Fürs Foto vom Mittelalter-Spektakel stellt man sich schon mal freiwillig an den Pranger. Ansonsten findet öffentliche Bloßstellung heute eher im Internet statt. | Foto: ©vrabelpeter1 - stock.adobe.com

Historikerin Ute Frevert:

Der Pranger ist nicht abgeschafft – die Moderne hat ihn neu erfunden

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Sich bei einem Mittelalter-Spektakel mal eben für ein Foto an den Pranger stellen lassen – das ist ein Spaß. Aber auch ein bisschen gruselig. Denn es bedarf nicht sehr viel Fantasie, sich vorzustellen, wie sich die Menschen gefühlt haben müssen, die einst gegen ihren Willen öffentlich zur Schau gestellt wurden. Wehrlos dem Gelächter und dem Hohn ausgeliefert. Von Passanten angespuckt und – je nach Vergehen – mit faulen Eiern, Fäkalien oder Steinen beworfen.

Menschen am Pranger – die Politik der Demütigung

Zum Glück gibt es solche Formen der publikumswirksamen Demütigung in unserer aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr. Was aber keineswegs bedeutet, dass Menschen heute davor gefeit wären, öffentlich vorgeführt und beschämt zu werden. Die Moderne, so urteilt Ute Frevert, hat den Pranger nicht abgeschafft – sie hat ihn neu erfunden.

Die Aufklärung stellt Schandstrafen in Frage

„Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht“ heißt das neue Buch der Historikerin. Sie berichtet darin, dass Schand- und Ehrenstrafen  im Zeichen der Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert zunehmend in Frage gestellt wurden. Pranger und Prügel, so meinten Kritiker der vor Publikum vollzogenen Strafen, würden „böse Menschen schlimmer machen“. Erst recht stünden Verstümmelungen, die Straftäter ihr Leben lang als „ehrlos“ brandmarkten, dem „Endzwecke der künftigen Besserung des Bestraften“ entgegen. Die „Menschenwürde“, so befanden modern denkende Menschen, müsse man selbst Verbrechern und Bettlern zugestehen – man dürfe sie nicht zum „Tier herabwürdigen“.

Den Abschreckungseffekt ins Feld geführt

So wurden ehrenrührige Praktiken im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Teil abgeschafft, zum Teil deutlich abgemildert – freilich gegen Widerstände. Viele Strafrechtstheoretiker und -praktiker wollten die „Abschreckungswirkung“ beschämender Strafen nicht missen. Andere verwiesen auf deren ökonomische Vorteile vor allem für die „niedrigen Volksklassen“: Wenn Männer aus der Unterschicht einer Gefängnisstrafe wegen nicht arbeiten könnten, müssten ihre Familie womöglich am Hungertuch nagen. Prügel hingegen würde die Erwerbstätigkeit der Delinquenten nur kurzzeitig beeinträchtigen. „Schande, wem Schande gebührt“, ist ein Kapitel von Freverts Buch überschrieben.

Wenn morgens um 4 der Nachtwächter lärmt

Aber man muss Menschen ja nicht unbedingt an den Pranger stellen oder prügeln, um sie vor anderen bloßzustellen. Der Schwager von Dichterfürst Goethe hatte eine ganz eigene Art, mit Leuten umzugehen, die ihre Schulden nicht begleichen konnten: Johann Georg Schlosser, der 1773 Oberamtmann im badischen Emmendingen wurde, ordnete an, dass der Nachtwächter jeden Morgen um vier Uhr früh an die Tür von verschuldeten Menschen klopfen und laut rufen sollte: „Leute steht auf und arbeitet, damit ihr eure Schulden bezahlen könnt.“

Dass die Nachbarn durch den Lärm ebenfalls geweckt wurden und so zur Schande der Betroffenen von deren Geldnöten erfuhren, war offenbar Zweck der Übung.

Ein neues Verständnis der Bürgerrechte

100 Jahre später wäre ein solches Vorgehen der Obrigkeit kaum mehr akzeptiert worden, erläutert Ute Frevert. Denn in Folge der Französischen und der 1848-Revolution hatten die Bürger ein neues Verständnis von ihren Rechten entwickelt: Sie erwarteten jetzt vom Staat, dass er ihre Ehre schütze – vor privaten wie behördlichen Übergriffen.

Namen von Schuldnern in der Lokalzeitung

In Dresden wurden 1883 die Namen von Leuten, die ihre Gemeindeabgaben nicht bezahlt hatten, in der Lokalzeitung veröffentlicht und Listen der Schuldner in Gasthäusern ausgehängt. Doch gegen diese Art des „An-den-Pranger-Stellens“ machten im sächsischen Landtag Sozialdemokraten und Liberale  mobil. Die Regierung pflichtete ihnen ausdrücklich bei.

Die Nazis kannten keine Skrupel

Derartige Skrupel kennen totalitäre Regimes nicht, wie Ute Frevert anhand vieler Beispiele zeigt. So inszenierte auch das nationalsozialistische Deutschland Demütigungen als große Spektakel. Bereits 1933 hatte die Mannheimer Zeitung „Hakenkreuzbanner“ eine Rubrik mit dem Titel „An den Pranger“ etabliert. Veröffentlicht wurden darin die Namen und Adressen von Frauen, die sich mit jüdischen Männern einließen.

