Ettlinger Tor mit Eisenbahnverkerhr
BESCHRANKT war die Fortbewegung am Ettlinger Tor zwischen 1843 und 1913 durch das Mobilitätswunder Eisenbahn. Die riesige Dampflokomotive mit Kohletender schnauft entlang der Kriegsstraße zum Hauptbahnhof, rechts die Abgänge der Gleisunterführung für die Fußgänger. Die Aufnahme entstand zwischen 1900 und 1913. | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

Häuschen am Tunneleingang

Mit Volldampf auf der „Badisch’ Eisebahne“

Karlsruhes Geschichte ist auch mit 303 Jahren kurz, aber oho – zumindest was das Wechselspiel der Mobilität angeht: Karlsruhe war erst 126, als im 19. Jahrhundert die Bewegung auf Rädern die junge Stadt erreichte und gleich nachhaltig veränderte.

Erste Dampflok  rollt 1843 ein

Kaum war die Eisenbahn 1825 erfunden und 1837 nach Deutschland gekommen, da schnaubte auch schon 1843 die erste schwarze Lokomotive auf der Badischen Staatsbahn in den ersten Hauptbahnhof der Fächerstadt.

Barriere in der Stadt

Die Gleise am Südrand der Kriegsstraße schlossen Karlsruhe an den neuen Transportweg an und riegelten die Residenzstadt nach Süden ab. Als die Industrialisierung vor der Wende zum 20. Jahrhundert das Bevölkerungswachstum explodieren ließ und deshalb die Südstadt als Arbeiterquartier und die Südweststadt aus dem Boden gestampft wurden, war die Eisenbahn mit dem Hauptbahnhof an der Kriegsstraße schon zur innerstädtischen Barriere geworden. Bis zu 17 Stunden am Tag waren die Schranken an der Ettlinger Straße geschlossen – und damit der Verkehr der Kutschen stark behindert.

Tunnel für die Fußgänger

Bevor die Politik gleich zum großen Sprung beim Stadtumbau ansetzte, baute man zunächst auf Tunnel – zumindest für die Fußgänger. Damals eilten die Leute meist auf eigenen Füßen durch die Stadt. Deshalb bekamen sie am Ettlinger Tor eine Unterführung unter den Eisenbahngleisen. Glashäuschen überdachten Eingang und Ausgang des zum Teil mit Majolikafliesen geschmückten Tunnels. Sie standen an der Ostseite der Ettlinger Straße.

Abbrucharbeiten am Ettlinger Tor

Dort lassen die von der Kasig beauftragten Bauarbeiter derzeit keinen Betonbrocken im Untergrund auf dem anderen. Zwischen dem Billing-Bau der Volkswohnung und dem „K.“, dem Infocenter der Kombilösung, beseitigen die Bagger gleich zwei Tunnelsysteme der Vergangenheit (die BNN berichteten).

 

Baustelle Ettlinger Tor
TUNNELABBRUCH für die Kombi-Röhren. Am Ettlinger Tor wird der Rest der Substage-Fußgängerunterführung aus den 60er-Jahren entfernt, während an dem Verkehrsknoten schon die Röhren für die U-Strab und den Autotunnel im Untergrund liegen. | Foto: jodo

Jüngst wurden die Reste der mit Backsteinen gemauerten Eisenbahnunterführung ausgebuddelt und zerdeppert. Jetzt türmen sich die Überreste des „Substage“ am Ettlinger Tor – Betonbrockenberge und Stahlgewöllehügel.

Betontröge aus den 60er Jahren

Damit werden auch die Reste der erst über 50 Jahre alten unterirdischen Betonruine aus dem Boden geholt: Als die Kriegsstraße 1966 am Ettlinger Tor und am Karlstor in Betontröge gelegt wurde, entstanden die Fußgängertunnel, die dann schnell ihre Funktion einbüßten.

