Luftbild Karlsruhe
EINE „GRÜNE STADT“ soll Karlsruhe nach dem Willen der Stadtpolitik sein und bleiben. Kritiker sehen allerdings durch die Nachverdichtung, die Bebauung von Lücken in der Kernstadt, eine Betonwüste kommen. Unbestritten sind Naturzonen wie der Hardtwald (oben) und die vielen grünen Inseln in der Blockbebauung für das Stadtklima von großer Bedeutung. | Foto: Archivfoto: jodo

Stadt will Wachstum steuern

Nachverdichtung nur nach Klimaplan?

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„Nachverdichtung“ ist ein aktuelles Reizthema für die Karlsruher und ihre Stadtpolitik. Die BNN berichteten jüngst mehrfach von Projekten, die den Quartierscharakter einschneidend verändern können und auf starken Protest in der Bevölkerung stoßen.

Einerseits wird besonders der Wohnungsbau in Lücken der Häuserzeilen und auf Garagenhöfen besonders für die Kernstadt propagiert, da sich der Stadtfächer trotz Wachstumsboom der Badenmetropole nicht mehr in die Reste der Naturflächen auf der knappen Gemarkungsfläche fressen soll. Andererseits warnen Ökologen und empörte Nachbarn der Projektflächen vor einer stärkeren Bodenversiegelung und einem Verbarrikadieren der letzten Frischluftschneisen.

Im Prinzip: Ja

Die Stadtverwaltung folgt jetzt dem Vorstoß der Kult-Fraktion, und der Gemeinderat hat dem neuen Kurs zugestimmt. Zu dem geforderten „allgemein gültigen Bebauungsplan für die Kernstadt“ auf der Basis der Klimabeschlüsse des Gemeinderats verspricht die Stadtspitze: „Das Thema anzugehen, ist aus Sicht der Stadtverwaltung in jedem Fall wichtig und zu forcieren.“

Leider habe das Stadtplanungsamt aber derzeit nicht genügend Kapazitäten, „um die Bearbeitung dieser Fragestellung zeitnah zu starten“. Man werde aber dieses Bebauungsplanprojekt zur Grundsatzregelung für Nachverdichtungsvorhaben, „in Abhängigkeit von den Personalressourcen im Laufe von 2019 vorsehen“, erklärt das Bürgermeisteramt.

Fächerstadt im Mittelfeld

Dabei schneidet Karlsruhe beim Grad der Versiegelung im Vergleich von 50 Großstädten Deutschlands derzeit relativ gut ab. Die Fächerstadt nimmt dort Rang 31, also einen Mittelfeldplatz, ein. Dies berichtet Spiegel online von einer Untersuchung der VdS Schadenverhütung GmbH zu den 50 größten deutschen Städten. Sie wurde im Auftrag des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft erstellt.

Demnach beträgt der Versiegelungsgrad der Fächerstadt 27 Prozent. Den negativen Spitzenwert der Betonstädte hat München (Platz eins) mit 47 Prozent, während Potsdam (50) mit einem Versiegelungsgrad von nur 13 Prozent am lockersten bebaut ist.

 

Regen am Friedrichsplatz
STRARKREGEN durch Klimawandel kann eine völlig versiegelte Stadt überschwemmen, dann würde es nicht bei der Riesenpfütze auf dem Friedrichsplatz bleiben. | Foto: Archivfoto: jodo

Gegen Überhitzung

Die Kult macht sich mit ihrem Antrag zum Anwalt vieler Bürger, die keine Verschlechterung des großstädtischen Mikroklimas und ihrer Wohnverhältnisse hinnehmen wollen. „Die Stadtverwaltung bezieht bei der Nachverdichtung die Klimabeschlüsse des Gemeinderats sowie die Interessen dort in direkter Nachbarschaft lebenden und arbeitenden Menschen intensiver in die Planung ein“, fordert die Kult-Fraktion.

Deshalb müsse die Stadt „für die Kernstadt einen allgemein Bebauungsplan aufstellen, der entsprechende Vorgaben festschreibt“. Sie bezieht sich dabei auf den „Städtebaulichen Rahmenplan zur Klimaanpassung“. Mit dessen Beschluss habe man den „stadtklimatischen Belangen eine besondere Bedeutung“ beigemessen.

Der Klimaschutz rangiere folglich „gleichrangig neben der Wohnraumbeschaffung im öffentlichen Interesse“. Eine unkoordinierte Nachverdichtung bedrohe nun die Ziele und könnte zu einer Überhitzung Karlsruhes mit entsprechendem Verlust an Lebensqualität führen. Die Stadtverwaltung räumt ein, dass bei Nachverdichtungsvorhaben ohne Bebauungsplanverfahren „klimatische Maßnahmen rechtlich nicht eingefordert werden können“.

Versiegelung

Den Versicherern geht es bei der von Spiegel online veröffentlichten Studie zur Versiegelung um die Objektivierung der jeweiligen Gefahr in den 50 deutschen Großstädten durch Starkregen bei der Klimaveränderung. Kann doch bei hohem Versiegelungsgrad das Wasser nicht versickern, und drohen dadurch Überschwemmungen mit Wasserschäden an den Gebäuden.

Ausgerechnet die so beliebte „Weltstadt mit Herz“ ist die Betonstadt Nummer eins. Laut Untersuchung der VdS Schadenverhütung GmbH sind dort trotz des Englischen Gartens 47 Prozent des Stadtgebiets bebaut oder asphaltiert. Hinter dem Negativspitzenreiter rangiert Oberhausen mit 44 Prozent Versiegelungsgrad.

Auf dem Bronzeplatz folgt Hannover mit 43 Prozent. Schlecht schneiden auch Ludwigshafen mit 42 und Mannheim mit 40 Prozent ab. Berlin ist zu 39 Prozent versiegelt (Platz zehn). Stuttgart liegt mit 32 Prozent auf Platz 24. Karlsruhe schneidet da auf der Negativliste mit 27 Prozent und Platz 31 viel besser ab.

Allerdings wird die Fächerstadt deutlich von Heidelberg mit 19 Prozent auf Platz 45 und Freiburg 18 Prozent (Rang 49) distanziert. Der Versicherungsverband fordert die Städte auf, „die Gefahr extremer Regenfälle in ihrer Stadt- und Landschaftsplanung zu berücksichtigen“.