Das Geräusch sich kreuzender Klingen war immer wieder zu hören beim Mittelalter-Spektakel im Karlsruher Schlossgarten. Die Besucher konnten die ritterlichen Fechtkämpfe aus sicherer Entfernung beobachten
Das Geräusch sich kreuzender Klingen war immer wieder zu hören beim Mittelalter-Spektakel im Karlsruher Schlossgarten. Die Besucher konnten die ritterlichen Fechtkämpfe aus sicherer Entfernung beobachten | Foto: Jodo

fantastisch statt authentisch

„Mittelalterlich Phantasie Spectaculum“ in Karlsruhe: Was fasziniert am Mittelalter?

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Wenn sich rund 1.000 Menschen in mittelalterlichen Gewändern, fantastischen Kostümen und schweren Ritterrüstungen auf einem Festival zusammenfinden, dann muss etwas dran sein an der Faszination für das Mittelalter. Am Wochenende fand in Karlsruhe das „Mittelalterlich Phantasie Spectaculum“ im Schlossgarten statt. Wie sind die Menschen so, die sich bei Sommerhitze in Ritterrüstungen zwängen und bei Gewitterregen in mittelalterlichen Zelten campieren?

Im Schlossgarten sah die Welt am Wochenende ganz anders aus, als gewohnt; Menschen in auffälligen Gewändern oder als Fantasiegestalten verkleidet schlenderten durch eine mittelalterliche Zeltstadt. An Gürteln baumelten Trinkhörner, Äxte oder Schwerter und es roch nach Rauch und Leder. Im Hintergrund war Dudelsackmusik zu hören, in die sich immer wieder kampflustiges Geschrei und das Geräusch von aufeinandertreffenden Schwertern mischte.

Kein Markt, sondern Festival

„Nicht authentisch, sondern fantastisch“ war auf den schwarz-weißen Bannern, die beim „Mittelalterlich Fantasie Spectaculum“ (MPS) manches Zelt zieren, zu lesen. Es ist das Motto, des weltweit größten reisenden Mittelalter-Kulturfestivals, das in etwa 26 Wochen im Jahr in 20 verschiedenen Städten gastiert. Hier darf jeder mitfeiern und sich „gewanden“, wie er möchte – egal ob in mittelalterlicher Tracht, als „Ork“ aus dem Film „Der Herr der Ringe“ oder als selbst kreierte Fantasiefigur. „Mittelalter und Fantasie halten sich beim MPS die Waage“, sagt Pressesprecher Wolfgang Fuck. „Das MPS ist auch kein Mittelaltermarkt, sondern der Festival-Charakter und die Musik stehen hier im Vordergrund. Wir sagen daher: Gewandet euch, wie ihr wollt.“

Geschichtslehrer in glänzender Rüstung

Das „Gewand“ von Jens Schüssler aus Steinen war zwölf Kilogramm schwer. Er kam trotz sommerlicher Schwüle in voller Ritterrüstung auf das Festival. Das Gewicht sei aber gut zu ertragen, sagte Schüssler. „Eine echte Ritterrüstung im Mittelalter konnte gut 30 Kilogramm wiegen.“ Im „echten Leben“ ist Schüssler Geschichtslehrer. Auch da kommt die Rüstung ab und zu zum Einsatz – als Anschauungsmaterial.

Wer hat Angst vorm bösen Wolf?

