Entsetzt über den Anschlag in Hanau: Sami Mahmod in der Dunya Shisha Bar in der Karlsruher Innenstadt.
Entsetzt über den Anschlag in Hanau: Sami Mahmod in der Dunya Shisha Bar in der Karlsruher Innenstadt. | Foto: Makartsev

Politik

Nach rassistischem Terror in Hanau: Karlsruher fühlen sich sicher, sind aber besorgt

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Zwei Worte reichen, um die Stimmung in Karlsruhe am Tag nach dem rassistischen Anschlag in Hanau mit zehn Toten zu beschreiben: Keine Panik. Ein schreckliches Verbrechen wie dieses könne doch jederzeit, überall passieren, hört man von vielen Menschen in der Innenstadt. Dass eine rechtsextremistisches Verbrechen hier viele Opfer fordern könnte, glauben die Karlsruher aber dann doch wieder nicht.

„Was soll ich sagen? Schlimm. Alles für den Arsch, was der Typ gemacht hat.“ Der grimmige Mitarbeiter der Black & Gold Shisha Lounge an der Amalienstraße hat aber eigentlich weder Zeit noch Lust zu erzählen, ob er sich jetzt in seinem Laden unsicher fühlt.

Dafür will ein junger Mann nebenan über die Bluttat in Hanau reden, der sich gerade auf einem Ledersessel in eine Wolke von Pfeifenrauch eingehüllt hat. „Solch ein Verbrechen trifft nicht nur Ausländer, es gehen ja auch viele Deutsche in die Shisha-Bars“, sagt Deniz (Name geändert).

Angst und Schock nach der Tat in Hanau

Der 21-Jährige ist Deutscher mit türkischen Wurzeln, gerade arbeitslos. Deniz gibt zu, dass die Berichte aus Hessen ihm Angst machen. Allerdings will er sich durch nichts und keinen davon abhalten, in Frieden an seiner Pfeife zu ziehen. Auch von Terroristen nicht. „In Karlsruhe ist ohnehin alles friedlich. Die Türken und Kurden geben zu allem ihren Senf dazu“, sagt er lachend, „aber die tun nichts Böses“.

Nebenan im „Kolo Kebap Haus“ zeigt sich Halit Comez schockiert von der Nachricht. „Wie damals in Solingen“, sagt nachdenklich der Mann. Einige der Opfer des Mordanschlags von 1993 in der nordrhein-westfälischen Stadt seien Freunde seines Vaters gewesen, sagt Comez. Er hat kein gutes Bild von seinen Mitbürgern, egal welcher Nationalität. „Die Menschen sind aggressiv, sie haben keinen Respekt. Alle. Sobald Alkohol ins Spiel kommt, gibt es Probleme.“

Der Restaurantbesitzer erzählt von betrunkenen Besuchern, die „Scheiß Döner“ brüllen und höhnisch den Akzent seiner pakistanischen Mitarbeiter nachmachen. „Es gab auch schon eine große Schlägerei bei uns, so vor vier Jahren.“

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Sorge wegen des zunehmenden Rechtsextremismus

Comez fühlt sich von der Polizei sehr gut beschützt, und dennoch macht er sich Sorgen, dass der Rechtsextremismus immer mehr Nährboden in Deutschland finden könnte. „Das hat was mit der Aufnahme von Flüchtlingen zu tun“, glaubt er.

Sami Mahmod trinkt seinen Espresso in der Dunya Bar an der Kaiserallee und schaut Nachrichten auf dem Handy. „Ich fühle mich nicht unsicher in Deutschland. Auch jetzt nicht“, sagt der Iraker, der seit über 20 Jahren im Südwesten lebt.

Er hat aber Bedenken. „Der BND hat gut gearbeitet, doch in letzter Zeit haben die Behörden nachgelassen. Wie kann es sein, dass dieser Mann eine Schusswaffe besitzen durfte?“ Auch Mahmod bringt rassistische Taten wie die in Hanau mit der Flüchtlingsfrage in Verbindung. „Die Islamophobie hat angefangen, als Merkel die vielen Ausländer einreisen ließ“, ist er überzeugt.

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Bundesanwaltschaft: Tat hatte einen rassistischen Hintergrund

Fakt ist: Nach den bisherigen Ermittlungen der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hat der 43 Jahre alte deutsche Staatsangehörige Tobias R. am 19. Februar 2020 gegen 22 Uhr neun Menschen in Hanau in den Bereichen Heumarkt, Kesselstadt sowie Kurt-Schumacher-Platz erschossen. Das teilte die Behörde am Donnerstagnachmittag mit.

Die Opfer waren zwischen 21 und 44 Jahren alt. Sie hatten ausländische und deutsche Staatsangehörigkeiten. R. verletzte zudem mehrere Personen, eine von ihnen lebensgefährlich.

Ein Sondereinsatzkommando der Polizei durchsuchte die Wohnung von R. nach der Tat. Die Beamten fanden den Verdächtigen sowie dessen 72-jährige Mutter tot auf. Beide wiesen Schussverletzungen auf. Neben R. lag eine Schusswaffe.

Sein Vater wurde von den Polizeibeamten äußerlich unverletzt angetroffen. „Es liegen gravierende Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat vor“, heißt es in der Pressemitteilung weiter.

Mit den weiteren Ermittlungen sei inzwischen das Bundeskriminalamt beauftragt worden.

Sorgen um die Kundschaft

Dritte Shisha-Bar in Karlsruhe einen Tag nach der Tat, gleiches Entsetzen. „Es könnte jeden treffen, auch bei uns“, sagt der junge Mitarbeiter, nachdem er die Nachricht von Hanau verdaut hat. Er möchte lieber anonym bleiben. „Karlsruhe ist sehr friedlich, und es wird auch so bleiben. Ich kenne jeden hier, und die Leute lösen ihre Konflikte zivilisiert“, versichert der Mann.

Er ist besorgt, dass der Anschlag Auswirkungen auf sein Geschäft haben könnte: „Die Leute werden jetzt wohl weniger in die Shisha-Bars gehen.“