Trachten und Traditionen – wie hier beim Landesfestumzug 2017 in Karlsruhe – gehören zum Heimatgefühl in Baden. Doch sie sind längst nicht alles, womit Menschen heute und in Zukunft den Begriff verbinden werden.
Trachten und Traditionen – wie hier beim Landesfestumzug 2017 in Karlsruhe – gehören zum Heimatgefühl in Baden. Doch sie sind längst nicht alles, womit Menschen heute und in Zukunft den Begriff verbinden werden. | Foto: Peter Sandbiller

„Heimat in Bewegung“

Neues Buch zu Heimatbegriff in Baden

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Was ist Heimat? Auch nach dem Heimattage-Jahr 2017 lohnt es sich, über den Begriff nachzudenken, finden die Verfasser des Buches „Heimat in Bewegung. Heimatbewusstsein in Baden im Zeitalter von Mobilität und Migration“, das in Erinnerung an die gleichnamige Vortragsreihe am Dienstag im Stadtmuseum vorgestellt worden ist.

„Wir wollten die Heimattage nicht nur mit Folklore begehen“, erklärt Robert Mürb, Vorsitzender der Landesvereinigung Baden in Europa, die 2017 die Vortragsreihe gemeinsam mit dem Landesverein Badische Heimat und dem Kulturamt der Stadt Karlsruhe veranstaltete und nun das Buch im Verlag Rombach herausgibt. „Heimat gründet sich auch auf die gemeinsame Geschichte eines Raumes“, so Mürb.

Heimatbewusstsein in Baden erst 200 Jahre alt

In Baden habe sich eigentlich erst in den zurückliegenden 200 Jahren ein Heimatbewusstsein herausbilden können. „Heimat ist da, wo man geboren wird und aufwächst“, so Kulturbürgermeister Albert Käuflein bei der Buchpräsentation. Man könne aber auch – mehrere – neue Heimaten finden.

Das Buch zur Heimat-Debatte präsentierten Sven von Ungern-Sternberg, Albert Käuflein, Robert Mürb und Gerd F. Hepp (von links) im Stadtmuseum.
Das Buch zur Heimat-Debatte präsentierten Sven von Ungern-Sternberg, Albert Käuflein, Robert Mürb und Gerd F. Hepp (von links) im Stadtmuseum. | Foto: Jörg Donecker

In zwölf Beiträgen, die aus den zehn zum Teil stark gekürzten und überarbeiteten Vorträgen hervorgegangen sind, nähern sich die Autoren aus unterschiedlichen Blickwinkeln dem Heimatbegriff und blicken in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Beheimatung in Baden.

Schriftsteller und Büchner-Preisträger Arnold Stadler etwa beschreibt seine persönliche Sicht auf den Begriff, der für ihn eines der schönsten und gleichzeitig der missbrauchtesten Wörter ist. Heimat und Offenheit gehören für ihn zusammen. In den Beiträgen von Thomas Schnabel und Alexandra Fies werden die drei großen badischen Auswanderungswellen – aus Baden und aus dem Raum Karlsruhe – in der Zeit zwischen 30-jährigem Krieg und dem späten 19. Jahrhundert beleuchtet.

Wenig Empathie für Heimatvertriebene aus Russland

Hans-Jürgen Vogt, Vorsitzender der Karlsruher Gruppe im Landesverein Badische Heimat, berichtet von seinem Vortrag im Jahr 2017 zum „Integrationswunder“, wie die Eingliederung Heimatvertriebener nach 1945 genannt wurde: „Es entstand eine lebhafte Diskussion, bei der sich viele überraschend als Heimatflüchtlinge outeten.“

Seinem Beitrag schließt sich im Buch Alfred Eisfeld an, der über Migrationsbewegungen der Russlanddeutschen von und nach Baden berichtet. Die „nur in Ansätzen vorhandene Empathie“ der badischen Bevölkerung habe die Rückkehrer aus der nach 1990 zerfallenen Sowjetunion in den sozialen Abstieg gedrängt. Daher keimten bei ihnen jetzt wieder alte Ängste auf, geschürt durch die AfD und russische Medienberichterstattung.

„Türkenbeute“ als Anknüpfungspunkt für Muslime in Baden

Max Matter weist in seinem Beitrag darauf hin, dass sich der Großteil der türkischstämmigen Einwanderer unbedingt integrieren wolle, viele sich aber aufgrund der Ablehnung inzwischen verbittert der Politik Erdogans zuneigten. Einen positiven Anknüpfungspunkt für muslimische Einwanderer, in Baden heimisch zu werden, sieht Schoole Mostafawy in der „Türkenbeute“ im Badischen Landesmuseum.

2019 werde es dort die Ausstellung „Kaiser und Sultan – Nachbarn in Europas Mitte“ geben, lässt sie bei der Buchpräsentation durch Mitherausgeber Gerd F. Hepp ausrichten.

Zukunft Badens als Grenzregion in der Mitte Europas

Mit den Möglichkeiten des Elsass, im Spannungsfeld zwischen deutscher und französischer Sprache seine Identität zu bewahren, beschäftigt sich Jean-Marie Woehrling, gefolgt von Blicken auf die elsässisch-badischen Beziehungen und die Zukunft Badens als Grenzregion in der Mitte Europas von Gerd Hepp, Robert Mürb und Sven von Ungern-Sternberg. Letzterer bedauert, dass durch die zentralistische Politik aus Stuttgart die Förderung des Französischen in Baden und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu wenig gefördert würden.

„Ich glaube, dass der Zeitpunkt für ein solches Buch sehr gut gewählt ist“, sagt Ungern-Sternberg mit Blick auf die aktuellen Migrationsbewegungen. „Unsere Region ist ein wunderbares Plätzchen Erde, wo Menschen Wurzeln schlagen und sich neu beheimaten können.“

Der Band „Heimat in Bewegung. Heimatbewusstsein in Baden im Zeitalter von Mobilität und Migration“ ist für 24 Euro im lokalen Buchhandel oder direkt beim Verlag Rombach erhältlich.