DIie Vielfalt der Haus- und Wohnungstypen in Dammerstock ist beachtlich. Neun Architekturbüros waren unter Leitung von Walter Gropius beteiligt | Foto: Ulrich Coenen

BNN-Serie Dammerstock 3

Mit modernem Zeilenbau zu mehr Licht in den Wohnungen

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Das Bauhaus wird 100 Jahre alt. Wer die bahnbrechenden Bauwerke des Gründungsdirektors Walter Gropius sehen will, muss aber nicht nach Dessau reisen. Dammerstock in Karlsruhe ist eine der modernsten Siedlungen des „Neuen Bauens“. Sie entstand vor 90 Jahren unter der künstlerischen Oberleitung von Gropius. Die siebenteilige Serie „100 Jahre Bauhaus – 90 Jahre Dammerstock“ beschreibt die Hintergründe.

Dies ist Teil 3 der Serie. Hier geht es zu den Folgen 1 und 2.

Gropius gewinnt Wettbewerb

Walter Gropius, der sein Amt als Bauhausdirektor 1928 an den Schweizer Architekten Hannes Meyer übergab, um sich verstärkt seinem Architekturbüro zu widmen, siegte im Wettbewerb für Dammerstock. Als künstlerischer Oberleiter sollte er nun auf der Basis seines Wettbewerbserfolgs den endgültigen Bebauungsplan konzipieren.

Jury vergibt fünf Preise

Nachdem die Jury insgesamt fünf Preise vergeben und drei Ankäufe getätigt hatte, sollte Gropius nach dem Vorbild der etwas jüngeren Stuttgarter Weißenhof-Siedlung, die unter der Oberleitung von Ludwig Mies van der Rohe stand, die besten Ideen der anderen Preisträger in seinen Entwurf einfließen lassen. Der Zweitplatzierte Otto Haesler, einer der führenden Wohnungsbauspezialisten der 1920er Jahre, war maßgeblich an der endgültigen Ausarbeitung des Bebauungsplans beteiligt.

Mehr Wohnqualität durch Zeilenbauweise

Die Kunsthistorikerin Brigitte Franzen, die das bereits in Folge 2 erwähnte umfassende Buch über Dammerstock geschrieben hat, weist darauf hin, dass Haeslers Beitrag zur Bebauung des Geländes in strenger Zeilenbauweise in Nord-Süd-Ausrichtung das Preisgericht beeindruckt hatte. Gropius habe vor allem mit den von ihm entwickelten Wohnungstypen gefallen. Die Zusammenarbeit der beiden Architekten lag also nahe. Dabei kommt der Zeilenbauweise eine besondere Bedeutung für die Wohnqualität zu. Bei der Blockrandbebauung, die bis ins frühe 20. Jahrhundert das Bild der Städte prägte, sind die geschlossenen Häuserfronten an allen vier Seiten von Straßen umgeben. Dadurch ergeben sich die bereits in der ersten Folge erwähnten Hinterhöfe mit ihren problematischen Wohnsituationen, die in den 1920-er Jahren in die Kritik gerieten.

Walter Gropius siegte 1928 im Architektenwettbewerb für die Dammerstock-Siedlung. | Foto: Louis Held, um 1919, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale)

Moderner Städtebau im Dammerstock

Die Zeilenbauweise mit ihren langgestreckten Häuserzeilen, die sich mit der Schmalseite zur Haupterschließungsstraße orientieren, ist eine „Erfindung“ der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Die Zeilen selbst werden durch Fußwege erschlossen. Das Aufbrechen der Blocks erlaubt die Anlage großer Grünflächen und lässt viel Licht in die Häuser fallen. Als frühestes Beispiel gilt die Siedlung Alte Heide von Theodor Fischer in München (1919 bis 1929 ausgeführt). Dammerstock folgt also den modernsten städtebaulichen Tendenzen der Zeit. Vor diesem Hintergrund urteilt Michael Peterek in seiner von der Universität Karlsruhe angenommen und im Jahr 2000 erschienen Dissertation „Wohnung, Siedlung, Stadt“: „Eine solch provokative Siedlung ist im eher bürgerlich-konservativen Land Baden schon ein eigentümliches und zumindest auf den ersten Blick überraschenden Produkt.“

Nur 228 statt 750 Wohnungen

Im Dammerstock waren ursprünglich 750 Wohneinheiten geplant. Ausgeführt wurden aber zunächst nur 228 mit 23 verschiedenen Wohnungstypen. Unter der Leitung von Gropius waren insgesamt neun Büros beteiligt. Drei gemeinnützige Baugesellschaften teilten sich die Bauherrschaft. Die dabei entstandenen Gebäude sind höchst unterschiedlich. Im Dammerstock reicht die Vielfalt vom Geschosswohnungsbau bis zum Einfamilienhaus in Reihenbauweise.

Walter Gropius wird Chefplaner

Als künstlerischer Oberleiter bestimmte Gropius die Grundzüge der Gestaltung aller Häuser und entwarf außerdem ein viergeschossiges und ein fünfgeschossiges Mehrfamilienhaus sowie mehrere zweigeschossige Reihenhäuser mit jeweils 73 Quadratmetern Wohnfläche.

Zahlreiche Haustypen mit einheitlichem Bild

Wegen der Vorgaben des Chefplaners wirkt die Siedlung trotz der zahlreichen Haustypen einheitlich. Alle Gebäude besitzen Flachdächer und glatte weiße Fassaden. Es gibt keine Bauornamentik, allein das Wechselspiel von verputzter Wand und Fenstern, zum Teil auch Fensterbändern gliedert die Flächen. Im Innenraum hatten die Architekten mit denen von ihnen entwickelten unterschiedlichen Wohnungstypen und Grundrisslösungen mehr individuellen Gestaltungsspielraum.

Hier geht es zu Folge 4

Hier geht es zu den Folgen 1 und 2