Frauen die Köpfe geschoren

Noch drastischer ging es bei Pranger-Umzügen zu. Dabei trieben  SA-Männer „rassenschänderische“ Paare – oft begleitet von Musikkapellen – durch die Innenstädte. Vor allem Frauen wurden bei solchen Gelegenheiten zudem die Haare abgeschnitten. Auf diese Weise waren schon im Mittelalter Gesetzesbrecherinnen bloßgestellt worden. Etwa, weil sie sich der Hurerei oder des Ehebruchs schuldig gemacht hatten.

… der Schutz der nationalen Ehre

Andere Länder, gleiche Sitten: Nach dem Zweiten Weltkrieg blies man in vielen vormals von den Deutschen besetzten Ländern zur Jagd auf Kollaborateure. Und rasierte Frauen, die sich mit den Besatzern eingelassen hatten, öffentlich die Köpfe: „Nicht nur in NS-Deutschland, das die Politik der ’Rassenreinheit’ auf die Spitze trieb, war der Schutz der nationalen Ehre an den des ’Blutes’ und den weiblichen Körper gekoppelt“, stellt Professorin Frevert fest.

1952: Der Bundesgerichtshof kassiert ein Urteil

Vor diesem Hintergrund besonders befremdlich wirkt ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) aus dem Jahr 1952. Die Karlsruher Richter kassierten damals ein Urteil des Kassler Landgerichts, das ein Elternpaar wegen Körperverletzung verurteilt hatte. Die Leute hatten aus erzieherischen Gründen ihre 16-jährige Tochter unter anderem zuhause angebunden. Und ihr zudem die Haare so unregelmäßig kurz geschnitten, dass sie sich „auf der Straße nicht mehr sehen lassen konnte“. Der BGH sah in diesem Umgang mit dem eigenen Kind jedoch keine „quälerische Behandlung“. Vielmehr habe es sich um ein geeignetes Mittel gehandelt, „das Mädchen aus der Scham über die erlittene Züchtigung zum Bewusstsein der Verwerflichkeit ihres Verhaltens und zur Scham darüber zu bringen.“

Karlsruhe spricht: Die Menschenwürde gilt auch für Kinder

Wie ein „Fanal“, so Frevert, habe angesichts solcher Vorstellungen ein 1968 ebenfalls in Karlsruhe ergangenes Urteil gewirkt: Das Bundesverfassungsgericht befand, dass auch Kindern als Grundrechtsträgern Menschenwürde zukomme. Diese müsse von Staat und Gesellschaft geachtet und geschützt werden. Es sollte in Deutschland aber noch bis zum Jahr 2000 dauern, bis Kindern per Gesetz das Recht auf gewaltfreie Erziehung eingeräumt wurde: „Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Ein neuer Schauplatz: der  Online-Pranger

Der Staat hat sich aus der Beschämung seiner Bürger zu Zwecken der Normenkontrolle zurückgezogen. Richtern, Eltern, Lehrern und anderen Autoritäten werden durch das Grundgesetz enge Grenzen gesetzt.  Doch als Mittel zur Stabilisierung der eigenen Macht ist die öffentliche Demütigung auch in demokratischen Gesellschaften längst nicht passé. Nur die Schauplätze, die Täter und die Opfer haben gewechselt. „Kein Ende“ hat die Historikerin den letzten Abschnitt ihres Buches überschrieben. Das Internet ermöglicht es, mit nie da gewesener Reichweite Menschen öffentlich bloßzustellen und vorzuführen. Oft sogar ohne konkreten Anlass, aus purer Lust an der Demütigung des anderen.

Macht braucht Applaus

Je tiefer die Opfer sinken, desto mächtiger fühlen sich die Täter. Vor dem Online-Pranger gibt es kein Entrinnen – zumindest, so lange das Publikum mitspielt, entsprechende Beiträge teilt und „liked“ und den Tätern so die erhoffte Aufmerksamkeit verschafft.  „Ohne öffentliches Einverständnis und Applaus ist Macht nichts wert“, sagt Ute Frevert.

Das Buch

Das Buch | Foto: S. Fischer Verlag

Ein beklemmendes Thema, eine brillante Analyse und viele Beispiele, die die Brisanz des Problems in Vergangenheit und Gegenwart belegen: Ute Frevert erzählt eine Geschichte der Demütigung – als Inszenierung der Macht. Die Historikerin geht zunächst  der Logik staatlicher Strafen und der Kritik an öffentlichen Demütigungen nach. In einem zweiten Teil beschäftigt sie sich mit sozialen Schauplätzen öffentlicher Beschämung – von der Schule bis zum Online-Pranger. Und schließlich begibt sie sich auf das Parkett der internationalen Politik, wo Demütigungen im schlimmsten Fall einen Krieg nach sich ziehen können. Ein sehr lesenswertes Buch.

Ute Frevert, Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht, S. Fischer-Verlag, 336 Seiten, 25 Euro.