Verstärkte Polizeipräsenz: Der Karlsruher Europaplatz ist ein Treffpunkt für Gruppen mit einem hohen Aggressionspotenzial. Deshalb ist die Polizei oft vor Ort.
Verstärkte Polizeipräsenz: Der Karlsruher Europaplatz ist ein Treffpunkt für Gruppen mit einem hohen Aggressionspotenzial. Deshalb ist die Polizei oft vor Ort. | Foto: Archivfoito: jodo

Brennpunkte in der Region

Nach Gewaltnacht: „Karlsruhe ist nicht Stuttgart, aber wir sind sensibilisiert“

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Nach der Gewaltnacht von Stuttgart hat der Pforzheimer Bundestagsabgeordnete Gunther Krichbaum (CDU) die Ausschreitungen verurteilt. In einer Stellungnahme kam er auch gleich auf Pforzheim zu sprechen: Die Gewaltexzesse in der Pforzheimer Nordstadt seien genauso zu verurteilen.

Dort waren gegen ein Uhr in der Nacht zum Sonntag zwei Autos in Brand geraten. Die Polizei geht von Brandstiftung aus. Einen Zusammenhang zu den Ereignissen in der Landeshauptstadt kann die Polizei bisher nicht herstellen. „Es gibt dazu keine Erkenntnisse, wir können nicht spekulieren“, sagt ein Polizeisprecher.

Pforzheim führt Sicherheitskonzept „Leo“ ein

Eine bekannte Problemzone in der Pforzheimer City war lange der Leopoldplatz. Dort versammelten sich regelmäßig vor allem junge Männer – und es gab häufig Konflikte und Schlägereien. Vor über einem Jahr wurde das Sicherheitskonzept „Leo“ eingeführt. Verstärkte Polizeipräsenz und der Einsatz von Sozialarbeitern entspannten die Lage merklich. Wobei die Polizei nicht gerne von Brennpunkten spricht: Die Kriminalität verteile sich gleichmäßig auf die Stadt. Laut Statistik ist die Lage in Pforzheim besser als mancher ahnt: Die Goldstadt ist demnach die zweitsicherste Großstadt im Südwesten.

Drei Hotspots in Karlsruhe

In der Karlsruher Innenstadt gibt es nach Angaben des Polizeisprechers Raphael Fiedler drei Hotspots. „Dazu gehören der Europaplatz, Teile der östlichen Kaiserstraße sowie weitere Innenstadtbereiche rund um die Amalienstraße.“ Die Fächerstadt sei allerdings mit Stuttgart nicht zu vergleichen. Den Effekt, dass sich Gruppen am Rande eines Polizeieinsatzes zusammenschließen und gemeinsam gegen die Polizisten pöbeln oder sich respektlos verhalten, sei auch hier immer mal wieder zu beobachten.

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„Gruppen, die sich sonst anfeinden, haben plötzlich ein gemeinsames Feindbild. Aber in dieser Dimension und Größenordnung ist das noch nicht passiert.“ Dennoch sei man durch die Ereignisse von Stuttgart sensibilisiert. „Es wäre naiv zu glauben, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Stuttgart ist viel größer, aber das heißt ja nicht, dass das in kleinerem Maße nicht auch hier vorkommen kann.“

Kehl hat leidvolle Erfahrungen

Wie es ist, wenn eine Menschenmenge zur randalierenden Meute wird – damit haben auch die Kehler ihre Erfahrungen. Stacheldraht über Schwimmbad-Zäunen erinnert die Bürger an den Ausnahmezustand im heißen Sommer 2019. Jugendgruppen provozierten damals gleich mehrfach, dass die Polizei die Freibäder räumen musste. Sie belästigten und bedrohten Badegäste – und als wegen Überfüllung kein Gast mehr ins Bad gelassen wurde, versuchten sie es zu stürmen, deshalb der Stacheldraht.

„Wir haben damals auch Unterstützung vom Land bekommen, die Polizei war drei Wochen lang bei uns präsent“, erinnert sich Annette Lipowsky, Sprecherin der Stadt Kehl. Bis zu zwölf Sicherheitsleute heuerte die Kommune zusätzlich an. Unruhestifter waren Jugendliche aus dem Raum Straßburg, vor allem solche mit nordafrikanischen Wurzeln. „Aber die meisten von denen sind in Frankreich geboren, zum Teil schon die Eltern“, betont die Stadtsprecherin. „Wir haben gewonnen“, so sangen die Randalierer triumphierend auf Französisch, nachdem sie die Polizeieinsätze ausgelöst hatten.

In den Straßburger Stadtvierteln gebe es rivalisierende Jugendgruppen, die sich häufiger zu Keilereien verabredeten: „Sie haben ihre Kraftproben zu uns verlegt“, sagt Lipowsky. In den Griff gekriegt habe die Stadt die Lage mit mehreren Maßnahmen: strengere Baderegeln, Kontrollen und eine enge Kooperation mit der französischen Polizei, die schon in den Straßenbahnen kontrollierte. „Ausländische Polizei genießt weniger Respekt als die im eigenen Land“, sagt Lipowsky.

In den Kehler Freibädern war früher Shisha-Rauchen und Baden in Shorts erlaubt. „Die Jugendlichen sagten selbst: In Kehl kann man sich viel besser gehen lassen“, berichtet Lipowsky. Das ist inzwischen tabu – und am Mittwoch berät der Gemeinderat über das künftige Sicherheitskonzept. Auch Rauchen und Alkohol wären laut Vorlage dann verboten.

Das sagen die Stuttgarter zu den Krawallen: