Ausschnitt aus dem Tennenbacher Güterbuch (1. Hälfte 14. Jahrhundert). Zu sehen ist es in der Ausstellung „mit brieff und sigel – Formen der Schriftlichkeit im Mittelalter“ im Generallandesarchiv Karlsruhe.
Der Schreiber des Klosters Tennenbach notierte penibel alle Besitzungen der Zisterzienser. Ausschnitt aus dem Tennenbacher Güterbuch (1. Hälfte 14. Jahrhundert). | Foto: GLA Karlsruhe 66, Nr.8553

Ausstellung in Karlsruhe

Mit Brief und Siegel: Mittelalterliche Schätze im Generallandesarchiv

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„Das geht doch auf keine Kuhhaut …“ Wer das sagt, steckt schon mitten drin. Im Mittelalter nämlich. Damals schrieben die Leute auf Pergament, speziell behandelten Tierhäuten. Aber was heißt: die Leute? Schreiben und lesen konnten die wenigsten. Geistliche allerdings beherrschten diese Kunst. Und doch dokumentierten seit dem 11. Jahrhundert nicht nur Päpste und Bischöfe, sondern auch Kaiser, Könige und weltliche Fürsten ihre Rechtsgeschäfte vermehrt mit Urkunden. Einige besonders prächtige Exemplare kann man jetzt in der Ausstellung „mit brieff und sigel“ in Karlsruhe bewundern. Das Generallandesarchiv präsentiert in der Schau Spitzenexponate aus dem eigenen Haus – und erzählt zugleich die Geschichte der Schriftlichkeit im Mittelalter. Die Ausstellungsstücke stammen aus dem Raum, der Anfang des 19. Jahrhunderts zum Großherzogtum Baden zusammengeschweißt wurde. Im Mittelalter setzte er sich aus einer Vielzahl verschiedener Herrschaften zusammen.

Briefe für Analphabeten

„All denen, die diesen brieff sehend oder hörend lesen …“. Das drollig anmutende Zitat springt dem Besucher ins Auge. Es verweist darauf, dass in einer Gesellschaft, in der die meisten Leute Analphabeten waren, wichtige Nachrichten vorgelesen werden mussten. Jürgen Treffeisen vom Generallandesarchiv hat den Satz ergänzt: „Auf die Optik kommt es (auch) an“. Denn Urkunden, Brief und Siegel, waren Instrumente der Macht – und als solche sollte man sie auf den ersten Blick erkennen.

Brief und Siegel – Instrumente der Macht

Dafür sorgten auffällige Merkmale. Bei Königsurkunden etwa das „Chrismon“, das Zeichen zur Anrufung Gottes. Oder das Monogramm, das sich aus den Namenszeichen des Herrschers zusammensetzte. „Unterschrieben“ hat der König eigenhändig – schlicht, indem er einen Strich durchs Monogramm zog. „Die weltlichen Herrscher des Früh- und Hochmittelalters konnten in der Regel ebenfalls nicht schreiben und lesen“, schmunzelt der Kurator.

Ein voluminöses Wachssiegel beglaubigt die Urkunde aus dem Jahr 1046, mit der Kaiser Heinrich III. dem Domkapitel zu Speyer verschiedene Besitzungen schenkte. Zu sehen ist dsa Kostbare Stück im Generallandesarchiv Karlsruhe bei der Ausstellung „Mit brieff und sigel. Formen der Schriftlichkeit im Mittelalter“.
Mit Brief und Siegel: Ein voluminöses Wachssiegel beglaubigt die Urkunde aus dem Jahr 1046, mit der Kaiser Heinrich III. dem Domkapitel zu Speyer verschiedene Besitzungen schenkte. | Foto: abw

Treffeisen zeigt auf eine großformatige Urkunde aus dem Jahr 1046, die alle formalen Kennzeichen eines solchen Dokuments aufweist. Mit ihr hielt Kaiser Heinrich III. fest, dass er dem Domkapitel zu Speyer mehrere Besitzungen schenkte. Ein imposantes Wachssiegel – typisch für Kaiser- und Königsurkunden – bestätigt die Echtheit des Schriftstücks.

Mit goldenem Siegel

Äußerst selten gebraucht wurden hingegen vergoldete Siegel. Das Generallandesarchiv präsentiert auch eine solche Goldbulle. Das spektakuläre Stück, das für höchste Glaubwürdigkeit bürgte, ziert eine Urkunde Friedrich Barbarossas. Der berühmte Stauferkaiser bestätigte damit 1155 die Grenzen des Bistums Konstanz. Für den Bischof waren „Brief und Siegel“ im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert: Wer an seinem Sprengel kratzte, legte sich zugleich mit der kaiserlichen Macht an. Die Päpste siegelten übrigens grundsätzlich mit Blei, wie Treffeisen in der Ausstellung am Beispiel einer Bulle Urbans II. von 1095 zeigt.

