In den Formen der traditionellen Moderne wurde in Dammerstock nach 1933 weitergebaut. Der Bauhaus-Stil war bei den neuen Machthabern verhasst. | Foto: Ulrich Coenen

BNN-Serie Dammerstock 6

Nazis schimpfen über „Architektur-Bolschewisten“ im Dammerstock

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Das Bauhaus wird 100 Jahre alt. Wer die bahnbrechenden Bauwerke des Gründungsdirektors Walter Gropius sehen will, muss aber nicht nach Dessau reisen. Dammerstock in Karlsruhe ist eine der modernsten Siedlungen des „Neuen Bauens“. Sie entstand vor 90 Jahren unter der künstlerischen Oberleitung von Gropius. Die Serie „100 Jahre Bauhaus – 90 Jahre Dammerstock“ beschreibt die Hintergründe.

Dies ist Teil 6 der Serie. Hier geht es zu Folge 5.

Nazis drängen Bürgermeister aus Amt

Hitlers Kulturpolitik hatte ab 1933 verheerenden Auswirkungen auf Architektur und Stadtplanung, gerade auch in Karlsruhe. Zunächst zwangen die Nazis den von ihnen diskreditierten Baubürgermeister Hermann Schneider, den politischen „Vater“ der Dammerstock-Siedlung und des Rheinstrandbades Rappenwörth, zum Rücktritt. Das unvollendete Dammerstock wurde in völlig anderen Formen „vollendet“.

Polemik über „Orientkasernen“

Die weitere Baugeschichte der Siedlung lässt sich mit Hilfe des 1997 vom Badischen Landesmuseum herausgegebenen Ausstellungskatalog „Neues Bauen der 20er Jahre“, insbesondere des dortigen Aufsatzes des heutigen Konstanzer Baugeschichte-Professors Andreas Schwarting, nacherzählen. Wegen der Weltwirtschaftskrise wurde in Dammerstock in der Spätphase der Weimarer Republik (1930 und 1931) nur ein einziger Wohnblock im Auftrag der Hardtwaldsiedlung errichtet, der sich weitgehend an den Richtlinien von Gropius orientierte. Ab 1934 ließen die neuen Machthaber in einem anderen Sinne weiterbauen. Vorbereitet hatten sie das bereits ein Jahr zuvor mit einer fünfteiligen Artikelserie in ihrem Propagandablatt „Der Führer“. „Das Äußere ist furchtbar, Orientkasernen, die wie abgebrannte Häuser aussehen“, schreibt der anonyme Autor. Gropius wird als „Architektur-Bolschewist“ verunglimpft.

Satteldach statt Flachdach

In den Jahren 1934 und 1935 wurde in Dammerstock in der Heidelberger Straße und der Straße Rechts der Alb gebaut. Mit einem Doppelhaus war der Karlsruher Architekt Alfred Fischer beteiligt, der bereits unter der Leitung von Gropius an der ursprünglichen Dammerstock-Siedlung mitgewirkt hatte. Die neuen Häuser sind aber viel konventioneller, sowohl im Hinblick auf die Fassadengestaltung als auch auf den Grundriss. Statt des Flachdachs tragen die Neubauten ein Satteldach, allerdings mit einer recht geringen Neigung. Ein totaler Bruch mit den Gestaltungsrichtlinien von Gropius und Haesler wird (noch) vermieden.

NSDAP fordert Abriss der Dammerstock-Siedlung

Später wurde deren städtebauliches Konzept unter der Bauherrschaft der „Gemeinnützigen Aktiengesellschaft für Angestellten Heimstätten“ (Gagfah) komplett aufgegeben. In einer Stadtratssitzung am 27. Oktober 1934 ging es hoch her. NSDAP-Kreisleiter Willi Worch forderte das Ende der Zeilenbauweise und den Abriss der Bestandsbauten. Zumindest deren Aufstockung mit Satteldächern wurde ernsthaft geprüft, scheiterte aber am Geld.

Die Neubauten im Dammerstock in der Zeit des sogenannten Dritten Reichs erhielten Satteldächer. Das Foto zeigt den Bussardweg. | Foto: Ulrich Coenen

Fahrstraßen statt Fußwege

Im nördlichen Bereich von Dammerstock (Sperberweg, Bussardweg, Falkenweg) wurden unter der Bauherrschaft der Gagfah freistehende Einfamilienhäuser und Doppelhäuser errichtet. Die Zeilenbauweise wurde aufgeben, ebenfalls die Erschließung durch Fußwege. Nun wurden wieder Fahrstraßen angelegt. Die traditionellen Grundrisse der Wohnungen heben sich bewusst von denen aus der Ära Gropius ab. Mit Haeslers revolutionärem „Kabinengrundrisse“ von 1929 haben sie nichts mehr gemein. Die steilen Satteldächer setzen einen deutlichen Kontrapunkt zu den verhassten Flachdächern.  Die Pläne der Gagfah weisen gewisse Parallelen zur nationalsozialistischen Mustersiedlung in München-Ramersdorf (1934) auf.

Anheimelnde Behaglichkeit

Noch gravierender sind die Unterschiede im Areal nördlich der Nürnberger Straße, das ab 1937 bebaut wurde. Neben Einzel- und Doppelhäusern mit Satteldach werden auch solche mit Walmdach ausgeführt. Sprossenfenster mit Schlagläden prägen die Fassaden. Andreas Schwarting spricht von einer „anheimelnden Behaglichkeit“. Mit Kriegsbeginn 1939 endete die Bautätigkeit. Nazi-Deutschland setzte jetzt andere Prioritäten.

Die Kirche St. Franziskus in Dammerstock wurden von den Architekten Fridolin Bosch und Anton Ohnmacht im Stil der traditionellen Moderne geplant. | Foto: Ulrich Coenen

Traditionelle Moderne

Das wichtigste Bauwerk dieser Epoche ist die Kirche St. Franziskus, in den Jahren 1936 und 1937 nach einem Entwurf von Fridolin Bosch und Anton Ohnmacht errichtet. Bosch war seinerzeit Leiter des Erzbischöflichen Bauamtes Heidelberg, Ohnmacht sein Mitarbeiter. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg planten die beiden Architekten übrigens erneut gemeinsam die Pfarrkirche St. Michael im Baden-Badener Stadtteil Neuweier. Die Kirche in Dammerstock ist stilistisch mit der älteren Christkönigkirche im benachbarten Rüppurr von Max Schätzle verwandt. Beide sind ebenfalls der traditionellen Moderne verpflichtet.

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