Wenn Laubbäume im Winter regelrecht zu grünen scheinen, sind sie womöglich schon dem Tode geweiht: Dieser Obstbaum ist von Misteln überwuchert. | Foto: Stefan Bosch

Im Raum Karlsruhe

Misteln auf dem Vormarsch: Ein Glücksbringer wird zur Plage

Miraculix hätte seine helle Freude daran. Der Druide aus dem kleinen gallischen Dorf der Asterix-Abenteuer müsste bei einem Besuch in Karlsruhe nicht weit laufen, um Misteln zu schneiden – eine unverzichtbare Zutat für den Zaubertrank, der übermenschliche Kräfte verleiht. Täuscht der Eindruck? Oder finden sich auf immer mehr Laubbäumen Misteln? Die kugeligen, etwas skurril anmutenden Gebilde stechen an den winterkahlen Ästen ganz besonders ins Auge.

Misteln haben sich in der Rheinebene breit gemacht

Dass Misteln sich stark ausgebreitet haben, bestätigen Ulrike Rohde vom Umwelt- und Arbeitsschutz der Stadt Karlsruhe und andere Experten. Der Naturkompass Karlsruhe, ein Internet-Angebot, das passend zur Jahreszeit auf Naturphänomene hinweist, verzichtet gleich ganz auf eine Ortsangabe: Die Mistel komme an zahlreichen Stellen in Wäldern wie auch im Siedlungsbereich vor, liest man dort.

Miraculix ist Druide, kein Naturschützer. Während sich die Mistel als Glücksbringer und – nach langer Zeit der Vergessenheit – als Arzneipflanze wieder einiger Wertschätzung erfreut, treibt der starke Zuwachs des Halbschmarotzers Fachleuten vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) den Sorgenschweiß auf die Stirn.

„In manchen Gegenden ist kaum ein Baum mistelfrei“

„Küssen unterm Mistelzweig und Druidenzauber klingt toll. Doch wer Misteln nicht schnell zu Leibe rückt, hat lange Ärger mit ihnen“, weiß Stefan Bosch. Der Nabu-Fachbeauftragte für Ornithologie und Vogelschutz in Baden-Württemberg ist alarmiert: „In manchen Gegenden des Landes ist kaum ein Baum mistelfrei.“ Am Stromberg seien sehr viele Obstbäume betroffen. Bei Karlsruhe/Rastatt würde eine deutliche Zunahme verzeichnet. Überhaupt hätte die „Zauberpflanze“ in der Rheinebene, wo sie bis in die 1980er Jahre eher selten zu sehen war, kräftig Terrain erobert.

Nährstoffverlust schwächt den Baum

Warum das ein Problem ist? „Die Pflanzen sehen harmlos aus, entziehen dem Wirt mit ihren Saugwurzeln aber Wasser und Nährstoffe“, sagt Bosch. Besonders häufig betroffen seien Apfelbäume. Auch auf Ebereschen, Pappeln, Weiden, Weißdorn oder Birken setzten sich die Parasiten fest. „Der Verlust an Nährstoffen und Wasser schwächt den Baum. Kommen noch Trockenheit oder mangelnde Düngung dazu, können Misteln den Baum so weit schwächen, dass er abstirbt.“

Der Nabu sorgt sich um die Streuobstwiesen

Der Nabu, entstanden aus dem 1899 gegründeten Bund für Vogelschutz, bangt vor allem um alte, hochstämmige Streuobstbäume. Noch prägen sie viele Gegenden Baden-Württembergs. „Mit ihren Baumhöhlen bieten sie Höhlenbrütern wie dem seltenen Wendehals, dem Halsbandschnäpper oder dem kleinen Gartenrotschwanz einen unentbehrlichen Platz, um im Frühjahr den Nachwuchs aufzuziehen“, sagen die Vogelexperten.

Werden die Baumkronen nicht gepflegt, breite sich die Mistel über den ganzen Baum aus. Stefan Bosch berichtet von Bäumen am Stromberg, die auch im Winter „richtig grün“ aussehen – weil sie total von Misteln überwuchert sind.

Wichtig sei es, verlorene Hochstämme wieder durch Bäume mit mindestens 180 Zentimetern Stammhöhe zu ersetzen, heißt es beim Nabu. Aber viele Leute bevorzugen Obstbäume mit niedriger Stammhöhe – einfach, weil das bei der Ernte bequemer ist. Damit tun sie allerdings den Höhlenbrütern keinen Gefallen. Spechte beispielsweise zimmern in Niederstämmen keine Bruthöhlen.

„Wir können nur appellieren“

Doch die Vogelschützer können, so Stefan Bosch, an die Wiesen- und Gartenbesitzer nur „appellieren“. Die meisten Streuobstwiesen in Baden-Württemberg gehören laut einer Broschüre des Landwirtschaftsministeriums von 2015 Privatleuten: Über die Hälfte seien in der Hand privater „Stücklesbesitzer“, die übrigen verteilen sich auf landwirtschaftliche Betriebe und Kommunen. Und: Fast 80 Prozent der Streuobstbäume würden nicht oder nur unregelmäßig geschnitten.

