Vor einem Brexit beantragen viele britische Staatsangehörige die doppelte Staatsbürgerschaft. | Foto: dpa

Reisepass und Passport

Mehr Briten wollen auch Deutsche sein

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Nie war er so wertvoll wie heute – das war die Werbung für „Klosterfrau Melissengeist“ in den späten Achtzigerjahren. Nie war sie so wertvoll für manche Briten wie heute – das gilt zumindest für die deutsche Staatsbürgerschaft, für die sich seit Beginn der Brexit-Diskussion in Großbritannien immer mehr Staatsbürger aus dem Vereinigten Königreich interessieren. Früher handverlesen, waren es im Landkreis Karlsruhe 2017 43 Briten, die sich erfolgreich um eine Einbürgerung bemühten, im vergangenen Jahr waren es immerhin noch 33. Ähnlich ist übrigens die Zahl im Stadtgebiet Karlsruhe, wo seit der Brexit-Entscheidung 2016 rund 80 Briten die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, und sich damit die Rechte eines EU-Bürgers gesichert haben. In den Jahren davor sei es stets nur eine Handvoll gewesen sein.

Entscheidung am Dienstag?

Und die Uhr läuft, denn diesen Dienstag soll auf der Insel in der Sache abgestimmt werden. „Wenn Großbritannien dann ausgetreten ist, kann niemand mehr die Einbürgerung beantragen“, macht Bernhard Bösherz deutlich. Der Leiter des Amtes für Straßenverkehr, Ordnung und Recht beim Landkreis Karlsruhe erklärt, dass die Zahlen der Briten mit Blick auf die Gesamtmenge der im Landkreis Karlsruhe in den beiden vergangenen Jahren eingebürgerten Ausländer beachtlich ist – es handelt sich um rund zehn Prozent. Auf dem ersten Platz standen 2017 und 2018 jeweils türkische Bürger, die sich für eine deutsche Staatsbürgerschaft entschieden haben.

Mehrere Voraussetzungen

Um an diese zu gelangen, muss der Antragsteller eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllen. Vorneweg, so erklärt Bösherz, braucht man eine aufenthaltsrechtliche Genehmigung. Hinzu kommt die Dauer des damit zusammenhängenden Voraufenthalts, der sich in Jahren bemisst. „Nach Deutschland kommen und sich quasi sofort einbürgern lassen, geht nicht“, bestätigt Bösherz. Denn dieser Rechtsakt erfordert zudem ein Führungszeugnis und den Nachweis, dass man für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen kann. Schließlich geht es auch um einen Beleg für die eigene Integration – also Besuch einer Schule, ein Arbeitsplatz und Beherrschung der deutschen Sprache. Für die gibt es übrigens einen Standardtest.

Erst das eine, dann das andere

Stehen diesbezüglich alle Ampeln auf Grün, wartet eine weitere Hürde. Der deutsche Staat gibt dem Einbürgerungswilligen zunächst nur eine „Einbürgerungszusicherung“ – jetzt kann die Person bei den Behörden seines Herkunftslandes die Entlassung aus dessen Staatsangehörigkeit beantragen, um danach Deutscher werden zu können. „Denn“, so macht Bösherz deutlich, „die Deutschen sollen nur eine Staatsbürgerschaft haben“. Das sei zwar lange unterschiedlich diskutiert worden, jetzt aber vorgegeben.

Mehrstaatlichkeit

Es sei denn, man ist EU-Bürger und möchte deutscher Staatsbürger werden. In diesem Fall ist, so Bösherz, die Mehrstaatlichkeit möglich. Im Klartext: Die Briten, die nun einen deutschen Pass begehren und bekommen, können gleichzeitig einen britischen Passport haben. Das soll nach einem Gesetzesentwurf des Auswärtigen Amtes auch nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU möglich bleiben. Offenkundig ist bei den hier lebenden Staatsbürgern von der Insel dieses Interesse besonders ausgeprägt, denn im Landkreis gebe es sonst kaum Bürger aus einem anderen Mitgliedsland der Europäischen Union, die sich für eine doppelte Staatsbürgerschaft interessierten, sagt Bösherz.

Nur einmal wählen

Wie ist das bei den „Doppelstaatlern“ mit dem Wahlrecht geregelt? Bei der Europawahl darf der, der zwei Pässe eines EU-Mitgliedslandes besitzt, nur in einem Land seine Stimme abgeben. Das legt das europäische Wahlgesetz fest.

Warum bewerben sich Briten im Landkreis um die deutsche Staatsbürgerschaft? Die BNN haben nachgefragt:
Ingrid Rilling: „Ich lebe seit fast 40 Jahren in Deutschland“, sagt Ingrid Rilling (60) aus Karlsbad. „Ich bin fast 32 Jahre mit einem Deutschen verheiratet. Meine Kinder haben die doppelte Staatsbürgerschaft wie ich. Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen.“ Jetzt hat ihr die Unsicherheit mit dem Brexit einen Schub gegeben: „Die Welt verändert sich, der Prozess der europäischen Einigung muss fortgesetzt werden.“ Ihre Kinder wollen die doppelte Staatsbürgerschaft behalten. „Sie wollen jederzeit problemlos nach England können.“
Douglas Robb: „Ich bin jetzt 87 Jahre alt. Ursprünglich komme ich aus Schottland, ich lebe seit 1960 in Deutschland, seit 1992 in Karlsdorf-Neuthard. Vor zwei Jahren habe ich mich entschieden, mich einbürgern zu lassen. Ursächlich war der Brexit. Bis dahin war eigentlich alles perfekt in der EU. Man konnte sich frei bewegen. Jetzt ist alles unklar. Die politische Vorgehensweise ist völlig unverständlich. Mein Status als Brite in der EU ist ungeklärt. Ich bin mir auch sicher, dass der Brexit wirtschaftlich nicht gut sein wird für Großbritannien. All das hat dazu geführt, dass ich mich hier in Deutschland einbürgern ließ.“
John Morier: Seit 1973 lebt der 48 Jahre alte John Morier in Deutschland. Er kam als Bub mit seinem Vater nach Philippsburg. Auch für ihn war der Brexit Anlass, sich um die deutsche Staatsbürgerschaft zu bemühen. Ganz einverstanden ist er mit der europäischen Politik nicht immer – manchmal wünscht er sich eine stärkere Eigenständigkeit der einzelnen Länder –, aber insgesamt biete Europa doch Vorteile. Mit der doppelten Staatsbürgerschaft sieht er sich gut aufgestellt.