Das frühere Kaufhaus der Geschwister Knopf in Karlsruhe ist ein Werk von Wilhelm Kreis. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er als Vertreter der traditionellen Moderne zu den erfolgreichsten Architekten in Deutschland. | Foto: Ulrich Coenen

BNN-Serie Dammerstock 5

Nazis beschimpften Dammerstock als „Klein-Jerusalem“

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Das Bauhaus wird 100 Jahre alt. Wer die bahnbrechenden Bauwerke des Gründungsdirektors Walter Gropius sehen will, muss aber nicht nach Dessau reisen. Dammerstock in Karlsruhe ist eine der modernsten Siedlungen des „Neuen Bauens“. Sie entstand vor 90 Jahren unter der künstlerischen Oberleitung von Gropius. Die Serie „100 Jahre Bauhaus – 90 Jahre Dammerstock“ beschreibt die Hintergründe.

Dies ist Teil 5 der Serie. Hier geht es zu Folge 4.

Zuwachs für Rechtsradikale

Nach dem „Schwarzen Donnerstag“ an der New Yorker Börse am 24. Oktober 1929 war alles anders. Die „Goldenen 20er Jahre“ der Weimarer Republik waren vorbei, die Welt steckte in einer verheerenden Wirtschafskrise. Der Weiterbau der Dammerstock-Siedlung wurde aus Geldmangel eingestellt. Es blieb bei 228 von ursprünglich 750 geplanten Wohnungen. Mit der wachsenden Not der Bevölkerung in Deutschland erstarkten die rechtsradikalen Kräfte. Bei der Reichstagswahl 1928 hatte die NSDAP nur 2,6 Prozent erreicht, 1930 waren es bereits 18,3 und 1932 sogar 27,4. Damit stellten die Nazis die größte Fraktion im Reichstag. Sie hassten das Bauhaus und das Neue Bauen ebenso wie die moderne Kunst. Alexander von Senger, 1931 Gründungsmitglied im nationalsozialistischen Kampfbund Deutscher Architekten und Ingenieure, prägte den Begriff vom „Baubolschewismus“, der sich speziell gegen Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe, seit 1930 als Nachfolger von Hannes Meyer der letzte Direktor des Bauhauses vor seiner Auflösung durch die Nazis 1933, richtete.

Walter Gropius war nicht nur künstlerischer Oberleiter für die Siedlung Dammerstock. Er hat auch Reihenhäuser entworfen. | Foto: Ulrich Coenen

Klein-Jerusalem und Araberdorf

Die Dammerstock-Siedlung war ebenso wie die berühmtere Weißenhof-Siedlung in Stuttgart bereits nach ihrer Eröffnung rechtsradikalen Verunglimpfungen ausgesetzt. „Jammerstock“ war dabei eine der harmloseren Bezeichnungen. Üble Beschimpfungen wie „Klein-Jerusalem“ lassen deutlich antisemitische Tendenzen erkennen. Die Weißenhof-Siedlung wurde wegen ihrer Flachdächer und der weißen Fassaden mit einem „Araberdorf“ verglichen.

Verengter Blick auf Moderne

Weil die Architektur des Bauhauses nach dem Zweiten Weltkrieg in den Internationalen Stil mündete und sich weltweit durchsetzte, ist der heutige Blick auf die Weimarer Zeit stark auf das Bauhaus verengt. Dessen Architekten, Entwürfe und Ideen waren zwar revolutionär, sie prägten aber keineswegs Architektur und Stadtplanung der 1920er und frühen 1930er Jahre. Die am besten beschäftigten Architekten dieser Zeit waren Paul Bonatz, nach dessen Plänen der 1922 eröffnete Stuttgarter Hauptbahnhof entstand, und Wilhelm Kreis, in Baden vor allem durch das Kaufhaus der Geschwister Knopf (heute Karstadt) in Karlsruhe und das Schlosshotel Bühlerhöhe an der Schwarzwaldhochstraße bei Bühl (beide 1912 bis 1914) bekannt. Beide waren Vertreter der traditionellen Moderne, zu der ebenfalls der bereits in Folge 2 erwähnte Paul Schmitthenner gehörte. Obwohl die 1920er Jahre wegen der Konkurrenz dieser beiden Fraktionen zu den fruchtbarsten Epochen deutscher Architekturgeschichte gehören, war die gegenseitige Abneigung, die bis zum Hass reichte, riesengroß.

Das Schlosshotel Bühlerhöhe an der Schwarzwaldhochstraße bei Bühl ist ein Werk von Wilhelm Kreis. Die Talseite orientiert sich am Vorbild von Schloss Stupinigi bei Turin. | Foto: Ulrich Coenen

Anbiederung beim NS-System

Nach der Schließung des Bauhauses 1933 versuchten die beiden früheren Direktoren Gropius und Mies van der Rohe die peinliche Anbiederung an das NS-System. Zwar wird Propagandaminister Joseph Goebbels ein Faible für modernes Bauen nachgesagt, doch sein „Führer“ Adolf Hitler wollte eine Blut-und-Boden-Architektur. Gentleman Gropius zog die Konsequenzen und emigrierte 1934, während Mies noch bis 1938 vergeblich bei den braunen Machthabern sein Glück versuchte, bevor auch er Deutschland verließ.

Im Dienst des Vichy-Regimes

Das Ansinnen, das Neue Bauen in den Dienst des sogenannten Dritten Reiches zu stellen, ist nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. In Mussolinis faschistischem Italien entstanden zahlreiche moderne Bauwerke, auch Le Corbusier stellte sich in Frankreich 1941 als Verantwortlicher für Städtebau in den Dienst des faschistischen Vichy-Regimes.

Architektur des Größenwahns

Doch Hitler, der seinen Baumeister Albert Speer im Größenwahn in Berlin ein Germania in monumentalen Formen planen ließ, verabscheute die Moderne. Für Staatsarchitektur griff er auf neoklassizistische Formen zurück, für die Speer stand, ansonsten bevorzugte er die traditionelle Moderne, die teilweise wegen ihrer Rezeption regionaler Bauformen auch Heimatschutzarchitektur genannt wird. Das hatte Folgen für Dammerstock.

wird fortgesetzt

Hier geht es zu Folge 1 und 2.

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