Fleischmarkthalle
AUFGEFRISCHT mit 1,5 Millionen Euro zeigt die alte Fleischmarkthalle die Patina des alten Gewerbes und die Ausstattung einer modernen Veranstaltungsbühne. Sie kann nun zum Herz des Kreativzentrums „Alter Schlachthof“ werden. | Foto: jodo

Halle im Kreativzentrum

Neues Fleisch für die Kulturschlachterei

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Die Fleischmarkthalle steht nicht nur mitten im Kreativpark Alter Schlachthof, sondern auch beispielhaft für den Boom der Karlsruher Kulturwirtschaft mit freundlicher Unterstützung der Stadtpolitik. Eineinhalb Millionen Euro steckt die städtische Tochter Karlsruher Fächer GmbH allein in die Auffrischung und den Ausbau der denkmalgeschützten Schlachthalle im Industrie-Neorenaissance-Stil des Stadtbaumeisters Wilhelm Strieder von 1887.

70 Millionen investiert

Übrigens schießt das grün-schwarz regierte Land für diese Investition in das Veranstaltungszentrum der Kreativen mit 800 000 Euro mehr als die Hälfte zu. Insgesamt wurden in dem Dutzend Jahre der Umwandlung von Schlachthofgeländes in prosperierende Produktionsstätten von Kulturschaffenden und Hightech-Dienstleistern laut Fächer-Chef Klaus Lehmann rund 70 Millionen Euro gesteckt.

Nach 119 Betriebsjahren in der Oststadt schloss der Schlachthof im Jahr 2006. Für die Verwandlung einer mit dem Blut der Tiere belasteten Lebensmittelfabrik in eine wirtschaftsavantgardistische Oase, wo die Stadt ihren kreativen Nachwuchs fördert, gilt seitdem folgendes Prinzip: Möglichst viel vom Industrie-Ambiente erhalten und dabei eine moderne Infrastruktur für höchste Ansprüche einbauen. Wie diese Mischung aufgeht, zeigt die bisherige Erfolgsgeschichte dieses besonderen Gewerbeparks an der Durlacher Allee in der Oststadt.

Mutation zum Trendviertel

Längst sind das Tollhaus und das Substage überregional ziehende Kulturadressen. Dank des Charmes einstiger Alternativkultur gilt das gesamte Schlachthofgelände mit Ateliers und Hightechlabors, mit Cafés, Restaurants und Rockkneipe heute als das Trendviertel. Da schwärmen inzwischen alle Parteien gleichermaßen – von links bis zur CDU.

 

Fleischmarkthalle
DER ALTE SANDSTEINBAU verströmt den Charme alter Industrie-Architektur. | Foto: jodo

Dabei war die Konversion eines veralteten und in Wohnortnähe mitten in der Stadt auch wegen des Gestanks nicht mehr gelittenen Gewerbes für konventionelle Wirtschaftsförderer zunächst nur eine Träumerei der Alternativkultur. Und zur Europäischen Kulturhauptstadt hatte es für Karlsruhe mit diesem Konversionsprojekt nicht gereicht.

Dann aber wurde der Schlachthof auf der einsetzenden Erfolgswelle der Kreativwirtschaft zu dem Leitprojekt für die 300. Stadtgeburtstagsfeier 2015. Und mit dem Kreativpark scheint sich die Fächerstadt ein nachhaltig wirksames Geschenk gemacht zu haben.

Winterbetrieb

Über ein Jahr war die zuvor schon zehn Jahre als Raum für Ausstellungen oder Feste genutzte Halle eingerüstet. Jetzt hat sie einen neuen, hellen Fußboden. Die Beleuchtung und die Fenster sind verbessert. An der Akustik, die noch einiges zu wünschen lässt, wurde gearbeitet. Heizung und Lüftung sind eingebaut. Jetzt ist die Halle auch im Winter bespielbar. Nebenräume und die Verbindung mit der Wursterei sind entstanden.

Aber die Patina der Hausgeschichte ist geblieben. Zwischen den acht schlanken Stahlsäulen mit Stellen abgeblätterten Lacks hängt die historische Transportschiene für das Fleisch unter der Decke. Rostige Ketten, Räder und Ringe erinnern an die Schlachtgeschichte.

Auch nichtkommerziell

Mit dem vielen Geld soll sich nun das Fächer-Konzept entfalten: „Die Fleischmarkthalle wird in der Gestaltung rudimentär und damit multifunktional erhalten.“ So will die Stadtgesellschaft sie „auch für nicht-kommerzielle und kulturelle, innovative Darbietungen jenseits des Mainstreams zur Verfügung stellen“.

Zum Nutzungsspektrum der Fleischmarkthalle gehören laut „Fächer“ Film-, Theater- und Musikvorführungen, Kunstausstellungen, Tanzveranstaltungen, Lichtinstallationen, Lesungen oder ein Kunsthandwerkermarkt wie „Lametta“.

Schwelgen im Erfolg

Bei der Eröffnungsfeier schwelgen die Beteiligten in Harmonie und versprühen mit den versammelten Politkern Begeisterung über dieses Karlsruher Wirtschaftsförderungs- und Kulturprojekt. Jetzt fehlt nur noch die Verwandlung des Schweineschlacht- und Kesselhauses an der Nordwestecke des Geländes in ein „Haus der Produktionen“.

Dort ziehen die Akrobatenschule der Zirkusakademie, die Tanz-Performance-Schule Xtra Dance, der Künstlerverein Werkraum und deren gemeinsames Zimmertheater ein. „Nächstes Jahr wird auch das fertig sein“, versichert Barbara Rettenmaier, die Gesamtprojektleiterin „Alter Schlachthof“ bei der Fächer Gesellschaft der Stadt. Dann ist die Konversion der alten Schlachthof-Bausubstanz zu Brutstätten der Kreativwirtschaft abgeschlossen.

Neubauprogramm

Dagegen sind für die nächsten zehn Jahre noch einige Neubauten im Kreativpark geplant. Entlang der Grenze zum Messplatz wird neben dem jüngst eröffneten Festigungszentrum für junge Kreativunternehmen schon der Bauplatz für das „Kreativwirtschaftszentrum“ vorbereitet. Dort können dann gestandene Unternehmen der Kreativbranchen ohne Förderung zum Mietpreis von 14 Euro pro Quadratmeter einziehen“, erklärt Rettenmaier.

Viele von ihnen werden dann die dritte Stufe der Karriereleiter im Alten Schlachthof erreicht haben: Nach dem Aufpäppeln als Gründer in einer Seecontainerbox von „Perfekt Futur“, dem Kinderstall in der früheren Schweinemarkthalle, und der Weiterentwicklung im Festigungszentrum folgt das Erwachsensein in vertrauter Umgebung. „In Zwei-Jahres-Schritten sollen dann Bauprojekte entlang der Durlacher Allee folgen“, berichtet Rettenmaier. Von einem Hotel und einer Veranstaltungshalle ist nicht mehr die Rede.

Als Schlussstein ist dann laut Rettenmaier noch „etwas mit Musik“ auf der inneren Freifläche beim Café Alina an der Schweinemarkthalle geplant. Vorerst duften dort Kräuter, es wird gegärtnert, und das Unkraut sprießt auf kleinen Hügeln. Für viele der mittlerweile rund 1 000 Beschäftigten im Kreativpark ist dieses zentrale Fleckchen wie das Grün um Schloss Gottesaue und im Otto-Dullenkopf-Park die Portion Natur, mit der ihre Schlachthof-Kreativität besser blüht.

Fluhrer schwärmt

Baubürgermeister Daniel Fluhrer schwärmt von der Fleischmarkthalle und meint doch den ganzen „Alten Schlachthof“: „Dieser Ort hat Persönlichkeit, einen Charakter, eine Vita, die es zu erhalten gilt.“ Gerade das historische Ambiente biete verquickt mit dem Neuen den besonderen Reiz. Fluhrer nennt es „die transformierte Vergangenheit, die sichtbar bleiben soll“.