Altertümliche Schriftzüge wie der Hinweis auf Weinbrand am Bahnhofsplatz versprühen nostalgischen Charme. | Foto: jodo

Streifzug durch die Stadt

Metzgerei-Relief über Handy-Shop: Karlsruher Hausfassaden erzählen von früher

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Schriftzüge an Hausfassaden künden oft von einer bewegten Geschichte alter Immobilien. Wo einst ein Steinmetz  „Metzgerei“ als Relief über dem Eingang platzierte, ist zwischenzeitlich längst ein Handyshop eingezogen. Auch eine vergleichsweise junge Stadt wie Karlsruhe hat derlei zu bieten.

Weinbrand? Was für ein Wort! Transportiert es nicht das Flair der Zwischenkriegszeit? Schwingt darin nicht das Erbe des Versailler Vertrags, nach dem Cognac nur noch heißen durfte, was tatsächlich aus der französischen Stadt mit dem klangvollen Namen kam?

Über dem Laden am Hauptbahnhof trohnt der Weinbrand

Wer aus dem Karlsruher Hauptbahnhof ins Freie des Vorplatzes tritt und den Blick in nordöstliche Richtung schweifen lässt, bleibt beim Weinbrand hängen. Dieser adelt in zeitloser Typografie die Fassade jenes Hauses, in dessen Innerem seit bald hundert Jahren Obst und Lebensmittel, kurz: Reiseverpflegung feilgeboten wird.

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Und damit eben auch Weinbrand. Als Elixier der Reisende genoss er einst geradezu Systemrelevanz. Der gute alte Weinbrand: Diese archaische Vokabel ragt sonderbar ungelenk hinüber aus der Vergangenheit ins Hier und Jetzt. Ein Gruß aus der Ferne.

Botschaften aus der Vergangenheit

Wer in modernen Pandemiezeiten der seligen Vergangenheit nachspüren will, hat theoretisch mehrere Möglichkeiten: Ein Besuch im Generallandesarchiv, ein Gang über den Hauptfriedhof oder eben eine ausgedehnte Promenade durch die älteren Wohnquartiere der Stadt.

Immer wieder geben sich historische Gebäude dabei durch Inschriften und Werberelikte als Botschafter einer bewegten und mitunter verblüffenden Vergangenheit zu erkennen. Ganz abgesehen von der Ästhetik der oft wunderlich angestaubten Diktion.

Die Tullaschule begrüßt ihre Knaben

Nehmen wir die Tullaschule am östlichsten Ende der Oststadt. Über dem Südportal gebietet die Inschrift „Knaben“ allein männlichen Schülern den Zugang, am Nordportal. Hier ist heute die Lidellschule ansässig – und steht folgerichtig „Mädchen“. Warum „Mädchen“ als Begriff bis heute unverdächtig geblieben ist, während „Knaben“ kein Mensch mehr sagt, darüber lässt sich trefflich sinnieren.

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Oder nehmen wir das ehrwürdige Luise-Riegger-Haus in der Baumeisterstraße. Im Giebelfeld oberhalb des Eingangs kündet die Inschrift „Volksküche“ von der Not zurückliegender Zeiten. In Stein gemeißelt, als Zeugnis gesellschaftlicher Defizite des frühen 20. Jahrhunderts.

In beschleunigten Zeiten passen Inschriften oft nicht mehr

Auch dass sich die Zeiten beschleunigt haben, lässt sich an steinernen Inschriften ablesen. Da ist dieses elegant-bürgerliche Gründerzeit-Gebäude Ecke Gerwig- und Veilchenstraße. „Metzgerei“ steht in überzeitlichem Selbstbewusstsein über dem Eingang. Das zugehörige Ladengeschäft fungiert mittlerweile aber als Rechtsanwaltskanzlei.

Was uns das sagt? Es gab offenbar Epochen, da verschwendete niemand einen Gedanken an die Möglichkeit, dass die Menschen in späteren Jahren ihr Fleisch aus den Kühltheken der Discounter fischen würden. Oder aus Klima-respektiven Lifestyle-Gründen gleich ganz darauf verzichten.

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Wo wir gerade bei Oststadt-Metzgereien sind: Eine solche gab es bis vor wenigen Jahrzehnten auch Ecke Ludwig-Wilhelm- und Rudolfstraße. Zwar ist dieser Umstand heute nicht mehr zu erkennen. Dafür birgt die Fassade des Hauses ein anderes Kleinod, das den Lauf der Zeit anschaulich illustriert: Den Hinweis nämlich, dass sich das Ladenlokal auch per Fernsprecher erreichen lässt: die zugehörige Telefonnummer ist verblüffend bündig: Eins Acht Neun Zwei. Wählt man die Zahlenfolge heute, landet man im digitalen Nirgendwo. Natürlich.

Auch Erotik-Kinos werben mit alten Schriftzügen

Was einst ein Wirtshaus war, ist heute meist ein Restaurant. Umso schöner ist deshalb, dass sich im südlichen Teil der Brunnenstraße das „Wirtshaus zum Pfannenstiel“ über viele Jahrzehnte erhalten hat.

Besonders alt müssen Inschriften an Fassaden und Werbebotschaften aber gar nicht sein, um als Unikum durchzugehen. So gibt es am Ostendorfplatz in Rüppurr einen Einzelhändler, der mit dem herrlich archaischen Fachbegriff „Hausrat“ für das eigene Sortiment plädiert.

Ebenfalls lange im Gedächtnis bleibt sprach-affinen Flaneuren in der östlichen Kaiserstraße der atemberaubende Hinweis eines dort ansässigen Sparten-Lichtspielhauses. Die Stätte wirbt für sich mit dem Wortlaut „Die gesamte Erotik“. Die Begrifflichkeit ist apart; vermutlich würde die Bundeskanzlerin vom „Instrumentenkasten“ sprechen.