Konzert im Innenhof: Im Altenpflegezentrum St. Anna Karlsruhe spielen Tobias Krieger, Mathias Stelzer und Vincent Warratz für die Bewohnerinnen und Bewohner des Heims. | Foto: Artis

Karlsruhe, Enzkreis, Pfinztal

Musik trotz Coronavirus: Studenten spielen in Innenhöfen der Region Gratis-Konzerte für Heimbewohner

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„Musik heilt. Musik tröstet. Musik bringt Freude.“ Dieser Slogan des Yehudi-Menuhin-Vereins hat sich wohl zu keiner Stunde so sehr bewahrheitet wie jetzt. Seit Montag hat die Organisation nun schon den zweiten Innenhof eines Heims mit Musik beglückt – mit einem Konzert unter freiem Himmel.

Dargeboten von drei Musikstudenten aus Karlsruhe und Stuttgart, die nicht weniger nach einer Gelegenheit wie dieser lechzten wie die seit geraumer Zeit von der Außenwelt abgeschotteten Menschen in den Alterspflegeheimen.

Es ist auch für uns ein wahrer Segen, wieder zusammen spielen zu dürfen.

Hornist Mathias Stelzer

Ausgehungert sind ja momentan irgendwie beide Seiten, wenn es um das echte Konzerterlebnis geht. Oder wie es der Hornist Mathias Stelzer verkündet, bevor er mit seinem Trio zum nächsten Ton ansetzt: „Es ist auch für uns ein wahrer Segen, wieder zusammen spielen zu dürfen“, so der Blechbläser, der an der Musikhochschule in Stuttgart studiert.

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Trio mit Abstand

Es blitzt das Blech, das Wasser am Brunnen rauscht und ein paar Vögel zwitschern, als würden sie mit einstimmen wollen in das intime Glück an diesem sonnigen Nachmittag im Altenpflegezentrum St. Anna. Am Tag zuvor spielten sie in gleicher Mission im Altenpflegeheim Remchingen. Am Mittwoch geht es zu Menschen mit Behinderung ins Martinshaus in Berghausen.

Eigentlich sind Mathias Stelzer und die beiden Kollegen mit Posaune und Trompete von der Karlsruher Musikhochschule – Vincent Warratz und Tobias Krieger – mit zwei weiteren Blechbläsern im Quintett unter dem Ensemble-Namen „Karidion Brass“ unterwegs. Sie haben aber genügend Arrangements auch für kleinere Besetzungen in ihrem Notenfundus, um für Auftritte wie solche gewappnet zu sein, die viel lauter gar nicht sein müssen.

Ein großer Funken Glück

Mal mit warmem und zarten Klang, ein andermal kernig und sonor stimmen sie für ihr Publikum auf den Balkonen und an den Fenstern ein vielseitiges Programm mit Musik aus gut drei Jahrhunderten an. Den Auftakt macht ein altbekannter „Schlager“, zu dem auch gleich eifrig die Arme geschwungen wird: Marc-Antoine Charpentiers (1643 bis 1704) „Te Deum“ – die „Europahymne“.

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So schnell können Herzen höher schlagen. Weiter geht es mit der ebenso beliebten „Habanera“ aus der Oper „Carmen“ von George Bizet (1838 bis 1875). Ein „Irish Traditional“ gehört ebenso ins Programm aus insgesamt acht Kompositionen wie der „Whoopee Blues“ von Jürgen Jahn. Wo die Originalkomposition für eine andere Besetzung bestimmt wäre, hat Bernhard Bagger ein passendes Arrangement für Blechbläser geschaffen.

Können Sie auch einen Boogie Woogie spielen, oder was von Glen Miller vielleicht?

Frage einer älteren Dame

Genüsslich räkeln sich die Bewohnerinnen und Bewohner in eigens und auf viel Abstand zum Trio platzierten Liegestühlen im Hof oder auf dem Balkon. Und werden sogar ein bisschen sehnsüchtig.

„Können Sie auch einen Boogie Woogie spielen, oder was von Glen Miller vielleicht?“, fragt eine ältere Dame vergnügt. Ein Wunschkonzert ist es leider nicht, aber ein großer Funken Glück für die Bewohnerinnen und Bewohner, die seit Wochen zum Schutz vor dem Coronavirus ohne Besuch leben.

Das Wetter spielt mit

Das Wetter spielt mit. Sonst wäre diese Aktion nicht durchzuführen. Aber sie kommt wie gerufen: „Für uns ist das eine Bereicherung“, sagt Thomas Mühlhausen, der Leiter des Altenpflegezentrums St. Anna. „Die Stimmung ist ja nicht gerade rosig zur Zeit. Ostern war wirklich schlimm. Gar kein Besuch…“ Mühlhausen schüttelt den Kopf. Für das Heim ist dieses Ereignis aber in mehrfacher Hinsicht eine Premiere.

Zwar gibt es gelegentlich Konzerte in der Kapelle oder in anderen Räumlichkeiten. „Aber nie so wie jetzt draußen und ohne Publikum.“ Das aber tummelt sich zahlreich auf den Balkonen, macht Fotos und wippt mit.

Wir wollen klassische Musik den Menschen näher bringen, die aufgrund ihrer Lebenssituation nicht in der Lage sind, Konzerte zu besuchen.

Alice Dodd, Vorsitzende Verein „Yehudi Menuhin – Live Music Now Oberrhein e. V.“

Auch Alice Dodd geht sichtlich das Herz auf. Die Vorsitzende des Vereins „Yehudi Menuhin – Live Music Now Oberrhein e. V.“ freut sich, beiden Seiten helfen zu können: den Studierenden, die ja über lange Zeit keine Möglichkeiten hatten, mit Konzerten Geld zu verdienen. Aber auch, Musik an Orte zu bringen, an denen sonst keine Musik erklingt.

„Wir wollen klassische Musik den Menschen näher bringen, die aufgrund ihrer Lebenssituation nicht in der Lage sind, Konzerte zu besuchen“, so das Ziel des Vereins, das er auch vor der Corona-Pandemie schon seit seiner Gründung im Jahr 2000 verfolgt. Jetzt aber „con affetto“ – wie es in der Musik so schön heißt, wenn etwas besonders bewegend klingt. Geplant sind weitere Hofkonzerte in Einrichtungen der Region.

Manche Betreiber seien noch etwas zurückhaltend, bemerkt Dodd und vermutet dahinter die Angst, dass die Blechbläser mit ihrer Musik auch Corona in die Häuser bringen könnten. Aber diese Sorge ist unbegründet: Gespielt wird zwar mit großem Atem, aber weit entfernt vom Publikum.

Oder in Etagen gesprochen: Erde an Balkon.

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