Fingerspitzen-Spiel: Der kleine Hyazinth-Ara Henry und sein Ziehvater Matthias Reinschmidt haben schon nach wenigen Tagen ein vertrautes Verhältnis
Fingerspitzen-Spiel: Der kleine Hyazinth-Ara Henry und sein Ziehvater Matthias Reinschmidt haben schon nach wenigen Tagen ein vertrautes Verhältnis | Foto: Jörg Donecker

Papageien-Küken Henry

Neuer Hyazinth-Ara im Zoo Karlsruhe

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Der Zoo Karlsruhe ist um eine Vogel-Attraktion reicher. Der zehn Wochen alte Hyazinth-Ara „Henry“ wird derzeit von Zoodirektor Matthias Reinschmidt höchstpersönlich aufgezogen. Geschlüpft ist das Exemplar der weltweit größten Papageienart im Tiergarten Nürnberg aus dem dritten Ei eines dort lebenden Zuchtpaares. Weil drei Küken für die Ara-Eltern zu viel waren und das Nesthäkchen sich nicht wie erhofft entwickelte, nahm Papageien-Experte Reinschmidt den Vogel in Karlsruhe auf.

Schüchtern duckt Henry sich tiefer in seine Tonne hinein, als ihn von oben zwei menschliche Augenpaare fixieren. Er dreht sich auf den Rücken und streckt die verhältnismäßig großen Klauen empor. „So sieht die typische Abwehrhaltung in der Nisthöhle aus“, erklärt Matthias Reinschmidt.

Der Direktor des Karlsruher Zoos ist offensichtlich ganz begeistert von seinem neuesten Schützling. Und auch der etwa zehn Wochen alte Hyazinth-Ara hat längst Vertrauen zu seinem Ziehvater gefasst. Von ihm lässt er sich ohne Furcht anfassen und aus der Tonne heben, die als Ersatz für die natürliche Nisthöhle im brasilianischen Regenwald dient.

Nesthäkchen aus dem Tiergarten Nürnberg

Geschlüpft ist Henry im Tiergarten Nürnberg. Dort lebt seit Jahren ein Zuchtpärchen der weltweit größten Papageienart, die bis zu einen Meter Körperlänge erreicht. Normalerweise hat ein Hyazinth-Ara-Paar ein bis zwei Eier, doch die beiden Nürnberger schafften diesmal sogar drei. „Das ist zu viel“, sagt Reinschmidt.

Das dritte Küken sei zwar auch geschlüpft, doch wurde es von seinen Eltern vernachlässigt und entwickelte sich nicht weiter. „Dann hat man auch noch herausgefunden, dass es eine Nussschale verschluckt hatte. Da hat man mich angerufen und gefragt, ob ich es aufziehen will“, erzählt der Karlsruher Zoochef, seines Zeichens Papageien-Experte mit langjähriger Erfahrung im Loro Parque auf der Kanareninsel Teneriffa. „Und ich wollte. Das lass’ ich mir nicht entgehen.“

Behutsam streicht er dem Ara über das größtenteils schon leuchtend blaue Gefieder. „Ein Papageien-Träumchen“, sagt Reinschmidt liebevoll, zupft die ein oder andere Flaumfeder heraus und krault den Vogel am Kopf. „Das würden die Eltern in der Natur auch so machen“, erklärt er, und Henry plustert sich genussvoll auf.

Streicheleinheiten für Hyazinth-Ara Henry

„Das genießt er jetzt richtig“, meint Reinschmidt, und betrachtet seinen Schützling ganz verzückt. Er lässt den Ara mit Schnabel und Zunge seine Finger ertasten. „Noch ist der Schnabel weich“, sagt Reinschmidt. Doch das Tier mitsamt Schnabel werde noch viel größer und stärker. „Er kann dann eine Paranuss mit einem Biss durchbeißen – oder einen Finger.“ Das würde er aber bei der vertrauten Hand, die ihn füttert, nie tun, erklärt der Zoochef. „Die Hand ist positiv, ein Spiel, da beißt er nicht rein.“

Auch die jetzt noch weiße Haut um Augen und Schnabel und die hellen Stellen an der Zunge des Tieres verändern sich mit dem Erwachsenwerden: Sie werden einmal leuchtend gelb, so wie bei Henrys älterem Kollegen Quicker, der vor gut einem Jahr in Karlsruhe Quartier bezog. Und auch das Gefieder, das an manchen Stellen noch nackte rosa Vogelhaut oder graue Flaumfedern durchblicken lässt, ist noch nicht fertig ausgewachsen.