Mit den Füßen abgestimmt

Die Menschen wollen nicht durch Tunnel laufen, mit den Füßen haben sie abgestimmt, und die Verkehrspolitik hat sich gewendet. Auch die zwei Fußgängerbrücken über die Kriegsstraße sind gefallen, die Unterführung auf Höhe der Kreuzstraße ist abgebrochen. 2020 werden auch die Reste der Unterführung am Karlstor durch die Kombilösung mit Presslufthammer und Baggerschaufel beseitigt werden.

Unterirdische Ruine auch am Rüppurrer Tor?

Bereits in diesem Sommer aber kann am Mendelssohnplatz der nächste für Karlsruher Verhältnisse antike Gang durch die Arbeiten für den Autotunnel Kriegsstraße aufgestöbert werden. Auch an diesem Knoten, wo einst das Rüppurrer Tor stand, gab es im Eisenbahnzeitalter der Karlsruher Innenstadt einen Tunnel.

Die Fußgänger konnten dort zwischen dem Hauptbahnhof an Stelle des heutigen Staatstheaters und dem Güterbahnhof auf dem Gebiet des heute jungen Quartiers „Südost“ zwischen der Südstadt und dem Dörfle unbehindert von den schwer schnaufenden Dampflokomotiven pendeln.

Elektrische seit 1900

Seit 1877 verbesserte zudem bereits die Straßenbahn die Mobilität im jungen Karlsruhe. Zunächst sorgten Pferde und dann Dampfmaschinen für die Fortbewegung auf Schienen im Nahverkehr.

Ab 1900 bimmelte dann die Elektrische. Zunächst sorgten auch Akkumulatoren auf Wagen für den Strom, doch bald waren die Gleise überall von Oberleitungen überspannt.

Neuer Hauptbahnhof  geht 1913 in Betrieb

Auch in der Ettlinger Straße herrschte schon vor dem Ersten Weltkrieg Straßenbahnbetrieb. Auch die Tram konnte damals die Barriere der Eisenbahnschranken am Ettlinger Tor nicht überspringen. Dies änderte sich 1913, als der noch heute aktuelle Hauptbahnhof eröffnet wurde und die im italienischen Stil gebaute Zentralstation samt ihrer Gleisanlagen an der Kriegsstraße schon nach 70 Betriebsjahren ihre Funktion verloren.

Kombi-Bauwerk  aus zwei Tunneln

Voraussichtlich um 2022 kreuzen sich am Ettlinger Tor höhenfrei die Karlsruher Kombi-Tunnels auf zwei Etagen unter der Erde: Ganz unten mit Bahnsteigen in 20 Meter Tiefe verlaufen die vom Marktplatz kommenden Südabzweiggleise der U-Strab, und darüber liegt der Tunnel für die Autos unter der Kriegsstraße.

Ende des Zugverkehrs in der Kaiserstraße

Für die Verkehrsmittel ändern sich im ungebremsten Fortschritt der Technik und dem immer weiter beschleunigten Mobilitätsverhalten die Zeiten schnell – und das scheint für die Technikstadt Karlsruhe besonders zu gelten: Im neunten Jahr wird das Verkehrssystem der City für mindestens 1,2 Milliarden Euro umgebaut, damit will man die Straßenbahnen aus der Kaiserstraße und ein Großteil der Autos aus der Kriegsstraße verbannen und unter der Erde durch Röhren schicken.

Wieder Gleistrasse für die Kriegsstraße

Gleichzeitig bekommt die Kriegsstraße wie einst vor über hundert Jahren wieder eine Gleistrasse. Ein Comeback für Bahnschranken soll es am Ettlinger Tor aber deshalb nicht geben, versprechen Karlsruhes Kombi-Strategen.

Keine neuen Brücken und Unterführungen für die Fußgänger

Schließlich kehren ja nicht die gewaltigen Dampfloks der Eisenbahn zurück, sondern Niederflurwagen von vermutlich nur zwei Straßenbahnlinien gleiten zwischen einer Mehrfach-Allee im Rasengleis durch die Kriegsstraße. Auf neue Fußgängertunnel oder Fußgängerbrücken könne man dabei also leicht verzichten, hört man bei den Stadt- und Verkehrsplanern von heute.