschen ein. Sie nennt als Beispiel die „Merkel-Galgen“, die 2015 bei einer Pegida-Demonstration in Dresden auftauchten. Die Marum-Enkelin fragt: „Was ist das für eine Gesellschaft, die dagegen nicht vorgeht?“