„Die Federkiele sind noch durchblutet“, erklärt der Papageien-Experte. Später, wenn das Gefieder seine volle Größe erreicht hat, haben die Federn keine Blutgefäße mehr.

Papageien-Expertin Isabell Ziermann päppelte Henry auf

Da entfährt dem blauen Jungvogel mit den schwarzen Knopfaugen ein lauter Schrei. „Das ist das Bettelgeräusch“, erklärt der Ziehvater und beschreibt den Futterreflex, der durch eine bestimmte Berührung des Schnabels mit den Fingern ausgelöst wird. Weil der kleine Ara am Anfang sehr viel Betreuung brauchte – das Küken musste alle zwei Stunden gefüttert werden – und Reinschmidt als Zoodirektor nicht genügend Zeit hatte, päppelte zunächst Papageien-Expertin Isabell Ziermann aus Achern den Vogel auf.

Jetzt, im Alter von etwa zehn Wochen, muss er nur noch dreimal eine Mahlzeit bekommen. Seit zehn Tagen übernimmt diese Aufgabe der Zoodirektor höchstpersönlich. Aus einer großen Kunststoffspritze drückt er eine milchige Flüssigkeit direkt in den schwarzen Schnabel. Es ist eine spezielle Futtermischung zur Vogelaufzucht auf Getreidebasis, die alle wichtigen Nährstoffe wie Eiweiße, Aminosäuren und Vitamine enthält. „Weil Hyazinth-Aras mehr Fett brauchen als Kakadus oder Amazonen, haben wir noch Kokosfett beigemischt“, so Reinschmidt.

Die Krönung der Papageien-Haltung

Nicht alles gelangt ordnungsgemäß durch die Kehle in den Kropf des Vogels, zwischendurch muss überschüssige Flüssigkeit mit einem Tuch abgewischt werden – das kennt man ja auch von Menschenbabys. Erst mit etwa einem Dreivierteljahr wird Henry selbstständig sein.

Reinschmidt macht keinen Hehl aus seiner Begeisterung darüber, dass er jetzt, lange nach seiner Zeit im Loro Parque, wieder Gelegenheit bekommt, einen Hyazinth-Ara aufzuziehen. „Das ist die Krönung der Papageienhaltung“, sagt er. Die seltenen Vögel, die heute in der brasilianischen Pantanal-Region ihr größtes natürliches Verbreitungsgebiet hätten, wurden noch bis in die 1990er Jahre für den Handel gefangen.

Henry soll im Karlsruher Zoo bleiben

Die Abholzung der riesigen Regenwaldbäume, in denen die Hyazinth-Aras ihre Nisthöhlen finden, bedrohe die Art außerdem. Henry solle daher an Menschen gewöhnt werden. „Er ist der ideale Botschafter für bedrohte Papageienarten“, findet Reinschmidt. Er soll Nachfolger des berühmten Hellroten Aras Douglas alias Rosalinda werden.

Und wie lange bleibt das Ara-Kind noch in der ganz persönlichen Obhut des Papageien-Fans Reinschmidt? „Für immer“, meint der lachend. „Ich überlege schon, wie wir eine Voliere bauen können, so dass ich ihn möglichst in meiner Nähe behalten kann“, sagt er, und meint es vielleicht nur halb scherzhaft.

Langfristig solle Henry nicht allein bleiben, doch mit dem älteren Quicker passe er womöglich nicht so gut zusammen. Man werde aber einen passenden Partner finden, vielleicht ein Hyazinth-Ara-Weibchen. Fest steht, dass Reinschmidt „seinen“ Henry nicht mehr ziehen lässt: „Ich gebe ihn nicht mehr her.“