Frank Linn aus Karlsruhe zog ebenfalls viele Blicke auf sich. Auch Ängstliche. Er trieb mit einer Werwolfsmaske sein Unwesen auf dem Gelände und erschreckte manch arglosen Besucher. „Im 16 und 17. Jahrhundert gab es rund 30 000 Prozesse wegen Werwolferei“, weiß Linn. Auch wenn der Werwolf heute ins Reich der Fantasie gehöre, im Mittelalter sei er zumindest eine sehr reale Angst der Menschen gewesen. Ihn fasziniert an der Mittelalter-Szene besonders die Abwechslung gegenüber dem „schwarz-weißen Alltag“, sagte Linn. „Hier kann man sich richtig ausleben und in verschiedene Rollen schlüpfen.“ Er mag am liebsten die Bösewichte.
  • Frank Linn aus Karlsruhe hatte Spaß daran, die Menschen als Werwolf zu erschrecken.
  • Jürgen Botschek (links) und sein Lehrling Frank sind als Kunstschmiede auf dem Festival. Sie "lagern" auch dort, übernachten also auch in ihrem Zelt.
  • Viele Händler stellen ihre mittelalterlichen Waren aus.
  • Ein Jahr dauerte es, bis das "Ork"-Kostüm fertig war. Über 300 Platten mussten dafür von Hand gebogen werden.
  • Ritterrüstungen und bunte Zelte: Wer auf dem MPS wandelt, fühlt sich in eine andere Zeit versetzt.
  • Rockige Rhythmen mit Dudelsack: "Cultus Ferox" heizten den Festival-Besuchern gehörig ein.
  • Wer einen neuen Bogen braucht, wird bei diesem Händler fündig.
  • Trinkhörner statt Plastikbecher: Solche Trinkgefäße sind beliebt bei den mittelalterlich Gewandeten. Auf dem MPS sah man immer wieder jemanden daraus trinken.
  • "Die heilige Dreischeußlichkeit" führt durch das Programm. "Der Tod" hat während des Festivals jedoch Urlaub und ist nicht beruflich anwesend.
  • Burgfräuleins aus dem Mittelalter und Menschen aus dem 21. Jahrhundert können hier gleichzeitig beim selben Händler einkaufen.
  • Familie Thomas ist seit über sechs Jahren auf Mittelaltermärkten unterwegs. Die Kostüme sind selbst genäht.
  • Aus der Kategorie "Fantasy" kommen diese beiden Gestalten: Eine "Dunkelelfe" aus dem Computerspiel "World of Warcraft" (links) und ein "Ork", angelehnt an den Film "Herr der Ringe".
  • Ein "Wickelzelt" gab es auch. Natürlich stilecht mittelalterlich.
  • Verwunschene Gestalten flanierten über das Gelände und zogen einen kunstvollen Wagen hinter sich her.

Mit Hammer und Amboss

Jürgen Botschek ist mit seinem Lehrling Frank als Kunstschmied und Metallgestalter auch beim MPS dabei. In ihrer Esse brennt Feuer, es gibt einen Amboss und allerlei Werkzeuge zur Metallbearbeitung. Im „richtigen Leben“ arbeiten beide als Elektroinstallateure, Botschek ist sogar Meister. Zum Schmiedehandwerk kam er über seinen Vater, der gelernter Schmied ist und gerne auf Mittelaltermärkten „lagerte“ – also auch im Zelt auf dem Gelände übernachtete. Nun fühle er sich aber „zu alt für’s Lagerleben“, sagte Lehrling Frank. Also führt sein Sohn Jürgen die Tradition fort. Echte Lagerstimmung käme eher bei kleineren Mittelaltermärkten auf, berichtet sein Lehrling weiter. „Hier ist es ja eher ein Festival, gestern war erst um Mitternacht Schluss.“ Am Freitag sei es im Zelt bei dem Unwetter auch feucht gewesen, „aber es ging“.

Von Hand genäht

Familie Thomas aus Kulmbach legt Wert auf Authentizität. Bevor das Foto gemacht werden durfte, musste erst noch die Wasserflasche verschwinden. „Die gab es im Mittelalter nicht“, sagte Andrea Thomas, die als „weiße Frau“ gewandet war – „übrigens von Hand genäht“. Mittelalter ist ein Familienprojekt für Familie Thomas, insgesamt sechs Familienmitglieder machen mit. Sie sind bereits seit etwa sechs Jahren in der Mittelalter-Szene aktiv und besonders von der Atmosphäre auf den Mittelaltermärkten und -Festivals begeistert. „Hier sind alle wie eine Familie“, erklärte Andrea Thomas.

Wenn der Tod Urlaub macht

Etwas unheimlich wirkten auch drei Akteure, die Stammgäste auf dem Festival sind. Sie nennen sich „die heilige Drei Scheußlichkeit“ und führen als „Bruder Rectus, der liderliche Mönch“, „der Tod“ und „der hässliche Hans“ durch das Programm.
Der Tod habe aber während des Festivals Urlaub und „erntet nicht“, erklärte Pressesprecher Fuck. Daher konnten die Besucher auch beruhigt weiterfeiern, als die drei Scheußlichkeiten verkündeten: „Wir wünschen euch alles Erdenkliche. Auch Gutes.“