Traditionsbewusst und modern: Schneiderin Kerstin Brandt wünscht sich, dass junge Schneider in der Ausbildung mehr alte Techniken lernen.
Traditionsbewusst und modern: Schneiderin Kerstin Brandt wünscht sich, dass junge Schneider in der Ausbildung mehr alte Techniken lernen. | Foto: Sandbiller

Tradition in der Gegenwart

Maßschneiderin Kerstin Brandt fühlt sich in Karlsruhe endlich angekommen

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Handwerk hat goldenen Boden – doch so mancher Berufsstand ist heute selten geworden. BNN-Redaktionsmitglied Christel Manzey hat mit Schneidermeisterin Kerstin Brandt über die Besonderheiten ihrer Arbeit gesprochen.

Die Liebe zur Schneiderei entdeckte sie bereits als Kind: Bei der Schneiderin ihrer Mutter konnte Kerstin Brandt stundenlang in den Stoffen und Knöpfen kramen. „Wahrscheinlich hat sie mich deshalb so selten dahin mitgenommen“, mutmaßt Brandt lachend.

Die heute 48-Jährige kaufte sich bereits mit zwölf oder 13 Jahren die erste Nähmaschine und war sich schon früh sicher, im Umgang mit Nadel und Faden ihre Berufung gefunden zu haben. Nach der Ausreise aus der DDR schmiss sie nach nur wenigen Monaten das Wirtschaftsgymnasium und suchte sich in Baden-Baden auf eigene Faust eine Lehrstelle.

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Schneider-Atelier in Rastatt 1999 eröffnet

Nach der Ausbildung gestaltete sich die Suche nach einer Anstellung jedoch schwierig. Brandt begann, sich mit einem Heimservice selbstständig zu machen. Eine kräftezehrende Tätigkeit, die auch Spuren in ihrem Familienleben hinterließ. Als ihr Mann daheim in eine abgebrochene Nadel trat, war für ihn klar: Es muss sich etwas ändern.

Brandt machte sich „richtig“ selbstständig und eröffnete 1999 ihr erstes Schneider-Atelier in Rastatt. Fünf Jahre später folgte der zweite Laden in Karlsruhe. Für die fröhliche Schneiderin, die sich selbst als Workaholic bezeichnet, eine am Ende nicht mehr tragbare Doppelbelastung, die sie sogar krank machte.

2014 Umzug in neue Räume

Nachdem sie überraschend die Kündigung für ihren Laden in Karlsruhe erhalten hatte, schloss sie kurzerhand auch die Schneiderei in Rastatt und konzentrierte sich nur noch auf die Fächerstadt. Brandt wollte weg von der Laufkundschaft.

2014 bezog sie neue Räume im Alten Schlachthof und wusste: „Hier fühle ich mich angekommen.“ Neben Reparaturen und Änderungen fertigt sie Mode nach Maß. Insbesondere zur Hochzeitssaison hat die Schneiderin viel zu tun. So manche Brautmutter lässt sich bei ihr ausstatten, aber auch Brautkleid-Änderungen werden immer wieder nachgefragt.

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Tradition bewahren

Besondere Freude hat sie an freien Aufträgen, bei denen sie vom Entwurf bis zur Fertigung jeden Handgriff selber machen kann. Die Bindung zum Kunden spielt dabei eine entscheidende Rolle. „Was wir hier tun, ist eine sehr persönliche Sache.“ Bei solchen Kleidern sehe man immer wieder, wie viel Kunst in ihrem Handwerk stecke, so Brandt.

Doch was bedeutet Handwerk für sie? „Für mich bedeutet es, Traditionen zu bewahren, aber auch Neuem gegenüber aufgeschlossen zu bleiben und immer wieder dazuzulernen.“ Mit Sorge beobachtet sie, dass viele traditionelle Arbeitsmethoden wie etwa das Pikieren nach und nach aussterben – weil sie nicht mehr nachgefragt würden.

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Sie wünscht sich mehr Tradition in der Ausbildung. „Wir lernen doch diesen Beruf, weil wir es wollen, und nicht damit später eine billige Arbeitskraft aus uns wird“, ist Brandt überzeugt. Sie selbst besucht in der Regel fünf Weiterbildungen pro Jahr. Inzwischen fertigt sie nur noch Stücke an, von denen sie überzeugt ist.

Ein Schneider-Klischee bedient sie dann aber doch: Selbst kauft sie nur noch Basic-Kleidungsstücke wie T-Shirts im Laden. Hosen, Röcke und Kleider näht sie sich selbst. Ihr großer Traum ist es, auch Dessous zu nähen – dafür braucht es aber noch einen Kurs.