Demonstranten von Fridays for Future
Die Protestplakate werden da sein, die Demonstranten nicht. Wegen Corona wollen die Fridays for Future ihre Forderungen jetzt nur in digitaler Form publik machen. | Foto: Tom Weller/dpa/Archivbild

Globaler Klimastreik online

Netz statt Straße: Aktivisten von Fridays for Future melden sich zurück

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Die Klimabewegung Fridays for Future meldet sich an diesem Freitag mit einer großen digitalen Protestaktion zurück – und wehrt sich zugleich gegen Vorwürfe, sie würde in Zeiten der Corona-Pandemie nicht an das Gemeinwohl denken. In Gesprächen mit den BNN stellten Aktivisten von Ortsgruppen in Karlsruhe, Rastatt und Pforzheim klar, dass sie sich bei Hilfsinitiativen für die von der Epidemie betroffenen Risikogruppen engagieren würden. Den Kampf gegen den Klimawandel wolle man dennoch nicht aus den Augen verlieren.

Corona-Krise schlägt Klima-Krise: Das gilt jetzt zumindest für das Straßenbild in den Städten und Gemeinden, in denen seit Wochen keine Proteste mehr von jungen Aktivisten zu sehen sind. Die Anti-Epidemie-Maßnahmen haben die Massenaktionen der Fridays for Future (FFF) unmöglich gemacht.

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Mit „Netzstreiks“ gegen Erderwärmung und für stabile Ökosysteme

Gänzlich verschwunden ist die Bewegung aber nicht. Von vielen unbemerkt, kämpfen die FFF mit „Netzstreiks“ weiter gegen Erderwärmung und für stabile Ökosysteme. Dabei weisen die Schüler den Vorwurf zurück, sie würden sich in der Corona-Notlage passiv und unsozial verhalten.

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Die Frage, wie lange sich Sars-CoV-2 auf Plakaten hält, ist gerade für Paula Kanzleiter von größter Bedeutung: Gemeinsam mit ihren Mitstreitern von der FFF-Gruppe Karlsruhe bereitet die 17-Jährige eine Aktion an diesem Freitag vor, die die „Fridays“ in das öffentliche Bewusstsein rücken soll. „Wir erhalten Anfragen: ,Wann geht es wieder los?‘ Die Antwort ist: Jetzt!“, sagt die Schülerin aus Rheinstetten. „Wer unsere Demos vermisst, kann mitmachen am 24. April.“

„Wir können nicht die Straßen fluten – aber dafür das Netz“

An diesem Tag haben FFF Deutschland zu der Aktion „Netzstreikfürsklima“ aufgerufen. Ihre Devise lautet: „Wir können nicht die Straßen fluten – aber dafür das Netz.“ Die Bewegung lädt „Prominente, Musiker*innen und Aktivistis“ dazu ein, auf YouTube ihrem Unmut über das drohende Umweltdesaster Luft zu machen. Die digitalen Demonstranten sollen zudem Protestschilder in ihren Städten sichtbar platzieren und Bilder davon in den sozialen Medien veröffentlichen.

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Darum sammelt Kanzleiters 30-köpfiges Team jetzt Plakate mit Klima-Forderungen, die von einer „maximal vierköpfigen Gruppe“ in der Karlsruher Innenstadt ausgelegt werden sollen. „Unter Einhaltung aller Hygienevorschriften“, betont die junge Frau.

Virologe Drosten hilft mit Einschätzung

Die Aktivisten haben nach eigener Darstellung keinen geringeren als den berühmten Virologen Christian Drosten konsultiert, wie gefährlich in Corona-Zeiten ein Stück Pappe mit einem Holzstab sein kann. „Wir werden die Plakate 24 Stunden unter Quarantäne stellen und sie mit Gummihandschuhen anfassen“, sagt die Schülerin. „Da sie aber nicht husten, dürfte die Ansteckungsgefahr wohl gering sein.“

Die Klimakrise ist gerade kein Thema in der Gesellschaft, und es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie nicht vergessen wird.