Ausstellung im Generallandesarchiv Karlsruhe: Ein vergoldetes Siegel beglaubigt diese Urkunde. Mit ihr bestätigte Friedrich Barbarossa 1155 die Grenzen des Bistums Konstanz.
Ein vergoldetes Siegel beglaubigt diese Urkunde. Mit ihr bestätigte Friedrich Barbarossa 1155 die Grenzen des Bistums Konstanz. | Foto: abw

Zum ewigen Gedenken

Heinrich III. hat das Domkapitel zu Speyer im elften Jahrhundert keineswegs uneigennützig beschenkt: Als Gegenleistung mussten die Geistlichen für den Kaiser und andere Mitglieder seiner Familie Jahr für Jahr am jeweiligen Todestag eine Messe lesen. Solche Geschäfte, die dem Seelenheil der Stifter dienen sollten, waren im Mittelalter gang und gäbe. In manchen Kirchen hatten daher täglich mehrere Gottesdienste stattzufinden. Wer sollte sich all diese Termine merken? In „Anniversarbüchern“ listete man detailliert auf, wann für welchen Verstorbenen zu beten war. Das Generallandesarchiv zeigt einige solcher Bücher, darunter eines aus Kloster Lichtenthal bei Baden-Baden. Besonders beeindruckend ist ein voluminöser Band aus dem Domstift Konstanz. Deutlich erkennbare Gebrauchsspuren bezeugen, dass die Geistlichen ihre Pflichten ernst nahmen.

Eine Frage der Rechtssicherheit

Die „pragmatische Schriftlichkeit“ nahm im Laufe des Mittelalters gewaltig zu. Lange hatte man sich bei Geschäften und Grundstücksfragen vor allem auf das gute Gedächtnis von Zeugen verlassen, doch das Bedürfnis nach Rechtssicherheit stieg. So begannen zunächst Klöster, ihre Besitzungen, Einkünfte und Rechte schriftlich zu fixieren.

Im „Tennenbacher Güterbuch“ aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts haben Mönche penibel sämtliche Besitzungen ihres Klosters aufgezeichnet. | Foto: abw

Die Benediktiner von St. Peter im Schwarzwald nutzten dafür im zwölften Jahrhundert eine mehrere Meter lange Schriftrolle, den „Rotulus Sanpetrinus“. Die Zisterzienser aus Tennenbach im Breisgau hingegen legten im 14. Jahrhundert ein Güterbuch an. Treffeisen weist auf die kunstvoll gestaltete „S“-Initiale in der Handschrift: Sie zeigt den Schreiber des Klosters am Pult. Ein Laienbruder führt ihm einen alten Mann zu, der Zeugnis ablegt über die Besitzverhältnisse an seinem Heimatort. Alle Angaben wurden penibelst notiert.

Vom Prachtdokument zur Massenware

Je häufiger die Schrift als Rechts- und Beglaubigungsinstrument eingesetzt wurde, desto schlichter wurden die Dokumente. Das Generallandesarchiv verdeutlicht die Entwicklung zur „Massenware“ am Beispiel von Marktrechten. Im Jahr 999 erteilte Kaiser Otto III. dem Grafen Bertold – das war der erste namentlich fassbare Vorfahr der Herzöge von Zähringen und der Markgrafen von Baden – das Privileg zur Abhaltung eines Wochenmarktes in Villingen. Die Urkunde, die der Kaiser dazu ausstellen ließ, ist stark verblasst, doch lässt sich ihre einstige Pracht erahnen. Deutlich schmuckloser fiel das Pergament aus, mit dem 400 Jahre später König Sigmund einen Markt in Emmendingen und Eichstetten genehmigte.

Das geht auf keine Kuhhaut mehr…

Auf viel Geschnörkel verzichten konnte auch Adalbert von Baden, als er 1399 dem Herzog von Österreich eine „Reisekostenabrechnung“ vorlegte. Ob es um Besitzverzeichnisse ging oder Heiratsverträge adeliger Familien: Immer mehr Bereiche des Lebens wurden schriftlich erfasst – und das ging dann wirklich auf keine Kuhhaut mehr. „Voraussetzung für diese Zunahme war die Ablösung des Pergaments durch das wesentlich kostengünstigere und leichter herzustellende Papier“, sagt Jürgen Treffeisen.

Die Ausstellung „Mit brieff und sigel. Formen der Schriftlichkeit im Mittelalter“ ist bis 1. März 2019 im Generallandesarchiv Karlsruhe zu sehen. Weitere Infos gibt es hier.