Volle Regale: Das wird für Apothekerin Sema Dehmer zur Herausforderung. Auf dem Tablett zeigt sie Medikamente, die bald knapp werden könnten.
Volle Regale: Das wird für Apothekerin Sema Dehmer zur Herausforderung. Auf dem Tablett zeigt sie Medikamente, die bald knapp werden könnten. | Foto: jodo

Apotheker hamstern Tabletten

Medikamentenmangel in Karlsruhe: Liegt es am Coronavirus?

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Legt das Coronavirus indirekt die Medikamentenversorgung in Karlsruhe lahm? Sollte die Epidemie noch länger andauern, befürchten Vertreter der baden-württembergischen Pharmaindustrie einen Komplettausfall chinesischer Rohstoff- und Wirkstofflieferungen für die Medikamentenproduktion. Aber sind die Auswirkungen tatsächlich bis in Karlsruher Apotheken zu spüren?

„Es ist jetzt schon kritisch“, sagt Sema Dehmer. Schon längere Zeit würden immer wieder bestimmte Medikamente knapp, so die Inhaberin der Augusta-Apotheke in der Karlstraße. Mehrmals am Tag sei sie mit der Bestückung ihres Warenlagers beschäftigt. „Es kann sein, dass ein Medikament kurzfristig wieder lieferbar ist, und fünf Minuten später ist es schon wieder weg.“

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Zum Teil sei es auch so, dass Pharmahändler bei Sammelbestellungen eines Medikaments „nicht lieferbar“ anzeigten, aber einzelne Packungen verfügbar hätten. Im Moment sei ihre Apotheke noch ganz gut bestückt, sagt Dehmer. „Aber ich mache schon Hamsterkäufe.“ Bei bestimmten Blutdruck-Medikamenten oder bei Psychopharmaka wie dem Antidepressivum Venlafexin gebe es schon seit Monaten Lieferschwierigkeiten. Problematisch sei das auch deshalb, weil man diese Medikamente nicht einfach so absetzen dürfe.

Man darf sich nicht so komplett vom Ausland abhängig machen

Sema Dehmer, Apothekerin aus Karlsruhe

Aber auch einfache Schmerzmittel wie Aspirin oder Dolormin seien schon schwer zu bekommen gewesen. Das Problem sei, dass der Großteil der Wirkstoffe in Indien und China hergestellt werde, kaum ein Medikament noch in Deutschland. „Man darf sich nicht so komplett vom Ausland abhängig machen“, findet Dehmer.

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Bei der Bestellung von Medikamenten hat nicht nur die Apothekerin ein Nachschub-Problem. Der Pharmahändler Fiebig aus Rheinstetten versorgt nach eigenen Angaben etwa 700 Apotheken im Großraum Karlsruhe und im gesamten Gebiet zwischen Rheinland-Pfalz und der Grenze zur Schweiz mit etwa 80.000 verschiedenen Arzneimittelprodukten.

Pharma-Großhändler sieht das Problem in Rabattverträgen der Krankenkassen

„Die Politik will, dass wir mehr Medikamente bevorraten. Aber auch wir bestellen bei den Herstellern zum Beispiel 1.000 Packungen, bekommen aber nur 100“, erklärt Geschäftsführer Udo Zimmermann. Dass konkret durch die Coronavirus-Epidemie bestimmte Medikamente akut betroffen seien, könne er weder bestätigen noch dementieren, da man keine Erkenntnisse darüber habe, wo genau die Hersteller ihre Wirkstoffe beziehen.

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Er sieht das Problem vielmehr in der allgemeinen Liefersituation, die sich schon seit etwa zwei Jahren permanent verschlechtere: Rabattverträge mit den Krankenkassen führten zu zunehmender Globalisierung mit Verlagerung und Konzentration der Produktion, sodass es für einen Wirkstoff immer weniger Produktionsstätten gebe.

Ausfälle bei Psychopharmaka, dem Schmerz-Wirkstoff Ibuprofen oder bei Schilddrüsenmedikamenten nennt auch Michael Hofheinz, Vorsitzender des Vereins Gruppe Karlsruher Apotheker. „Ich habe schon vor zehn Jahren gepredigt: Wenn ein Containerschiff auf dem Weg nach Europa untergeht, gibt es einen Monat lang keine Antibiotika mehr“, sagt er gegenüber den BNN.

Die Knappheit durch das Coronavirus wird erst später spürbar.

Patrick Kwik, Apotheker aus Karlsruhe

Damals sei „nur“ die Lieferkette ein Problem gewesen, nun komme die Produktion hinzu. Aber nicht das Coronavirus, sondern vor allem der Preisdruck durch die Krankenkassen führe etwa dazu, dass für bestimmte Wirkstoffe nur noch ein oder zwei Hersteller auf dem Markt seien. „Wenn zum Beispiel eine unserer gesetzlichen Krankenkassen einen großen Vertrag über ein Blutdruckmedikament abschließt, stellt der Konkurrent weniger oder gar nichts mehr her“, sagt Hofheinz – denn man kenne bei chronischen Krankheitsverläufen ja die Mengen, die insgesamt benötigt würden.

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„Noch ist es nicht so weit, dass es wegen des Coronavirus eine Knappheit gibt. Das wird erst später spürbar“, sagt Patrick Kwik, der die Congress Apotheke in der Ettlinger Straße führt. Auch er spricht von Engpässen, die unabhängig von der aktuellen Epidemie schon länger bestünden. „Unabhänging von Wuhan müssen wir schauen, dass unsere Kunden ihre Medikamente bekommen. Wir haben aufgestockt, noch haben wir alles da oder können Alternativen anbieten.“

Apotheken-Betreiber aus Karlsruhe kritisiert Krankenkassen

Es gebe aber auch Medikamente, die nicht einfach durch ein ähnliches Präparat ersetzt werden könnten. Weil durch den Preisdruck in Deutschland die Rohstoffe schlechter bezahlt würden als im Ausland, sei der deutsche Markt für die Hersteller schlicht uninteressant.

„Ich glaube nicht, dass sich das Coronavirus darauf auswirken wird“, sagt Martin Winterwerber, der zwei Apotheken am Kolpingplatz und beim ZKM betreibt. Das Problem mit Nicht-Verfügbarkeiten von Medikamenten ist in seinen Augen hausgemacht, und zwar durch die extreme Übermacht der Krankenkassen.