In 18 Tagen um die halbe Welt: Zhenjiang Hu (rechts) und seine Frau Jianyi Wan reisten aus Peking mit dem Auto nach Karlsruhe zu ihrem Sohn Fangfang. Er kam vor 15 Jahren als Architekturstudent für zwei Semester in die Fächerstadt und blieb. | Foto: jodo

Mit Vollgas durch die Steppe

Mit dem Auto von Peking nach Karlsruhe

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Der Weg ist das Ziel. Treffender kann man die Reise von Zhenjiang Hu und seiner Frau Jianyi Wan kaum beschreiben. Das Ehepaar aus Peking will nach Karlsruhe, ihren Sohn besuchen, der Architekt lebt seit 15 Jahren hier. Doch statt sich in ein Flugzeug zu setzen und rund zehn Stunden später in Frankfurt zu landen, steigen der 68-jährige Zhenjiang Hu und seine drei Jahre jüngere Frau ins Auto und fahren los. Vor ihnen liegen mehr als 11.000 Kilometer Weg…

Gut gelaunt sitzt Zhenjiang Hu am Esstisch in der Wohnung seines Sohnes in der Südstadt-Ost. Vor sich hat er eine große Karte ausgebreitet und fährt lachend mit dem Finger die Tour noch einmal nach. „Hier, von Peking, ging es zunächst nach Manjur.“ Die Grenzstadt liegt im Autonomen Gebiet Innere Mongolei der Volksrepublik China. Erste Übernachtung in Russland war in Tschita, der Hauptstadt der Region Transbaikalien. Der 68-Jährige klopft mit dem Finger auf den winzigen Punkt, lacht und fährt fort… Ulan-Ude, Usolye, Kansk, Kemerovo, Bakal, Chelny, Nischni Nowgorod – wie die Transsibirische Eisenbahn kämpfte sich das chinesische Ehepaar durch das weitläufige Sibirien, von Asien nach Europa. Allerdings mit deutlich mehr Geschwindigkeit als der Linienzug.

Mit 180 km/h durch die Steppe

Was rechts und links des Weges liegt interessierte die beiden Globetrotter zunächst nicht. „Wir wollten so schnell wie möglich zu unserem Sohn und pünktlich zum ersten Geburtstag unseres Enkels in Karlsruhe sein“, sagt Jianyi Wan. Den touristischen Teil heben sie sich für die Rückfahrt auf. Auch sonst hat die Fahrt wenig von einem romantischen Road-Abenteuer. Perfekt durchgetaktet und organisiert jagt Zhenjiang Hu seinen Lexus Hybrid – und nicht etwa einen alten, schaukelnden VW-Bus – durch die Sibirische Steppe, locker mit 180 Stundenkilometern. „Es ist nur eine Bundesstraße, aber die ist sehr gut ausgebaut, es gibt kaum Verkehr, alles ist flach, man hat einen guten Überblick“, schwärmt er.

Geburtstag des Enkels knapp verpasst

Um 5 Uhr klingelt der Wecker, um 6 Uhr startet Zhenjiang Hu den Motor. Gefahren wird bis zum späten Nachmittag, dann eine Unterkunft gesucht. Während sich seine Frau dann um Wäsche und kleine Einkäufe kümmert, putzt der 68-Jährige das Auto. So geht das Tag für Tag, bis die beiden nach 18 Tagen Karlsruhe erreichen. Leider verpassen sie den Geburtstag ihres Enkels um genau einen Tag. Darüber ärgern sie sich immer noch. Es war doch alles so perfekt getaktet, wie ein Uhrwerk. „Um die Grenze zwischen Russland und Lettland zu passieren, benötigten wir einen Versicherungsschein für das Auto. Doch es war Sonntag und niemand konnte uns das Papier ausstellen. Wir mussten also bis Montag warten“, erzählt der passionierte Autofahrer.

Neuer Lebensabschnitt: die Welt sehen

Umso mehr genießen die beiden Rentner nun die gemeinsame Zeit mit ihrem Sohn Fangfang, dessen Frau Duanduan Tan und Enkel Lukas Su Chen. Einfach zusammen sein, gemeinsam kochen und abends essen – „mehr brauchen wir nicht“, erzählt die 65-Jährige, die bis zu ihrer Rente als leitende Beamtin in Peking gearbeitet hat, während ihr Mann eine eigene Firma führte. Als Jianyi Wan vor fünf Jahren in den Ruhestand ging, begann für die beiden ein neuer Lebensabschnitt. „Vorher haben wir immer nur gearbeitet.“ Jetzt wollten sie die Welt sehen, und davon so viel wie möglich. USA und Kanada, Australien, Neuseeland, Europa – die beiden sind fast ständig auf Achse. Zhenjiang Hu lacht über das ganze Gesicht: „Von 365 Tagen sind wir gut 200 unterwegs.“ Am liebsten auf eigene Faust. Nur einmal hätten sie eine Gruppenreise in Südafrika gemacht – und festgestellt, das ist nichts für sie. Sie wollen frei sein, anhalten wo es ihnen gefällt.

Viele Reiseziele auf der Wunschliste

So werden sie es auch auf der Rückreise nach Peking machen. Bis Mitte September bleiben sie noch bei ihrem Sohn, dann geht es wieder auf Tour. Erst mal für eine Weile ins Baltikum. Denn Zhenjiang Hu, für den Russland eines der schönsten Länder ist, möchte sich mit dieser Reise gleich zwei Träume erfüllen: „Einmal mit dem Auto von Peking nach Europa Russland durchqueren und den Winter in Sibirien erleben.“ Damit hat es sich für das Paar aber lange nicht ausgeträumt. Südamerika fehlt ihnen noch. Die Panamericana? Natürlich! Zhenjiang Hu nickt und grinst.