Vereinzelt auch Birnbäume befallen

Kommt es in Baden-Württemberg so weit wie in einigen Regionen des Saarlands und von Rheinland-Pfalz, wo Obstbauern ihre Streuobstbestände aufgegeben haben? „Der Mistelbefall als Folge insbesondere schlechter Baumpflege ist dort massiv. Vereinzelt werden sogar Birnbäume befallen, die bisher als resistent gegenüber der Mistel galten“, sagt Markus Rösler, der Sprecher des Nabu-Bundesfachausschusses Streuobst.

Eine gute Zeit, Obstbäume zu sanieren

Was also tun? Laut Rösler gibt es bundesweit schlechte Erfahrungen mit der Bekämpfung, wenn sich die Misteln an einem Baum erst einmal ausgebreitet haben. Doch jetzt, im späten Winter oder im zeitigen Frühjahr, sei ein guter Zeitpunkt, um befallene Obstbäume zu sanieren, sagen die Nabu-Fachleute.

Je nach Art des Befalls müssten Äste  komplett entfernt und dabei mindestens 30 bis 50 Zentimeter ins gesunde Holz zurück abgesägt werden. Alternativ könne an der betroffenen Stelle mit einer Kerbe tief ins Holz geschnitten und die Mistel samt Wurzeln entfernt werden. Helfen könne auch, die grünen Büschel mit Beeren zu entfernen, um die Verbreitung der Samen einzuschränken.

Steht der Halbschmarotzer unter besonderem Schutz?

Aber darf man das überhaupt? Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass die Mistel besonders geschützt sei. Das sei jedoch eine irrige Annahme, versichern die Nabu-Experten. Was man beachten muss, sind freilich die allgemeinen Bestimmungen zum Schutz wild lebender Pflanzen.

So brauchen etwa Leute, die Misteln zu gewerblichen Zwecken „ernten“, dafür die Erlaubnis der für den Natur- und Landschaftsschutz zuständigen Behörde. Und wer für seinen persönlichen Bedarf an Stellen, die keinem Betretungsverbot unterliegen, Wildpflanzen „entnimmt“, ist grundsätzlich verpflichtet, dabei „pfleglich“ vorzugehen.

Stürme holen manche Mistel von den Bäumen

Aber wenn man nur sein Zuhause mit Misteln schmücken will, muss man ja auch nicht wie Miraculix auf hohe Bäume klettern, um die Zweige zu schneiden. Ulrike Rohde vom Umwelt- und Arbeitsschutz der Stadt Karlsruhe etwa sammelt selbst bisweilen Misteln – solche, die ein Sturm von den Bäumen geholt hat. Im Hardtwald hinter dem Karlsruher Schloss etwa, wo sich die Kiefermistel ausgebreitet hat. Das ist zwar eine andere Art als die Mistel, die Laubbäume befällt – aber als Glücksbringer ebenfalls nicht zu verachten.

Interessant sehen Misteln ja aus: Blick von Karlsruhe-Weiherfeld in Richtung Freibad Rüppurr.
Blick von Karlsruhe-Weiherfeld in Richtung Freibad Rüppurr. | Foto: abw

So breiten sich Misteln aus

Wie kommen die Misteln auf die Bäume? Für die Ausbreitung des Halbschmarotzers sorgen vor allem Vögel wie die Misteldrossel. Sie fressen die Beeren der Misteln und scheiden später mit dem Kot den klebrigen Samen aus, wo immer sie gerade sitzen. „Die klebrigen Stoffe samt Samen passieren den Magen der Vögel und haften auf den Ästen. Oftmals landen sie an schwer erreichbaren Stellen hoch oben im Baum, wo sich die Vögel gern aufhalten“, erläutert Stefan Bosch vom Nabu. Markus Rösler zufolge sind über 20 Vogelarten nachgewiesen, die die Mistelsamen verbreiten, darunter Star, Mönchsgrasmücke und Seidenschwanz.

O’zapft: Keimt der klebrige Ankömmling, treibt er eine Wurzel unter die Rinde des Baumes. Etwa ein Jahr nach dem Keimen zapft die Mistel die „Versorgungsleitungen“ ihres Wirtes an. Bis sie die typische kugelige Form erreicht, vergehen einige Jahre.

Ein Baum vermistelt: Hat eine Mistel Beeren gebildet, tropfen ihre Samen auch ab – etwa von der Baumkrone auf darunter liegende Äste. Das kann dazu führen, dass nach und nach der komplette Baum vermistelt – und sogar abstirbt.

Warum ist die Mistel ein Halbschmarotzer? Die Mistel zapft ihrem Wirt Wasser und Nährstoffe ab. Im Gegensatz zu Vollschmarotzern betreibt sie aber selbst Fotosynthese.

Warum breitet sich die Misel so rasant aus? Laut Nabu begünstigt die Klimaerwärmung die Ausbreitung von Misteln: Vögel bleiben länger an ihrem Standort, die Wärme begünstigt die Keimung der Mistelsamen und zunehmende Trockenperioden stressen die Bäume. Bei Streuobstwiesen gilt vor allem die unregelmäßige Pflege als großes Problem.

Mehr zum Thema Misteln erfährt man beim Nabu.