Paula Kanzleiter, FFF-Gruppe Karlsruhe

Die Plakate sollen anschließend auf den Dachböden und in den Kellern der Klimaschützer aufbewahrt werden – und auf den Tag warten, an dem sie auf einer Demo an der frischen Luft gezeigt werden dürfen. Am Freitag plant die Ortsgruppe außerdem eine moderierte Live-Sendung mit eingespielten Wortbeiträgen von Forschern. „Die Klimakrise ist gerade kein Thema in der Gesellschaft, und es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie nicht vergessen wird“, erklärt Kanzleiter.

Webinare zum „grünen Kapitalismus“

Um das Ziel selbst nicht aus den Augen zu verlieren, bildeten sich die Fridays for Future seit Beginn der Corona-Pandemie mit Webinaren zum „grünen Kapitalismus“ weiter und übte den virtuellen Protest. Das brachte der Bewegung den Vorwurf ein, sie denke in der Notlage nur an die eigene Präsenz und nicht an das Gemeinwohl.

Paula Kanzleiter findet das nachvollziehbar. Aber nur teilweise: „Die Bewegung will sich nicht in den Vordergrund drängen. Außerdem haben wir Hilfe angeboten – den Landwirten, den Tafeln, bei den Einkaufshilfen. Es hieß jedoch immer: ,Ihr könnt nichts machen‘.“

Mitwirkung bei Hilfsinitiativen

Einspruch auch bei anderen Ortsgruppen: „Unsere Mitglieder haben bei ,Rastatt liefert‘ (Einkaufsservice für Risikogruppen – Anm. d. Red.) mitgewirkt, wir wollten das nur nicht so publik machen“, sagt Jessica Stolzenberger für FFF Rastatt. „Ich finde die Kritik anmaßend, dass wir nicht in den Feldern arbeiten. Erstens sind viele Aktivisten minderjährig, zweitens engagieren sich viele bei Initiativen, die älteren Menschen helfen“, erklärt Jamila Hatlapatka für FFF Pforzheim.

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Beide Gruppen nehmen am digitalen Freitagsstreik teil und wollen Aufnahmen von sich mit Plakaten auf Instagram veröffentlichen. Der Banner der 21-jährigen Politikstudentin Stolzenberger trägt die Aufschrift: „Endliche Ressourcen, unendliche Ignoranz.“

Schüler hoffen auf Umdenken durch Corona

„Wir sagen, dass jede Krise gemeinsam bekämpft werden muss – Corona und der Klimawandel, der alle betrifft. Es kommt in beiden Fällen darauf an, dass man auf die Wissenschaft hört“, sagt sie. „In meiner Stadt erlebe ich eine Veränderung: Der Konsum geht zurück, die Menschen fahren mehr Rad und sind entschleunigt. Dieses Umdenken könnte bewirken, dass wir das Problem Klimawandel gemeinsam angehen“, hofft die 18-jährige Schülerin Hatlapatka.

Manche Experten sehen indes die Fridays for Future an einer Wegscheide. Die Corona-Pandemie könnte die Bewegung hinwegfegen, warnen sie und prophezeien andererseits der Bewegung glänzende Perspektiven, wenn es ihr gelingen würde, die Themen Gesundheitskrise und Klimawandel zu verknüpfen.

Die Bewegung muss sichtbar bleiben, um erfolgreich zu sein

„Im Unterschied zu anderen Protestströmungen haben die FFF unter schwierigen Bedingungen eine Struktur gefunden und ihre Ziele gut kommuniziert“, urteilt im BNN-Gespräch die Protestforscherin Sara Walther von der Essener Folkwang Universität der Künste. „Die ,Fridays‘ haben eine Aufgabe und eine Zukunft über die Corona-Krise hinaus. Um erfolgreich zu sein, muss sie aber weiter sichtbar bleiben.“

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Skeptischer klingt Sabrina Zajak vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung. Sie verweist darauf, dass der Online-Aktivismus ohne Offline-Aktionen selten auf große Resonanz treffe. „Ob ein digitaler Streik so viel Aufmerksamkeit generieren kann wie ein Streik auf der Straße, ist eher zu bezweifeln“, so die Berliner Sozialwissenschaftlerin. Das Problem für FFF sei, dass Corona weltweit die „Aufmerksamkeitsökonomie“ dominiere: „Die potenziell eigene Betroffenheit oder die der eigenen Nation stehen im Vordergrund.“