Die Fischtreppe von Daxlanden ist ein Streitobjekt
DIE FISCHTREPPE am Thomaswehr hilft vielen Fischen. Für schwimmschwache Fische ist sie laut Expertenurteil zu steil. Die Stadtwerke lehnen einen Umbau zwecks Barrierefreiheit ab: Flache Betonbecken verschandelten die Natur und seien viel zu teuer. | Foto: jodo

Ist die Fischtreppe zu steil?

Mit dem Menschenauge sieht man Fische besser

Sich fühlen „wie ein Fisch im Wasser“. Was einst sprichwörtlich das höchste der Gefühle war, gilt für die Karlsruher Alb schon lange nicht mehr. Seit der Mensch mit einem Mühlrad bei Daxlanden in das Fließgewässer eingreift, haben sich dort die Wandermöglichkeiten der Fische verschlechtert. Und seitdem aus der alten Mühle am rauschenden Bach eine Turbine der Stadtwerke für die Stromerzeugung wurde, wird um Gedeih und Verderb von Lachs & Co gerungen.

Tötet die Turbine Fische?

Jüngst ist der Streit zwischen den Anglern und den Stadtwerken hochgekocht. Dabei spielt das Regierungspräsidium mit seiner Fischereibehörde eine tragende Rolle, verweigert aber jede öffentliche Stellungnahme (die BNN berichteten). Die zwei Kardinalfragen lauten: Tötet die Turbine der Appenmühle massenhaft Lachse und andere Fische? Der Anglerverein Karlsruhe behauptet dies, die Stadtwerke bestreiten es.

Automatisch werden die Fische an der Alb gezählt.
DIE FISCHZÄHLANLAGE befindet sich direkt oberhalb der Daxlander Fischtreppe. | Foto: jodo

Dabei konzentrieren sich die Kontrahenten auf die Fischtreppe am Thomaswehr und besonders auf die unter einer Betonplatte im Fluss installierte Fischzählanlage. Der automatische Rechner soll endlich Klarheit darüber bringen, wie viele Fische über die Aufstiegshilfe die Alb hinauf und wie viele Fische am Thomaswehr über die Treppe hinunterschwimmen. Die Beteiligten hoffen auf schuppige Fakten. Je nach Ausgang der Daxlander Fischzählung ergibt sich der Investitionsbedarf in die Treppe.

Barrierefreiheit für Schwachschwimmer

Geht es doch darum, welcher Grad von Barrierefreiheit für so genannte „schwachschwimmenden Fische“ notwendig ist. Dabei ist schon von 200 000 Euro die Rede, um auch kleinen Fischen mit flachen Stufen die Alb hinauf zu helfen. Die Stadtwerke lehnen eine Investition dieser Größenordnung ab. Wolle man sie dazu verpflichten, würden sie eher ihr Vorzeige-Wasserkraftwerk, das 40 Haushalte versorgt, abschalten.

Die Anlage zählt nicht perfekt“

Doch noch ist die automatische Fischzählung nicht von Menschenaugen ausgewertet. Frank Lamm von der Abteilung Wasserbau des städtischen Tiefbauamts erklärt, woran es bei dem Daxlander Fischauge hakt: „Die Anlage zählt automatisch, aber noch nicht hundertprozentig perfekt.“

Fischkundiger Schwede gefragt

Folglich muss ein „fischkundiger“ Schwede gegenrechnen, um im Karlsruher Fischstreit belastbare Zahlen zu liefern. Im Prinzip funktioniert das Fischauge so: Schwimmt ein Fisch flussauf oder flussab durch die jeweilige Lichtschranke erhellt eine gleißende Lampe die Alb unter der Betonplatte oberhalb der Fischtreppe am Thomaswehr. Eine Kamera erfasst den Schwimmkörper. Ihre Software hat die Schemen von zig Fischtypen gespeichert, automatisch werden die Flossentiere nach jeweiliger Art registriert. Die Daten werden auf Computer überspielt, und die Fischzählung wird mit Videobeweis am Bildschirm abgeschlossen.

