Kriegsstraße
EINE RUNDE SACHE mit klarer Perspektive auf das Ende ist der Umbau der Kriegsstraße für einen Autotunnel und eine oberirdische Gleistrasse in der Kriegsstraße. Mit drei Jahren Verspätung gestartet, laufen die Arbeiten seit über einem Jahr nach Plan. Dieser Stahlkorb wird als Bewehrung eines Betonbohrpfahls senkrecht im Untergrund versenkt. | Foto: jodo

Eingriff am Mendelssohnplatz

Mit dem zweiten Tunnel läuft es besser

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Blick in die Röhre

Karlsruhes Kombi-Bau-Chef Uwe Konrath schaut wieder mit Freuden in die Röhre. Der erste Abschnitt des Autotunnels unter der Kriegsstraße ist in Beton gegossen. Die Bauherrin Kasig und die Arbeitsgemeinschaft der Baufirmen Züblin und Schleith machen beim Tunnelbau unter der Schlagader des Autoverkehrs große Fortschritte: Mit dem 130 Meter langen Abschnitt zwischen Lamm- und Ritterstraße ist nun ein Zehntel des 1,3 Kilometer langen Bauwerks vom Erhardboulevard im Osten bis zum Karlstor im Westen vollbracht.

Drei Abschnitte betoniert

Das ist noch nicht alles: Zum einen ist bereits seit zwei Jahren als Teil des Kombibauwerks unter dem Ettlinger Tor, wo sich U-Strab und Autotunnel höhenfrei unterirdisch kreuzen, ein 25 Meter langes Tunnelstück fertig.

Zum anderen wird dieser Tage ganz im Osten der zweite Tunnelabschnitt inklusive der Ein- und der Ausfahrtrampe entlang des Volksbank-Glaspalasts im Erhardboulevard fertig. Mit diesen 80 Metern sind also insgesamt 235 Meter der von einer Mauer geteilten Röhre vorhanden.

Autotunnel
OPTIMISTISCHER TUNNELBLICK: Uwe Konrath (rechts) und Johannes Häberle stehen in der Röhre beim Nymphengarten. | Foto: jodo

Die große Herausforderung

„Jetzt aber kommt erst die große Herausforderung“, da ist sich Konrath einig mit Johannes Häberle, dem Projektleiter der Kasig für den Umbau der Kriegsstraße. Am Montag beginnen die Arbeiten am Mendelssohnplatz. Dort werden bis November Hilfsbrücken für die Straßenbahngleise errichtet. Bis dahin rollen dort keine Bahnen mehr.

 

Tunnel Erhardboulevard
ENDSPURT im Erhardboulevard: Auch der Ostabschluss des Autotunnels Kriegsstraße mit dem Ausfahrtsportal (rechts) und der Einfahrt neben Volksbank und Listschule ist nach einem Jahr Bauzeit fast fertig. | Foto: jodo

Schleifen um den Knoten

Der Autoverkehr wird anfangs auf der Route Fritz-Erler-Straße/Rüppurrer Straße abgebunden sein. In wenigen Wochen sollen Schleifen eingebaut sein, die eine enge Umfahrung des verbarrikadierten Knotens erlauben, versichert Häberle. Doch nicht nur am Mendelssohnplatz wird nun bis Ende 2019 bei offener Grube ein bis in zehn Meter Tiefe reichender Betontrog eingebracht.

Der Greifer ist zurück

Auf den zwei langen Abschnitten direkt westlich und östlich des Ettlinger Tors haben die Arbeiten für den Tunnel mit schwerem Gerät wie Pfahlbohrmaschine und Schlitzwandgreifer begonnen. Diese Stahlgiganten sind vielen Karlsruhern noch von ihrer langjährigen Tätigkeit auf der Kaiserstraße für den U-Strab-Stationsbau in „guter“ Erinnerung.

Zangenmaul im Abgrund

Mit hohem Aufwand werden auf Höhe des Staatstheaters die provisorischen Fahrbahnen vorbereitet, damit bald in der Mitte der Kriegsstraße die Betonröhre implantiert werden kann. Zwischen dem Ettlinger Tor und der Lammstraße ist man schon weiter. Dort taucht bereits der Schlitzwandgreifer mit dem Zangenmaul in die Tiefe.

Ende 2021 fertig

Seit April 2017 – mit drei Jahren Verspätung auch wegen langer Bedenkzeit des Bundesrechnungshofs – wird die Kriegsstraße umgebaut. Zuvor gab es schon am Ettlinger Tor die Schikane wegen des Kombibauwerks. Konrath und Häberle halten angesichts des Baufortschritts an der Zielvorgabe fest: „Ende 2021 ist der Umbau abgeschlossen.“

Kamin beim „Forum Recht“?

Drei große Aufgaben, die noch nicht angefangen wurden, sind auch noch zu meistern: Erstens geht nach Plan der Bau des westlichsten Tunnelabschnitts mit dem Totaleingriff am Verkehrsknoten „Karlstor“ 2020 los.