13 500 Schwimmobjekte in 18 Monaten

Deshalb kennt Experte Lamm eigentlich das Ergebnis der Fischzählung schon recht genau. „Wir haben 13 500 gezählte Objekte seit Einbau der Zählanlage vor 18 Monaten“, berichtet er. Doch in diese Summe sind nicht nur Fische eingeschwommen. Gleichen ein Stock, eine zerbeulte Plastikflasche oder ein Gewölle aus Ästchen und Laub im Aussehen einem Fischtyp, dann werden sie irrtümlich als Fisch gewertet. Deshalb ist das Fachauge eines Schweden gefragt. „Wir haben die auf Island entwickelte Anlage in Schweden gekauft“, erläutert Frank Lamm. Und dazu gehört eben auch die visuelle Auswertung durch einen fischkundigen Skandinavier.

EU forderte Erfolgskontrolle

Ursächlich hat die 100 000 Euro teure Fischzählungsanlage nichts mit der Treppe am Thomaswehr und der Appenmühle zu tun. „Sie ist 2015 zur notwendigen Erfolgskontrolle der von der EU geförderten Verbreiterung der Albschleuse durch den Rheindamm beim Ölhafen installiert worden“, berichtet Lamm. Bewusst habe man sie, um zwei Fische mit einer Klappe zu fangen, am Thomaswehr installiert. So wird eben auch die Funktionstüchtigkeit der Fischaufstiegshilfe überprüft.
„Seit acht Wochen müssten die Ergebnisse eigentlich vorliegen“, sagt der „etwas ungehaltene“ Herr Lamm. Möglicherweise kann also in dem Karlsruher Fischstreit mit den neuen Fakten erst 2017 Bewegung kommen. Noch ist offen, ob die Angler und die Fischereibehörde gegen den Willen der Stadtwerke eine Verbesserung der Treppe oder gar ein Abschalten der Appenmühle erreichen.

Stadtwerke  nehmen Stellung

Auf Nachfragen der BNN präzisieren die Stadtwerke ihren Standpunkt im Streit um die Verschärfung des Fischschutzes und die damit verknüpfte Forderung, die Fischtreppe am Thomaswehr bei der Wasserkraftanlage Appenmühle aufwendig Richtung Barrierefreiheit umzubauen. Dabei geht es auch um die Frage, ob in der heiklen Angelegenheit ein Verfahren bei der städtischen „Unteren Wasserbehörde“ läuft, mit dem das federführend beteiligte Regierungspräsidium sein öffentliches Schweigen begründet. „Mit einem Schreiben aus dem Jahr 2011 wurden wir von der Unteren Wasserbehörde aufgefordert, die Anlagen auf den neuesten Stand zu bringen“, erklärt Markus Schneider, Pressesprecher der Stadtwerke.

Wir sind gegen eine Verunstaltung des Wehrs

„Betroffen davon waren die Fischtreppe, der Rechenabstand und eine fehlende Abstiegshilfe, die nie Gegenstand des früheren Genehmigungsverfahrens war“, erläutert Thomas Schnepf , Planer der Stadtwerke. „Die Fischereibehörde des Regierungspräsidiums hat daraufhin einen Vorschlag zum Neuaufbau der Fischtreppe mit Betonwannen gemacht“, sagen die Stadtwerke. „Wir haben mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass wir eine solche optische Verunstaltung des Thomaswehrs auf keinen Fall realisieren werden; auch nicht aus Kostengründen“, bekräftigt Schneider.
Für einen ungefährlichen Fischabstieg habe man vor der Turbine eine Verbindung zum parallel verlaufenden Leerschuss geschaffen. „Diese Öffnung ist das ganze Jahr über offen und liegt in Hauptströmungsrichtung. Abwandernde Fische werden dieses Loch zwangsläufig finden“, so Schnepf.

Ein Neubau der Treppe kommt nicht in Frage

Kleinere Umbauten wie der Austausch des Rechens vor der Turbine könne man noch vornehmen, wenn dadurch der Weiterbetrieb des Kraftwerks gesichert würde. Zudem wollen die Stadtwerke „weiterhin die Anlage auf Forderung des Anglervereins zur Hauptwanderzeit der Lachse von April bis Mitte Mai“ außer Betrieb nehmen, um „eine mögliche Gefahr“ für die Junglachse auszuschließen. „Ein Neubau der Fischtreppe kommt für uns aber nicht in Frage“, betont Schneider.