Übrigens traf diese Woche bei der Kasig das Gutachten zu dem dort möglichen und in der Öffentlichkeit sehr umstrittenen Tunnelabluftkamin ein. „In den nächsten Wochen fällt dazu die Entscheidung“, erklärt Konrath. Es sei offen, wie sie ausfalle. Stadtbildfreunde, Umweltschützer, Bürger und Politiker sowie vor allem der Bundesgerichtshof lehnen diesen Kamin vehement ab. Zudem plant der Bund beim Bundesgerichtshof in unmittelbarer Nachbarschaft zum möglichen Kaminstandort das nationale „Forum Recht“.

Weiteres Provisorium

Zweitens entstehen erst ab 2019 die Fahrbahnprovisorien auf fertigen Tunnelabschnitten. Dadurch können die Autos dann nach dem Tunneleinbau vorübergehend in der Mitte der Kriegsstraße über der Röhre rollen und ab 2020 die endgültigen oberirdischen Fahrbahnen an den Straßenseiten gebaut werden.

Schienen am Schluss

Und dann fehlen drittens noch die Schienen über dem Tunnel. Nach Plan werden sie 2021 in der Mitte der Kriegsstraße verlegt. In der Konstruktion „Kombilösung“ für einen anderen Straßenbahnverkehr durch die U-Strab spielt die Gleistrasse in der Kriegsstraße verfahrenstechnisch und damit auch für die Zuschussfinanzierung durch Bund und Land die Zentralrolle.

Dagegen ist der faktisch für die Stadtentwickler so wichtige Autotunnel eigentlich nur ein Kombi-Nebenprodukt. Stand heute kostet der Umbau der Kriegsstraße laut Konrath 250 Millionen Euro, die U-Strab liegt bei gut einer Milliarde, was zusammen rund 1,3 Milliarden Euro ausmacht.

 

Kommentar zur Baupolitik

Was geht noch?

Durchatmen bei 15 Grad am Nachmittag. Der Freitag brachte die ersehnte Abkühlung nach dem anhaltend heißen Hochsommer. Jedoch dieser Absturz aus der 30-Grad-Zone gleich um mehr als die Hälfte, das ist dem wetterwendigen Wohlstandsmenschen dann doch gleich zu viel. Aber keine Angst Karlsruher, der Winter ist noch weit. Und an den hitzigen Debatten um das Klima wird sich trotz des Temperatursturzes nichts ändern.

Es geht nicht nur um den Zorn auf die globale Klimapolitik, in welcher auch noch der Anti-Öko-Fundamentalist Trump den Umweltschutz zugunsten von „Wachstum über alles“ pulverisieren will. Es geht den Menschen in der Stadt vorrangig auch um die Klimapolitik in Karlsruhe.

Immer weiter

Die für den Wohnungsbau geforderte Nachverdichtung bringt sie aktuell besonders auf die Palme. Sie wollen kein Grün in der Stadt verlieren, nicht am Fasanengarten der Hardtwaldsiedlung in der Oststadt, nicht in den Grünquartieren der West- oder Südweststadt. Die Gärten sind ihnen unantastbar. Für ihre Atemluft und die Abkühlung wollen viele Bürger jede Grünschneise in der von Asphalt versiegelten Betonboomstadt zur Tabuzone erklären   –  in ihrem Quartier. Anderswo gehe das schon noch. Vielleicht da oder dort, aber auf keinen Fall hier bei ihnen.

Diese Bürger wollen, dass alles überall immer weiter gedreht wird, aber bei ihnen alles so bleibt, wie es ist. Die Träger der Stadtgesellschaft sind stolz: Der Wohlstand nimmt zu. Die Stadt selbst baut wie der Teufel – U-Strab, Stadion, Theater. Und die Einwohnerschaft legt per Prognose für 2030 schon auf 330 000 Köpfe zu.

Wer zahlt den Preis?

Die Stadtpolitik versucht in dem Dilemma zu lavieren: Man sucht Kompromisse, oder wagt dort das, wovor man in einem anderen Stadtviertel einknickt. Aber im Konflikt der Interessen ist eben auch nicht alles machbar: Wer etwas gewinnen will, muss auch den Preis dafür zahlen. Kann und will man das Wachstum auf Kosten der Natur nicht unterbinden, dann verletzt man damit auch die „Grüne Stadt“.

Man weiß, dass man in der Praxis auch mal gegen ein sonst hoch gehaltenes Prinzip verstoßen muss. Dabei ist in Kauf zu nehmen, dass Populisten mit ihren billigen Vereinfachungen zeitweise bei Verunsicherten punkten, die um den Verlust ihrer grünen Existenz fürchten oder Angst vor dem sozialen Abstieg haben.

An der Grenze

Es hilft nichts: Wer nicht mehr mit Flächenfraß den dünnen Naturgürtel um die Großstadt weiter durchlöchern will, der kann auch nicht endlos in der Stadt nachverdichten. Auch innerhalb der selbst ernannten „Grünen Stadt“ sind die Grenzen des Wachstums fast erreicht.